Ackermann“Ich will das Europameister-Trikot”

Andreas Kublik

 · 01.09.2021

Ackermann: “Ich will das Europameister-Trikot”Foto: Getty Images/Bas Czerwinski

Vor drei Jahren war Pascal Ackermann der Liebling der deutschen Radsportfans: Der 28-jährige Radprofi gewann damals im Trikot von Bora-Hansgrohe beim Giro d’Italia zwei Etappen und das lilafarbene Trikot des Punktbesten. In diesem Jahr sitzt der Pfälzer, mittlerweile in Diensten von Team UAE Emirates, während der Italien-Rundfahrt zuhause. Ackermann spricht im TOUR-Interview über seinen Steißbeinbruch, den Giro als Fan vor dem Fernseher, das Vorbild Lennard Kämna und das große Ziel: die EM in München.

Ackermann: “So etwas habe ich noch nicht erlebt”

TOUR: Pascal, Sie sind seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden - seit Ihrem Ausscheiden bei Paris-Roubaix Mitte April sind Sie in Rennen nicht mehr zu sehen. Was ist passiert?

Ackermann: Ich habe bei Paris-Roubaix in der Neutralisation (die Rennphase vor dem eigentlichen Start; Anm. d. Red.) solche muskuläre Probleme bekommen, dass ich nicht mehr treten konnte. Ich war schon raus, bevor das Rennen gestartet ist. So etwas habe ich noch nicht erlebt - es war auch für mich ziemlich deprimierend. Bei weiteren Untersuchungen hat man dann herausgefunden, dass ich einen Haarriss am Steißbein habe.

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TOUR: Woher kam dieser feine Knochenbruch?

Ackermann: Ich hatte bei DePanne (am 23. März, fünf Tage nach seinem ersten Saisonsieg; Anm. d. Red.) einen Sturz, bei dem ich auf den Rücken gefallen bin. Wir haben hinterher geröntgt - aber man konnte nichts sehen. Daher bin ich davon ausgegangen, dass es geprellt ist - was von den Schmerzen her ziemlich gleich ist. Ich bin dann beim Scheldeprijs wieder draufgefallen. Aber nach einer Woche Pause konnte ich alles trainieren. Beim Recon für Paris-Roubaix (Streckenbesichtigung auf dem Fahrrad; Anm. d. Red.) hat es alles noch einmal durchgeschüttelt - das war wohl nicht das Wahre für das Steißbein.

“Ich will nichts riskieren”

TOUR: Was bedeutet ein gebrochenes Steißbein - im Alltag und für einen Radsportler, der im Rennsattel sitzen muss?

Ackermann: Im Alltag wirkt sich das gar nicht aus. Auf dem Rücken schlafen könnte ich nicht, aber ich schlafe eh immer nur auf der Seite. Es wäre nur ein Problem, wenn ich den ganzen Tag auf der Couch liegen und Fernsehen gucken würde. Ich habe es auch vier Wochen nicht gemerkt. Auf dem Sattel sitzen ist nicht das Problem, ich bin ja auf dem Rennrad nach vorne geneigt - deshalb ist keine Last auf dem Steißbein. Aber wenn ich beim Radfahren Kraft aufs Pedal bringen will, merke ich ein leichtes Zucken. Deshalb will ich nichts riskieren.

TOUR: Sie hatten vor drei Jahren beim Giro d’Italia Ihren großen Auftritt. Damals haben Sie zwei Etappen und das Maglia Ciclamino, das fliederfarbene Trikot des Punktbesten gewonnen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an das Rennen?

Ackermann: Der Giro d’Italia ist immer noch einer meiner Favoriten unter den Rennen - einfach, weil ich dort einige meiner mit Abstand größten Erfolge gefeiert habe. Deshalb wäre ich auch jetzt gerne dort!

Etappensieg war das Ziel

TOUR: Was waren die besonderen Emotionen damals beim Giro?

Ackermann: Es war damals das Ziel, eine Etappe zu gewinnen. Aber ich wusste nicht, wie es über drei Wochen läuft. Es war dann ein Überraschungseffekt, dass es gleich am Anfang klappt und so weitergeht.

