Heike Naujoks ist so eine Art Primož Roglič der Special Olympics World Games. Die gebürtige Thüringerin begann ihre Sportkarriere als Wintersportlerin - ähnlich wie der aktuelle Sieger des Giro d’Italia aus Slowenien, der als Skispringer erste sportliche Erfolge sammelte. Bei den Weltspielen der Menschen mit geistiger Beeinträchtigung ist Naujoks nun aber im Radsport sehr erfolgreich. Nach einer Goldmedaille im Straßenrennen in Abu Dhabi 2019 gewann sie bei den aktuellen Spielen in Berlin Silber – und hat noch zwei weitere Medaillenchancen. Vom Schwung der Special Olympics erhofft sie sich bessere Trainings- und Wettkampfmöglichkeiten für Athleten und Athletinnen wie sie - auch über die Spiele hinaus.
Die deutsche Radsportnationalmannschaft war schwer aus dem Häuschen. Aus der letzten Kurve des Straßenrennens der Frauen über 15 Kilometer am Brandenburger Tor kam Heike Naujoks als Zweite geschossen. Die Quadriga auf dem Tor beflügelte sie zwar nicht mehr so stark, dass sie noch die führende Manar Al-Alawi aus Kuwait abfangen konnte; immerhin ist sie bereits 54 Jahre alt. Aber sie hielt Platz zwei. “Ich habe mich von Platz fünf vorgearbeitet. Die anderen sind ja viel jünger, da komme ich nicht mehr so schnell weg. Am Ende hat es aber gereicht”, erzählt sie im Ziel stolz. “Ein tolles Rennen, eine wunderbare Stimmung. Überall haben uns Leute angefeuert”, schildert sie ihre ersten Eindrücke.
Tatsächlich sind die Wettkämpfe im Straßenradsport bei den Weltspielen in Berlin etwas ganz Besonderes. Die Straße des 17. Juni ist eine Woche lang für die Sportlerinnen und Sportler abgesperrt. Letzte Positionskämpfe auf der Strecke fechten sie vor dem Reichstag aus, bevor sie dann in die letzte Kurve vor dem Brandenburger Tor biegen und mit der Quadriga im Rücken in Richtung Siegessäule spurten. Viele Menschen stehen entlang der Strecke bei den Special Olympics. Manche nur, weil sie darauf warten, die Straße überqueren zu können, um auf die gläserne Reichstagskuppel zu gelangen. Aber selbst sie lassen sich von denen, die mit Klatschpappen am Rande der Strecke stehen, zu Beifall und Anfeuerungsrufen anstecken.
Zuvor führt die Strecke noch am Schloss Bellevue vorbei, dem Sitz des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Steinmeier hatte die Weltspiele am Samstag feierlich eröffnet. Das halbe Kabinett von Bundeskanzler Olaf Scholz, über Innenministerin Nancy Faeser bis zur Beauftragten für Kultur und Medien, Claudia Roth, war im Olympiastadion vertreten. Die Präsenz der Prominenz, aber auch das positive Feedback, das die Spiele bei der Berliner Bevölkerung erleben, lässt die Hoffnung wachsen, dass die Akzeptanz für Sportler und Sportlerinnen mit geistiger Beeinträchtigung und ganz allgemein für Menschen mit Handicap weiter wächst.
“Ich habe leider nur ein, zwei Wettkämpfe im Jahr mit dem Rad. Ich möchte gerne mehr Wettkampferfahrung haben”, sagt Heike Naujoks. Sie ist eine Athletin, die den Radsport sehr ernst nimmt. Sie hat sogar ein Rad, das von Hersteller Giant ganz speziell für sie gefertigt wurde. “Wir wollten eigentlich ein gebrauchtes Rad für mich. Dann hat Giant aber eines ganz individuell für meine Körpermaße gebaut”, erzählt sie. Das ist noch recht selten im Radsport von Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. Oft gestaltet sich die Suche nach dem passenden Rahmen recht mühsam.
“Hier sehen Sie das Rad von unserer Athletin Elena Bergen”, sagt Cheftrainer Martin Weber, als wir gemeinsam durch das große Zelt gehen, in dem die Räder aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer aufgereiht sind. 187 Aktive starten bei insgesamt 13 Wettbewerben in drei Kategorien. Von 500 Meter bis zehn Kilometer gehen die Zeitfahren, von 5 bis 25 Kilometer die Straßenrennen. Das Rad von Elena Bergen ist eines der kleinsten hier im Zelt, denn Bergen ist kleinwüchsig. “Als wir zum Händler gegangen sind und nach einem Rad für sie gesucht haben, hat der in den Katalogen geblättert und ist tatsächlich auf ein Modell gestoßen, das passen könnte. Und dann hat er bemerkt: ‚Oh, Gott, das gibt es ja nur dreimal in ganz Deutschland. Das müssen wir ganz schnell bestellen.’”
So machte es Weber dann auch. Er betreut Bergen im inklusiven Sportklub TSV Mosbach. Sportvereine, die sich der Inklusion verschreiben, gibt es noch recht wenige in Deutschland. Das bedauert Weber. Und er hofft, dass “die Special Olympics uns allen einen Schub geben und Werbung für die Inklusion machen”, sagt er.
Trainerkollege Oliver Zöbisch, der ebenfalls in einem inklusiven Sportverein arbeitet, sieht es ebenso. Im Inklusiven Sportverein Norderstedt betreibt Zöbisch Inklusion sogar in umgekehrter Richtung. Der Klub startete als Zentrum für Special Olympics-Athleten und öffnete sich sukzessive für Sportler ohne Beeinträchtigung. Er hofft vor allem, dass Rennveranstalter Kategorien für Special Olympics einführen. “Für uns ist es ein Riesenaufwand, Strecken zu finden, die gesperrt werden können. Es gibt ja Rennen im Amateurbereich in Deutschland, Straßenrennen und Rundstreckenrennen sowie kleine Amateurrundfahrten, wo man vielleicht einen Teil für Special Olympics anbieten könnte”, meint Zöbisch. Ein Memorandum of Understanding zwischen dem Weltradsportverband UCI und den Special Olympics wurde im Rahmen der Weltspiele immerhin verabschiedet. UCI-Präsident David Lappartient gelobte darin mehr Aufmerksamkeit für die Inklusion und auch bessere Zugänge zum World Cycling Center in Aigle für Sportlerinnen und Sportler mit Beeinträchtigungen.
Alltagserprobt sind Special Olympics-Athletinnen ohnehin. Zöbischs Radsportgruppe trainiert im normalen Straßenverkehr. Und Heike Naujoks schwingt sich in Thüringen meist ganz allein und unabhängig aufs Rad, um ihre Runden zu drehen. Im Winter schnallt sie sich dann Ski unter die Füße. “Ich bin Spezialistin für den klassischen Stil, war eine Zeit lang die beste klassische Läuferin der Welt. Leider hat das nichts genützt, weil die Skater ja schneller sind und das nicht getrennt gewertet wird”, sagt sie. Auch deshalb versucht sie sich seit einigen Jahren im Radsport. Da immerhin wird weiterhin auf die gleiche Art in die Pedale getreten.