Seit 1994 zählt das Einzelzeitfahren der Männer zum Programm der Weltmeisterschaften. 30 Mal wurde die Konkurrenz damit bisher ausgefahren. Sieben Mal kam der Sieger dabei aus Deutschland. Tony Martin ist mit vier Titeln (2011-2013, 2016) neben Fabian Cancellara Rekordweltmeister, zwei Mal siegte Jan Ullrich (1999, 2001) und einmal Überraschungsweltmeister Bert Grabsch (2008). Mit insgesamt 17 Medaillen - auch Michael Rich und Uwe Peschel trugen zu dieser Bilanz bei - führen die Fahrer aus der Bundesrepublik den Medaillenspiegel an, vor den Schweizern und Australien.
Aus diesen drei Nationen hat 2024 nur eine echte Chancen, ihre Bilanz weiter aufzupolieren. Es sind die Gastgeber, die mit Stefan Küng und Stefan Bissegger gleich zwei heiße Eisen im Feuer haben. Für beide ist das Einzelzeitfahren von Zürich das wichtigste Rennen des Jahres, wenn nicht gar ihrer Karriere. Bei den Olympischen Spielen von Paris lief es für beide nicht wirklich rund, gerade Küng war mit Platz acht überhaupt nicht zufrieden. Doch der 30-Jährige rehabilitierte sich zum Ende der Vuelta mit dem Sieg in Madrid, der ihn automatisch zum Favoriten für die Europameisterschaft machte. Doch aus dem erhofften EM-Titel wurde nichts.
Und auch Bissegger konnte bei den kontinentalen Meisterschaften nicht zeigen, was er drauf hat. Für den Jüngeren der beiden lief die gesamte Saison aber nicht perfekt. Doch wenn beim Heimspiel eine Medaille herausspringt, ist das alles vergessen. Doch der Wettkampf vor eigenem Publikum hat nicht nur das Potenzial zu beflügeln. Gerade Küng läuft langsam aber sicher auch die Zeit davon, er könnte in Zürich einen gewissen Druck spüren. Doch wenn er den in positive Energie umwandeln kann, ist zwar vielleicht nicht der Titel drin, aber im nominell starken Feld zumindest die Medaille.
Jener Titel scheint reserviert für den Olympiasieger und den amtierenden Weltmeister, Remco Evenepoel. Der Belgier gab zu, nach einem Feiermarathon nach den Spielen und Doppelgold in Paris ziemlich von der Rolle gewesen zu sein. Sein Wiedereinstieg ins Renngeschehen bei der Tour of Britain Anfang September lief dann auch nur so mittelprächtig. Die EM ließ er aus, doch das war lange geplant und nicht etwa die Angst davor, seine gefühlte Unantastbarkeit zu verlieren.
Sechs Einzelzeitfahren hat der 24-Jährige in dieser Saison bestritten, vier davon gewonnen. Evenepoel ist also nicht per se unschlagbar. Doch bei der Rad-WM, so keine Vorbelastung aus Rundfahrten Zweifel aufkommen lassen könnte, fehlen aktuell belastbare Punkte, die gegen ihn sprechen könnten.
Vier Zeitfahrsiege in dieser Saison hat neben Evenepoel nur einer vorzuweisen: Brandon McNulty. Der US-amerikanische Meister im Kampf gegen die Uhr kann an einem guten Tag jeden schlagen. Nur hat McNulty ab und zu auch mal schlechte Tage. Der Tag des Zeitfahrens in Paris war sicher kein schlechter, aber auch kein guter. Platz 5 war es am Ende für den 26-Jährigen, der dafür dann den Vuelta-Auftakt gewinnen konnte. Was sich bei McNulty in dieser Saison gezeigt hat: Gewonnen hat er in der Regel die kürzeren Zeitfahren. Bei den längeren reichte es nicht für ganz vorne. Beispielhaft dafür steht auch das letzte WM-Rennen in Schottland, mit knapp 48 Kilometern ähnlich lang wie das von Zürich. Da wurde er Vierter. Und auch Paris zählte mit 33 Kilometern zu den längsten Zeitfahrstrecken des Jahres.
