Marco Brenner im TOUR-InterviewDeutsches Top-Talent über Vuelta-Premiere & seine Zukunft

Tom Mustroph

 · 08.11.2022

Alle Etappensieger der Vuelta a Espana 2022: 1. Etappe: Jumbo-Visma
Foto: Getty Velo

Marco Brenner aus Augsburg bestritt bei der Vuelta a Espana erstmals eine dreiwöchige Landesrundfahrt, war der beste Deutsche und bewies Kletter-Talent. Im TOUR-Interview äußert er sich zu seinem Auftritt in Spanien und zu seiner Entwicklung.

Interview: Tom Mustroph

Interview mit Marco Brenner

TOUR: Marco, Sie haben Ihre erste große Landesrundfahrt erlebt. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Marco Brenner: Anfangs lief es ganz okay, da war ich auch mal in einer Fluchtgruppe. Dann habe ich mich leider erkältet. Den zweiten Ruhetag und auch das Zeitfahren konnte ich gut als Erholung nutzen. In der zweiten Woche war ich zweimal in der Fluchtgruppe, war am Ende einmal Fünfter und an dem Tag auch richtig lange vorn mit dabei.

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2010: Vincenzo Nibali (Italien/Liquigas)
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Verlagssonderveröffentlichung

TOUR: Bei der Bergankunft der 12. Etappe in Penas Blancas lagen Sie im Ziel nur 34 Sekunden hinter Etappensieger Richard Carapaz. Wie war es, sich mit einem Olympiasieger zu messen?

TOUR: Es war auf jeden Fall ein Mega-Gefühl. Das hat mir Vertrauen gegeben - für die folgenden Etappen und für die Zukunft.

Marco Brenner: Der 20-jährige DSM-Profi war der beste Deutsche und bewies Kletter-TalentFoto: Auld Photography Ltd
Marco Brenner: Der 20-jährige DSM-Profi war der beste Deutsche und bewies Kletter-Talent

TOUR: Entscheidend ist bei den langen Etappenrennen meist, wie leistungsfähig oder wie müde man in der dritten Woche ist.

Marco Brenner: In der dritten Woche habe ich mich auch ganz gut gefühlt. Da hat sich mein Fokus aber geändert. Als Team hatten wir das Ziel, Thymen Arensman (der Teamkollege wurde Gesamtsechster; Anm. d. Red.) weit vorn im Klassement zu halten.

Steckbrief Marco Brenner

  • Geburtsdatum: 27.08.2022
  • Größe: 1,78 Meter
  • Profi seit 2021
  • Aktuelles Team: DSM

TOUR: Bei dieser Vuelta fielen die Jungen auf: Der 22-jährige Remco Evenepoel gewann, die Spanier Juan Ayuso (19 Jahre) und Carlos Rodriguez (21) lagen auf den Rängen drei und sieben. Wie sehen Sie Ihre eigene Leistung?

Marco Brenner: Ich denke, ich bin auf einem guten Weg. Bei mir ist es so, dass ich immer mal wieder einen Tag habe, an dem ich mein Potenzial zeige. Aber die Konstanz ist noch nicht ganz da. Ich denke aber auch, dass diese Fahrer Ausnahmen sind.

TOUR: Sie wurden während des Rennens 20 Jahre alt, Ihr Teamkollege Arensman gewann die Königsetappe. Welche Party war besser?

Marco Brenner: Schwer zu sagen. Es hat beides Freude gemacht. An meinem Geburtstag hatten wir morgens leider zwei Corona-Fälle. Da dachte ich mir: Jetzt machen wir mal etwas, das die Stimmung verbessert. Ich habe Cava, diesen Schaumwein, besorgt, und wir haben angestoßen. Mit Thymen den Etappensieg zu feiern - das war auch sehr cool. Wahrscheinlich war Thymens Party einen Tick besser.

TOUR: Was ist bei einer Grand Tour anders als bei den kürzeren Rundfahrten?

Marco Brenner: Grundsätzlich ist es eigentlich nicht anderes, nur länger. Das einzige Ungewohnte ist, dass man Ruhetage hat. Bei einer einwöchigen Rundfahrt zieht man einfach sieben Tage durch. Und hier ist das, als wenn ich drei einwöchige Rundfahrten direkt hintereinander fahre. Dieses Jahr bin ich die Tour of the Alps gefahren und dann zur Tour de Romandie weiter. Es lagen vier Tage dazwischen, aber es hat sich mit den ganzen Reise­tagen wie ein großer Block ähnlich wie hier angefühlt.

Ich bin auf einem guten Weg

TOUR: Sie haben sich mit John Degenkolb ein Zimmer geteilt. Was hat Ihnen John im Rennen alles beigebracht?

Marco Brenner: Eine wichtige Sache war, dass ich ruhig bleiben muss, wenn das Finale losgeht oder es sonst etwas stressiger wird. Dadurch verliere ich vielleicht ein paar Positionen, aber ich fahre gleichmäßiger und spare Kraft. Außerdem hat er mir beigebracht, dass ich mich klug verhalten und nicht in Teams reinfahren soll, sondern immer schön daneben oder dahinter oder eben vorbei.

TOUR: Bei der Einschulung sollen Sie gesagt haben, Lesen und Schreiben bräuchten Sie nicht, weil Sie ja Radprofi würden. Stimmt die Geschichte?

Brenner: Ja, der Vater von meinem besten Freund, der mit dabei war, sagte damals: “Marco, jetzt lernst du lesen und schreiben.” Und ich habe gesagt: “Nee, das brauche ich gar nicht, ich werde doch Radprofi.” Ich bin damals schon Mountainbike gefahren, mit sieben, acht Jahren dann auf der Straße. Ich saß, seit ich laufen konnte, auf dem Rad. Und ich habe mir immer vorgestellt, dass ich Profi werde. Das hat ja dann auch geklappt.



TOUR: Die U23-Klasse haben Sie übersprungen, sind mit 18 vom Bora-Nachwuchsteam Auto Eder zum World-Tour-Team DSM gewechselt. Mancher hielt das für zu früh. Wie bewerten Sie Ihre Entscheidung rückblickend?

Marco Brenner: Es war eine gute Entscheidung und hat mir viel gebracht. Klar, man muss sich erst daran gewöhnen, dass man nicht mehr gewinnt wie früher in den Nachwuchsklassen.

TOUR: Wie sieht Ihr Entwicklungsplan als Profi aus?

Marco Brenner: Ich habe mich gut entwickelt, komme immer näher ran an die Besten. Ich bin zufrieden, wie es läuft. Und so kann es weitergehen. Mein nächstes Ziel ist, im nächsten Jahr einwöchige Rundfahrten auf Klassement fahren zu können. Dann sieht man, wie es läuft. Und ich hoffe, dass ich so bald wie möglich meinen ersten Profisieg einfahren kann.

TOUR: Und was streben Sie nach der Erfahrung bei dieser Vuelta bei den dreiwöchigen Rundfahrten an?

Marco Brenner: Eigentlich war der Plan, dass ich erst im dritten Jahr als Profi die Vuelta mache. Nun kam es ein Jahr früher. Natürlich würde ich auch gern bei einer Grand Tour versuchen, auf Klassement zu fahren. Meine Voraussetzungen dafür sind ganz gut. Für meine Größe (1,78 Meter; Anm. d. Red.) kann ich gut Zeitfahren, und über die Berge komme ich auch nicht schlecht. Es ist allerdings ganz etwas anderes, eine Grand Tour zu beenden, als bei ihr aufs Podium zu fahren.

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Marco Brenner bei der Vuelta 2022 | Bilder: Getty Velo