Sechstage-Rennen in Stuttgart, irgendwann Anfang der 90er-Jahre. Die Uhr geht auf Mitternacht zu, aber die Ränge der Hanns-Martin-Schleyer-Halle sind noch dicht besetzt. Zu der Zeit waren Sixdays extrem populär, auf dem Lattenoval gaben sich Stars aus dem Straßenradsport und bekannte Bahn-Asse ein Stelldichein und boten den Zuschauern eine packende Show. Stuttgart galt damals als das sportlich anspruchsvollste Sechstagerennen, vor allem aufgrund der mit 285 Metern sehr langen Bahn, auf der 1991 und 2003 Weltmeisterschaften im Bahnradsport stattfanden.
Die Namen der Rennfahrer wecken bei vielen Radsport-Fans auch heute noch Erinnerungen an unterhaltsamen Radsport und spannende Rennen: Urs Freuler, Etienne De Wilde, Kurt Betschart und Bruno Risi, Rolf Aldag, Danny Clark, Tony Doyle – und Michael Hübner.
Hübner, Bahnrad-Sprinter aus Chemnitz, erlebte in jenen Jahren die Hochphase seiner Laufbahn. Als sich dem schon in der DDR erfolgreichen Amateur (Sprint-Weltmeister 1986) nach der Wende die Chance bot, Profi zu werden, packte er zu. Zwischen 1990 und 1992 errang er drei Weltmeistertitel im Keirin und zwei im Sprint. 1995 kam ein weiterer Titel im Teamsprint mit Jan van Eijden und Jens Fiedler hinzu. Über viele Jahre hinweg war Michael Hübner eine der populärsten Gast-Stars in der japanischen Keirin-Szene.
An diesem Abend in Stuttgart hat “der Dicke”, wie ihn viele Freunde aus der Szene nannten”, gerade Pause. Vorläufe haben stattgefunden, die Finals der schnellsten Männer auf der Bahn folgen erst spät in der Nacht. Michel Hübner lehnt an der Bande; im Kreis der oft eher schmächtigen Sixday-Profis ragt der Hüne aus Chemnitz aus der im Innenraum herumwuselnden Menge hervor wie ein Leuchtturm. 100 Kilo Muskeln, Oberschenkel wie Baumstämme, 67 Zentimeter Umfang. Das Gespräch mit dem Sprint-Star vor gut dreißig Jahren ist längst vergessen, es wird um seine Siegchancen gegangen sein, um seine härtesten Gegner, um die speziellen Anforderungen der “elend” langen Stuttgarter Bahn. Aber die Stimmung ist noch präsent. Hübner war ein Typ, ein sympathischer Plauderer, charmant und wortgewandt. 1996 beendete Michael Hübner seine lange Karriere im Alter von 37 Jahren, zusammen mit Jens Fiedler und Sören Lausberg gelang ihm bei der Bahnrad-WM im britischen Manchester noch der einmal der Gewinn der Silbermedaille.
Nach seiner aktiven Laufbahn blieb der dem Bahnradsport weiterhin verbunden. Bis 2022 fungierte der Chemnitzer als Sportlicher Leiter der Bahnrad-Mannschaft Theed Projekt Cycling (früher Team Erdgas), zu der Größen wie Kristina Vogel, Maximilian Levy, Lea Sophie Friedrich sowie sein Sohn Sascha Hübner gehörten. Am 12. November 2024 ist Michael Hübner nach schwerer Krankheit verstorben.

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