Zweiter US-Amerikaner am Start ist Magnus Sheffield. Auch der 22-Jährige gilt als großes Zeitfahrtalent. Vorne beendet hat er schon mehrere Zeitfahren, gewonnen aber erst eins. Und das ist schon zwei Jahre her. Allerdings haben WM-Zeitfahren in der Vergangenheit auch gerne mal überraschende Medallisten hervorgebracht. Sheffield ist durchaus eines dieser Dark Horses, das dazu in der Lage wäre.
Der Kategorie Dark Horse würde auch Edoardo Affini angehören - wenn er nicht gerade vor Küng Europameister geworden wäre. Allein durch diesen Auftritt hat sich der Italiener in den Kreis der Medaillenanwärter gefahren. Doch holt der 28-Jährige erneut ein absolutes Spitzenergebnis, wäre es dennoch zumindest eine kleine Überraschung. Denn bei der EM dürfte er noch von seiner guten Form aus der Spanien-Rundfahrt profitiert haben. Ob die anderthalb Wochen später auch noch da ist, wird sich zeigen.
Und ob Affini die WM schon langfristig für sich eingeplant und darauf hingearbeitet hat, ist auch eher unwahrscheinlich, denn da ist ja noch Filippo Ganna, Italiens eigentlicher Medaillenkandidat Nummer eins. Doch der quälte sich seit Olympia-Silber mit unerklärlichen Erschöpfungssymptomen herum, die ihn erst bei der Deutschland Tour und dann bei der Renewi Tour verzweifeln ließen. Kurzerhand sagte er die Europameisterschaften ab. Hinter seiner Leistungsfähigkeit steht also ein Fragezeichen. Doch wäre er überhaupt nicht konkurrenzfähig, hätte er auch die WM abgesagt.
Nicht angetreten wäre auch Primoz Roglic, wenn er sich nicht sicher wäre, um die Medaillen mitfahren zu können. Seit seinem vierten Vuelta-Gesamtsieg befindet sich der 34-Jährige Slowene im Stimmungshoch. Und nach einer Saison mit vielen Rückschlägen, dem Sturz im Baskenland und dem Aus bei der Tour de France, dürfte Roglic weiterhin darauf aus sein, einen guten Herbst zu fahren, auch wenn sein das Jahr durch den Sieg in Spanien bereits gerettet ist.
Gut möglich, dass Roglic auch bewusst das Duell mit Evenepoel sucht. Denn nach der Tour hatte Roglic seinen Rang als Nummer drei der Hackordnung der besten Rundfahrer hinter Tadej Pogacar und Jonas Vingegaard in der öffentlichen Wahrnehmung an den Belgier verloren. Vielleicht kann er das Zeitfahren nutzen, um die Reihenfolge aus seiner Sicht wieder gerade zu biegen.
Und dann ist da noch Joshua Tarling. Der 20-Jährige, der die Hierarchie im Zeitfahren im vergangenen Jahr spätestens mit Platz 3 bei den Weltmeisterschaften der Elite ordentlich durcheinanderwirbelte, hat sich in der Weltspitze etabliert. Dennoch fehlt dem Waliser, der auf die EM verzichten musste, weil der britische Verband kollektiv abgesagt hatte, die Konstanz. Bestes Zeichen dafür war der diesjährige Vuelta-Auftakt. Tarling wurde Sechster - allerdings mit nur acht Sekunden Rückstand auf Sieger McNulty - und fiel aus allen Wolken, weil er in seinen Augen aus unerklärlichen Gründen versagt hatte.
Doch das wird den akribischen Youngster nur noch mehr für das WM-Rennen motiviert haben. Wenn er es in der Vorbereitung nicht übertrieben hat, ist er neben Evenepoel und Roglic der heißeste Anwärter auf eine Medaille in Zürich.
*** Remco Evenepoel (Belgien)
** Joshua Tarling (Großbritannien), Primoz Roglic (Slowenien)
* Brandon McNulty (UAE Team Emirates), Edoardo Affini (Italien), Stefan Küng (Schweiz)