Beim Giro d’Italia 2019 feierte Pascal Ackermann (rechts vorne im Bild) zwei EtappensiegeFoto: Getty Images/Justin Setterfield
Beim Giro d’Italia 2019 feierte Pascal Ackermann (rechts vorne im Bild) zwei Etappensiege

TOUR: Es war damals Ihre erste Drei-Wochen-Rundfahrt als Radprofi und Sie haben gleich den ersten Massensprint des Rennens gewonnen. Wie erlebt ein Sprinter eine Grand Tour? Es sind schon rein topographisch viele Höhen und Tiefen aufgrund der vielen hohen Berge…

Ackermann: Grundsätzlich muss ich sagen: Ich bin nicht der Sprinter, der überhaupt keine Berge fahren will. Ich freue mich, wenn auch mal eine Bergetappe dabei ist. Aber drei Wochen sind schon zäh. Man macht alle Gefühle durch - von bester Tag des Lebens bis es geht überhaupt nix. Es gab damals einen Tag, wo ich direkt nach dem Start am Berg abgefallen bin und das Team auf mich warten musste, um mich wieder ins Feld zurückbringen.

“Da konnte ich nicht weg vom Fernseher”

TOUR: Sehen Sie sich den Giro d’Italia im Fernsehen an?

Ackermann: Ja, ich bin ja auch ein bisschen Radsportfan! Die Etappe, auf der Lenny (Lennard Kämna; Anm. d. Red.) in der Spitzengruppe war, habe ich mir angeguckt. Mit Lenny bin ich richtig gut befreundet - da konnte ich nicht weg vom Fernseher. Die Sprintetappen werde ich mir nicht ganz angucken, nur das Finale.

TOUR: Nach den Erfolgen beim Giro d’Italia und im Jahr darauf bei der Vuelta a Espana, wo sie ebenfalls zwei Etappen gewonnen haben, sah es so aus, als hätten sie ein bisschen den Faden in Ihrer Karriere verloren?

Ackermann: In der Corona-Zeit habe ich den Anschluss verloren - ich weiß nicht warum. Ich habe richtig gut trainiert - vielleicht ein bisschen zu viel. Danach war ich dann kaputt. Und 2021 war ich richtig gut drauf, ich bin bessere Werte gefahren als sonst. Aber mir haben die Ergebnisse gefehlt.

“Was er schafft, müsste ich eigentlich auch schaffen”

TOUR: Zuletzt konnte man das Comeback von Mark Cavendish als Topsprinter sehen. Und Lennard Kämna hat auch schon ein paar Krisen als Radsportler hinter sich, bevor er jetzt beim Giro d’Italia den Etappensieg am Ätna gefeiert hat. Was können Sie daraus ziehen?

Ackermann: Als ich Lenny gesehen habe, habe ich mich tierisch für ihn gefreut - nach dem letzten Jahr! Ich habe mir gedacht: Was er schafft, müsste ich eigentlich auch schaffen.

TOUR: Sie wollen als Sprinter eine Bergankunft am Ätna gewinnen?

Ackermann: (lacht) Das vielleicht nicht. Aber ich will unbedingt bis zur Europameisterschaft und bei der Vuelta richtig fit sein. Ich muss das Positive rausziehen und mir sagen, dass der Sturz für die restliche Saison ganz gut war.

Ackermann: “Mit der EM noch ein Hühnchen zu rupfen”

TOUR: Sie sprechen die European Championships in München an. Was reizt Sie am Straßenrennen?

Ackermann: Erstmal, dass es eine Heim-Europameisterschaft ist. Außerdem habe ich mit der EM noch ein Hühnchen zu rupfen - ich war dort schon zweimal Dritter (2019 in Alkmaar und 2020 in Plouay; Anm. d. Red.). Ich will unbedingt dieses Trikot. Ich denke, dass der Kurs perfekt für mich ist - am Anfang ein paar Berge, gegen Ende wird’s flacher.

Das Podium der Europameisterschaft 2019: Yves Lampaert, Elia Viviani und Pascal AckermannFoto: Getty Images/Bas Czerwinski
Das Podium der Europameisterschaft 2019: Yves Lampaert, Elia Viviani und Pascal Ackermann

“Werde schneller zurück sein als die meisten denken”

TOUR: Haben Sie mit dem Bund Deutscher Radfahrer über den EM-Einsatz gesprochen?

Ackermann: Konkret haben wir noch nicht gesprochen. Aber für mich persönlich ist es ein Riesenziel. Ich denke, dass ich bis dahin in einer so guten Form bin, dass sie nicht an mir vorbeikommen. Es gibt zwar noch mehr Sprinter in Deutschland. Aber wenn ich nicht der Stärkste in Deutschland bin, dann würde ich eh nicht um den Titel mitfahren.

TOUR: Die Fernziele haben Sie vor Augen. Wie geht es zunächst für Sie weiter?

Ackermann: Ich warte drauf, dass mein Steißbein sagt: Du kannst wieder anfangen! Ich denke, ich werde schneller zurück sein als die meisten denken.