Als Lorenzo Finn auf die lange Zielgerade in Zürich kam, da konnte er es nicht fassen. Immer wieder schüttelte er den Kopf, als er schließlich über die Ziellinie rollte, nahm er die Hände an den Helm. Der 17 Jahre alte Italiener war gerade Junioren-Weltmeister 2024 geworden. 127 Kilometer in heftigem Dauerregen musste er dafür überstehen. Doch Finn war an diesem Tag eindeutig der Stärkste. Bereits rund 60 Kilometer vor dem Ziel hatte er eine erste Solofahrt gestartet, die nach knapp 25 Kilometern wieder beendet war. 20 Kilometer vor dem Ziel versuchte sich der Youngster, der für das U19-Team von Red Bull Bora-Hansgrohe, Grenke - Auto Eder fährt, erneut - dieses Mal mit Erfolg. Der Erste, dem er im ZIel in die Arme fuhr, war dann auch Christian Schrot, Boras Nachwuchschef.
Zwei Minuten Vorsprung fuhr er heraus auf seinen ersten Verfolger, den Briten Sebastian Grindley, der Silber holte und ebenfalls als Solist ins Ziel kam. Dahinter sprinteten drei Fahrer um Bronze. Und wieder musste Schrot die Daumen drücken, denn mit Paul Fietzke kämpfte ein weiterer seiner Jungs um Edelmetall. Und es sah gut aus, doch auf den letzten Metern verließen den Vize-Weltmeister aus dem Vorjahr die Kräfte und Senna Remijn aus den Niederlanden zog noch vorbei.
Das Rennen wurde auf den Kopf gestellt, als Titelverteidiger Albert Philipsen aus Dänemark, der das Rennen bis dato diktiert hatte und gemeinsam mit Finn in Führung lag, stürzte. Ein weiterer Favorit auf den Titel, der französische Zeitfahr-Weltmeister Paul Seixas war da bereits lange abgehängt.
“Es fühlt sich an wie ein Traum”, gab der neue Weltmeister Finn nach dem Rennen im Siegerinterview zu Protokoll. “Ich hatte heute wahrscheinlich die besten Beine meines Lebens. Nach der ersten Attacke dachte ich mir auch, eigentlich ist es ein bisschen früh. Aber als Albert die anderen wieder rangebracht hatte, dann stürzte und ich wieder allein vorne war, dachte ich mir, das heute wirklich etwas gehen kann. Eigentlich mag ich den Regen nicht. Mir liegen 35 Grad und Sonne besser. Aber heute war es perfekt.”
Das dänische Team um Titelverteidiger Philipsen sortierte das Feld, das bei Dauerrregen zusätzlich noch durch viele Stürze ausgedünnt wurde, schon vor der ersten von drei Zielpassagen gut aus. Dafür nahmen die Skandinavier sogar in Kauf, schon zwei von vier Helfern zu opfern. Beim ersten Mal im Ziel waren nur noch rund 20 Fahrer im Rennen um den Titel. Keine 50 Kilometer waren da gefahren.
Dieser Fahrerkreis verkleinerte sich am langen Anstieg nach Witikon nochmal, zehn Junioren blieben beisammen, unter ihnen auch Fietzke. 60 Kilometer vor dem Ziel setzte sich Finn von seinen Begleitern ab. Als es dann zum zweiten Mal über die bis zu 17 Prozent steile Bergstraße in Zürich ging, musste dann auch Fietzke reißen lassen. Es bildete sich eine nochmal verkleinerte Verfolgergruppe, angeführt von Philipsen und Seixas.
37 Kilometer vor dem Ziel war Finn wieder eingeholt. Dazu musste Seixas die Gruppe um Philipsen in einem Anstieg ziehen lassen. Als es das letzte Mal die Bergstraße hochging, musste Grindley als Erster des verbliebenen Führungsquartetts reißen lassen. Auch Alvarez bekam Probleme, doch dann stürzte Philipsen in der folgenden bergabführenden Kurve. Für ihn war das Rennen gelaufen.
Fortan waren der Spanier und Finn allein an der Spitze, doch dort funktionierte die Zusammenarbeit überhaupt nicht, weshalb Finn erneut zum Solo startete. Gut 20 Kilometer waren da noch zu fahren. Kurz darauf konnte Grindley wieder zu Alvarez aufschließen, doch Finn hatte da bereits mehr als eine Minute Vorsprung.
Alvarez brach auf den letzten 15 Kilometern komplett ein, musste dann auch Grindley ziehen lassen, der wie Sieger Finn allein über den Zielstrich fuhr. Dahinter kam ein Trio gemeinsam auf die Zielgerade. Neben Remijn und Ashlin Barry (USA) war plötzlich auch wieder Fietzke im Medaillenrennen. Und es sah gut für den Cotbusser, der sich auf den letzten Metern schon eine Radlänge Vorsprung herausgefahren hatte. Doch kurz vor dem Strich zog Remijn doch noch vorbei.