Leon Weidner
· 18.10.2026
Kletterräder sterben aus, Cockpits bekommen Rautenform, Kurbeln schrumpfen, und selbst die Halterung des Radcomputers wird verkleidet. Die Saison 2026 zeigt klare Tendenzen wenn es um Profiräder geht. Dazu hat die UCI mit neuen Regeln kräftig mitgemischt.
Im Profiradsport wird um jedes Watt gekämpft, und das sieht man den Rädern an. Die Saison 2026 hat dabei Entwicklungen beschleunigt, die sich schon länger angedeutet haben. Gleichzeitig hat die UCI mit einem umfangreichen Regelpaket gegengesteuert. Das Ergebnis ist ein spannendes Wechselspiel: Die Ingenieure suchen Vorteile, der Weltverband zieht Grenzen, und die Ingenieure suchen die nächste Lücke.
Der vielleicht deutlichste Trend: Das klassische Kletterrad stirbt aus. Schon bei der Tour 2025 hatten die Favoriten zwar Aero- und Leichtbauräder zur Auswahl, fuhren aber fast ausschließlich Aero, selbst auf den schweren Bergetappen. Möglich macht das ein simpler Umstand: Moderne Aeroräder sind so leicht geworden, dass ihr Gewichtsnachteil kaum noch ins Gewicht fällt. Die Teams haben das Gewicht ihrer Aeroräder radikal gesenkt. Pogačars Colnago Y1Rs in Raw-Carbon-Ausführung soll nur knapp über 7 Kilogramm wiegen, also nah am UCI-Mindestgewicht von 6,8 Kilogramm.
Wer ohnehin nur knapp über dem Limit liegt, gewinnt mit einem noch leichteren Kletterrad kaum etwas, verliert aber auf jedem flachen und welligen Kilometer an Aerodynamik. Bei den heutigen Durchschnittsgeschwindigkeiten ist die Rechnung eindeutig.
Besonders auffällig ist ein Detail an der Front vieler Profiräder: das Cockpit mit merkwürdiger Form. Beim Colnago Y1Rs und beim Cervélo S5 teilt sich der Vorbau in zwei Arme, zusammen mit dem Lenker entsteht in der Mitte eine charakteristische Öffnung. Colnagos Y-förmiger Lenker ist laut Hersteller von Luftfahrt und Motorsport inspiriert und soll mit seinem „Gullwing“-Profil Verwirbelungen an der Front minimieren. Neu ist die Idee nicht, ähnliche Lösungen gibt es auch bei Cervélo und Bianchi.
Wie viel die neuartigen Formen der Cockpits allein bringen, lässt sich nicht sauber beziffern, die Herstellerangaben beziehen sich immer auf das ganze Rad. Colnago gibt für das Y1Rs eine um 19 Prozent kleinere Stirnfläche als beim Vorgänger an, TOUR hat das Rad des Stars Tadej Pogačar mit 204 Watt bei 45 km/h getestet. Klar ist: Das Cockpit ist heute ein aerodynamisches Bauteil und nicht mehr nur der Platz für die Hände.
Damit sind wir beim nächsten Trend: Die Integration wird immer extremer. Sichtbare Züge haben moderne Profiräder praktisch nicht mehr. Lenker und Vorbau sind zu einteiligen Carbon-Cockpits verschmolzen, Flaschenhalter werden eigens für den Rahmen entwickelt. Colnago etwa hat für das Y1Rs eigene Flaschenhalter gebaut, die den Luftwiderstand verringern sollen.
Selbst Kleinigkeiten werden optimiert. Radcomputer und ihre Halterungen bekommen eigene Verkleidungen, damit auch an dieser Stelle keine Luft unnötig verwirbelt. Einzeln sind das kleine Gewinne. In der Summe entscheidet aber genau dieser Kleinkram über die letzten Watt.
Nicht jeder Trend kommt von den Herstellern. Seit dem 1. Januar 2026 gilt ein umfangreiches neues Regelwerk, das die Profiräder an mehreren Stellen verändert hat. Am meisten diskutiert wurde die Lenkerbreite: Lenker müssen jetzt außen mindestens 400 Millimeter breit sein, der Flare darf höchstens 65 Millimeter betragen, und zwischen den Bremsgriffen müssen mindestens 280 Millimeter liegen. Die Folge ist ein fast einheitliches Bild im Feld. Die meisten Profis fahren Lenker mit 380 Millimetern an den Griffen und 400 Millimetern außen am Unterlenker, auch Pogačar und Vingegaard mussten dafür von ihren früheren 360-Millimeter-Lenkern umsteigen.
Auch die Laufräder sind betroffen: Felgen über 65 Millimeter Höhe sind in Straßenrennen verboten. Die ganz tiefen Laufräder für flache Etappen und Massensprints fallen damit weg. Bei den Helmen trennt die UCI Straßen- und Aerohelme jetzt klarer, extreme Beispiele haben im Straßenrennen nichts mehr verloren.
Nach Jahren immer breiterer Reifen hat sich die Entwicklung beruhigt. Für Schlagzeilen sorgte zwar Pogačar mit 38 Millimeter breiten Reifen bei Paris-Roubaix. Auf normalen Etappen landen die meisten Fahrer aber bei 28 oder 30 Millimetern. Der eigentliche Trend ist ein anderer: Reifen und Felge werden als System abgestimmt. Breite Felgen bekommen breite Reifen und umgekehrt, je nachdem, was die beste Kombination aus Rollwiderstand, Aerodynamik und Gewicht ergibt.
Weniger sichtbar, aber nicht weniger bedeutend: Die Kurbeln werden kürzer. Pogačar machte es vor und fuhr 2022 noch 172,5 Millimeter, Mitte 2023 dann 170 Millimeter und seit 2024 nur noch 165 Millimeter. Inzwischen ist das kein Trend mehr, sondern Standard, denn die meisten Profis fahren Kurbeln unter 172,5 Millimetern. Vingegaard ist sogar auf extrem kurze 160 Millimeter umgestiegen. Die Idee dahinter: Kürzere Kurbeln öffnen den Hüftwinkel, erleichtern eine flache Aeroposition und eine höhere Trittfrequenz. Die Hersteller haben reagiert, Shimano bietet die Dura-Ace inzwischen in sieben Längen von 160 bis 177,5 Millimetern an.
Die Saison 2026 zeigt, wohin die Reise geht: Aerodynamik schlägt alles, aber eben nur, solange das Gewicht stimmt. Gleichzeitig wird die Jagd nach Vorteilen immer kleinteiliger, von der Rautenform am Lenker über die verkleidete Computerhalterung. Die UCI wird dabei zunehmend zum Gegenspieler der Ingenieure, hat mit der Ankündigung die Lugano-Charta überarbeiten zu wollen aber eine große Veränderung in Aussicht gestellt. Dass die nächste Regeländerung kommt, ist sicher. Genauso sicher ist, dass die Hersteller den nächsten Weg finden, sie auszureizen.

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