„Das ist eine riesengroße Enttäuschung“, sagte Moritz Mauss nach dem U23-Straßenrennen der WM in Montréal. Er war als 21. bester Deutscher, Paul Fietzke wurde 42., die entscheidenden Attacken fuhren andere. Dabei galt die Mannschaft vor dem Rennen als stark, Talente gibt es genug. Wie gut der deutsche Nachwuchs wirklich ist, zeigt jedoch erst die Summe der Ergebnisse dieses Jahres.
Emil Herzog gewann 2022 in Wollongong den Junioren-WM-Titel, als erster deutscher Junior seit Jonas Bokeloh acht Jahre zuvor. Der Start bei den Profis lief allerdings holprig: 2025 musste er nach Krankheit und Sturz kurzzeitig zu den Rookies zurück. Inzwischen konzentriert er sich auf Rundfahrten statt Klassiker und zeigt seine Vielseitigkeit. Beim Unbound Gravel wurde er bei seinem Schotter-Debüt Achter, im Juli holte er den Titel des Deutschen Gravelmeisters, und bei der EM in Slowenien war er als Siebter bester Deutscher. Mit 22 Jahren ist er der Beweis, dass der Weg für deutsche Talente über die Nachwuchsteams ins Profi-Peloton funktionieren kann. Nach und nach setzt sein Team, Red Bull - Bora - hansgrohe, ihn bei immer wichtigeren Rennen ein. Nach dem starken EM-Ergebnis fehlt nun noch ein Topresultat in der WorldTour. Das macht Lust auf die nächste Saison mit Emil Herzog.
Paul Fietzke (20) gewann 2023 Junioren-WM-Silber in Glasgow und stolperte dann in seinem ersten U23-Jahr, während Altersgenossen wie Paul Seixas durchstarteten. 2026 ist er zurück: Beim Trofeo Laigueglia saß er rund 130 Kilometer in der Ausreißergruppe, bei der Deutschen Meisterschaft wurde er Zweiter im U23-Zeitfahren, und Anfang September gewann er die neue Sauerlandrundfahrt samt Punkte- und Nachwuchswertung.
Max Bock (21) ging einen Umweg über Frankreich, zwei Jahre im Development-Team von Groupama-FDJ, und fährt seit diesem Jahr für die Rookies von Red Bull. Er wurde 2025 Achter der Tour de l’Avenir. Bei der Tschechien-Rundfahrt fuhr er 2026 gegen WorldTeams und ProTeams auf Gesamtrang sechs, und im Sauerland gewann er solo die zweite Etappe, seinen ersten U23-Sieg. Lange warten musste man auf den nächsten Sieg nicht. Bei Coppa Citta' Di San Daniele gewann er kürzlich erneut. Bock und Fietzke kommen aus dem Red-Bull-System und standen dort Seite an Seite auf dem Podium. Wie es 2027 mit Bock weitergeht ist allerdings noch offen.
Neben den Rundfahrern stehen drei Talente, die sich gegen die Uhr oder auf der Bahn einen Namen gemacht haben: Keßler, Leidert und Mauss. Bruno Keßler (21, Tudor Pro Cycling Team U23) wurde 2022 Junioren-Weltmeister im Punktefahren auf der Bahn, 2024 holte er WM-Bronze in der Mannschaftsverfolgung. Im Januar 2025 wurde er bei einem Trainingsunfall auf Mallorca von einem Auto angefahren, 18 Tage später fuhr er bei der Bahn-EM auf Platz acht. Auf der Straße verteidigte er 2026 in der Hitze Thüringens seinen Titel im U23-Zeitfahren vor Fietzke. Er machte den klassischen Weg über die Bahn und fuhr mit Platz 13 bei der WM in Montréal in der Juniorenwertung das beste Ergebnis im Einzelzeitfahren des deutschen Teams heraus.
Louis Leidert (21, Lidl-Trek Future Racing) holte 2023 Junioren-WM-Bronze im Zeitfahren und gewann die Trofeo Saarland. Sein 2025 nannte er selbst ein „solides Lehrjahr“, bei der DM 2026 wurde er Vierter im U23-Zeitfahren. Aktuell sortiert er sich noch hinter den beiden Nachwuchsfahrern Fitzke und Bock von Red Bull ein, sein nächster Schritt wird wohl richtungsweisend für seine Karriere sein. Zunächst soll er noch ein weiteres Jahr bei seinem aktuellen Arbeitgeber fahren.
Moritz Mauss (19, UAE Team Emirates Gen Z) ist ein Allrounder zwischen Straße und Bahn: zweimal WM-Silber auf der Bahn in Apeldoorn und in Montréal bester Deutscher. Im April überlebte er einen Sturz bei einem Madison in Gent, bei dem ihm ein 50 Zentimeter langer Holzsplitter durch Hüfte und Oberschenkel drang. Ein paar Zentimeter anders, und seine Karriere wäre beendet gewesen. So aber kann er wieder nach vorne schauen und bereitet sich auf eine weitere Saison beim Nachwuchsteam des Emiraten-Rennstalls vor.
Karl Herzog, der jüngere Bruder von Emil, ist mit 17 Jahren schon U19-Europameister (2025) und deutscher Juniorenmeister (2026). Beim Course de la Paix wurde er 2025 knapp Zweiter, in diesem Sommer gewann er die Königsetappe der Ain Bugey Valromey Tour, der inoffiziellen „Tour de France der Junioren“. Es liegt nahe, dass auch er seinen Weg im Red-Bull-System geht. In dieser Saison zeigte er im Juniorenteam grenke - Auto Eder starke Leistungen, könnte schon in naher Zukunft ins U23 Team des Rennstalls wechseln.
Der deutsche Radsport hat eine Breite von vielversprechenden Talenten, die er lange nicht hatte, und mit Emil Herzog gibt es einen Fahrer, der mit grade einmal 22 oben angekommen ist. Ob aus der Breite eine Spitze wird, entscheidet sich in der Phase, in der Herzog ankam und Fietzke zeitweise ins Stocken geriet: beim Sprung in die U23-Klasse und zu den Profis. Montréal war ein Dämpfer, aber kein endgültiges Urteil. Vielleicht sind es genau die Namen, die in einigen Jahren Etappensiege bei den ganz großen Rennen holen, oder gar als Gesamtsieger einer großen Rundfahrt triumphieren.

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