Bereits die Ergebnisse der vergangenen Saisons zeigen, warum Niedermaier als natürliche Nachfolgerin von Niewiadoma gilt. Die Allgäuerin hat sich vor allem bei Rundfahrten als eine der stärksten Nachwuchsfahrerinnen im Feld etabliert. Beim Giro d'Italia Women fuhr sie in diesem Jahr auf Gesamtrang zwei und bestätigte damit ihre Qualitäten im Hochgebirge und über mehrere Etappen hinweg. Wenige Wochen später untermauerte sie ihren Status bei der Tour de France Femmes, wo sie als Gesamtvierte nur knapp am Podium vorbeischrammte und zugleich die Nachwuchswertung gewann.
Dabei ist bemerkenswert, dass Niedermaier viele ihrer Erfolge bislang noch in einer Rolle einfuhr, in der sie Rücksicht auf die Mannschaftsstrategie nehmen musste. Während Niewiadoma als unumstrittene Kapitänin auf die großen Rundfahrten ausgerichtet war, agierte Niedermaier häufig als zweite Option oder wichtige Helferin in den Bergen. Ihre eigenen Ambitionen mussten dabei regelmäßig hinter den Teamzielen zurückstehen.
Genau das könnte sich nun ändern. Mit dem Weggang von Niewiadoma entsteht bei Canyon//SRAM nicht nur eine Lücke in der Führungsstruktur, sondern auch eine große Chance. Zwar verfügt das Team weiterhin über mehrere starke Fahrerinnen, doch keine vereint aktuell dieselbe Kombination aus Alter, Entwicklungspotenzial und bereits nachgewiesener Grand-Tour-Stärke wie Niedermaier. Es wäre daher alles andere als überraschend, wenn die Deutsche künftig als erste Anwärterin auf die Kapitänsrolle in die wichtigsten Rundfahrten startet.
Für Niedermaier würde das einen grundlegenden Wandel bedeuten. Statt ihre Kräfte für eine Teamleaderin einzusetzen, könnte das Team nun um ihre eigenen Ambitionen herum aufgebaut werden. Domestikinnen würden gezielt für ihre Unterstützung verpflichtet oder eingesetzt, die Rennstrategie stärker auf ihre Stärken zugeschnitten und die gesamte Saisonplanung konsequent an den großen Rundfahrten ausgerichtet.
Der Unterschied zwischen einer Helferin und einer echten Kapitänin lässt sich im Profiradsport kaum überschätzen. Wer auf die Gesamtwertung fährt, erhält Schutz auf den Flachetappen, Unterstützung bei Positionskämpfen, taktische Rückendeckung in den Bergen und oft die uneingeschränkte Priorität innerhalb der Mannschaft. Genau dieser Rückhalt kann in einer Grand Tour über Minuten entscheiden.
Dass Niedermaier das sportliche Niveau für diese Rolle besitzt, daran bestehen kaum Zweifel. Die ehemalige Ski-Bergsteigerin hat sich in kurzer Zeit zu einer der komplettesten Rundfahrerinnen ihrer Generation entwickelt. Ihre Kletterfähigkeiten gehören bereits zur Weltklasse, gleichzeitig verbessert sie sich kontinuierlich im Zeitfahren und in taktisch anspruchsvollen Rennsituationen. Mit gerade einmal 23 Jahren dürfte ihre Entwicklung noch längst nicht abgeschlossen sein.
Aus deutscher Sicht verleiht das der Situation zusätzliche Brisanz. Seit Jahren wartet der deutsche Frauenradsport auf die nächste Fahrerin, die dauerhaft um die vorderen Plätze der größten Radrennen kämpfen kann. Neben Franziska Koch gilt Niedermaier als das vielversprechendste heimische Talent für die kommenden Jahre. Während Koch vor allem durch ihre Vielseitigkeit und Entwicklungsschritte, speziell gemessen an den großen Eintagesrennen, Aufmerksamkeit erregt, hat Niedermaier bereits bewiesen, dass sie bei den wichtigsten Etappenrennen der Welt um Podiumsplätze fahren kann.
Der Wechsel von Kasia Niewiadoma zu Lidl-Trek könnte deshalb weitreichendere Folgen haben als nur eine Veränderung auf dem Transfermarkt. Für Canyon//SRAM beginnt eine neue Ära, und vieles deutet darauf hin, dass ihr Gesicht künftig Antonia Niedermaier sein wird. Noch ist nicht ausgeschlossen, dass das Team auf dem Transfermarkt reagiert und eine weitere hochkarätige Rundfahrtspezialistin verpflichtet. Sollte dies jedoch ausbleiben, dürfte die Deutsche spätestens 2027 als klare Grand-Tour-Kapitänin in die Saison starten.
Für Niedermaier wäre das der logische nächste Schritt einer Karriere, die bislang steil nach oben zeigt. Und für die deutschen Radsportfans könnte genau jetzt die Zeit beginnen, in der die Hoffnung auf den langersehnten heimischen Grand-Tour-Sieg im Frauenradsport realistischer wird als je zuvor.

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