Lennard Kämna im TOUR-Interview“Ich will den Rennen meinen Stempel aufdrücken”

Andreas Kublik

 · 24.10.2022

Lennard Kämna im TOUR-Interview: “Ich will den Rennen meinen Stempel aufdrücken”Foto: Getty Velo
Lennard Kämna bei seinem Giro-Etappensieg auf dem Ätna

Lennard Kämna, Profi beim Team Bora-Hansgrohe, spricht im TOUR-Interview über seine Saisonbilanz 2022 mit den Siegen beim Giro und künftige Versuche, ein Klassementfahrer werden zu wollen.

Interview: Andreas Kublik

TOUR: Lennard, die deutschen Fans haben Sie lange nicht mehr in Rennen gesehen - seit Sie nach der 15. Etappe der Tour de France Mitte Juli ausgestiegen sind. Wo haben Sie gesteckt?

Kämna: Ich habe nach der Tour Pause gemacht, wie geplant. Ich hatte danach Probleme an Hüfte bzw. Leiste. Bei einem Rennen bin ich noch gestartet (Aufgabe bei der Coppa Sabatini Mitte September; Anm. d. Red.). Aber ich habe einfach gemerkt, dass es in der abgelaufenen Saison nicht mehr klappt mit der Fitness. Wir haben viel Reha gemacht - jetzt sieht es gut aus. Ich gehe davon aus, dass ich wieder ganz normal in die neue Saison starte.

Verlagssonderveröffentlichung

Zum Durchklicken: Die World-Tour-Siege von Bora-Hansgrohe 2022

Sergio Higuita: Gesamtsieg bei der Katalonien-Rundfahrt
Foto: Getty Velo

TOUR: Die Belastung mit der Kombination des Starts bei Giro d’Italia und Tour de France für Sie war sehr hoch. War das zu viel?

Kämna: Es war auf jeden Fall eine Erfahrung und es hat mir viel Spaß gemacht, die beiden Grand Tours hintereinanderzufahren. Aber ich werde es im nächsten Jahr wahrscheinlich nicht wieder tun. Ich hatte viele Renntage: 64 - innerhalb einer relativ kurzen Periode (63 davon von Februar bis Juli; Anm. d. Red.). Insgesamt war es eine gute Saison für mich - ich bin sehr zufrieden.

TOUR: Was war für Sie der schönste Moment des Jahres - Ihr Etappensieg auf dem Ätna beim Giro d’Italia?

Kämna: Ich würde sagen: der Moment, als Jai beim Giro nach der letzten Etappe, dem Einzelzeitfahren, ins Ziel gekommen ist, und wir als Team zusammen feiern konnten und gemeinsam auf dem Podium standen. Das war richtig schön, das hat richtig Spaß gemacht.

Kämna glücklich über Hindleys Giro-Sieg

TOUR: Es war schöner, in der Arena in Verona den Giro-Gesamtsieg mit dem Teamkollegen Jai Hindley zu feiern als den eigenen Erfolg, den Etappensieg?

Kämna: Auf jeden Fall! Es passiert nicht so häufig im Leben eines Radsportlers, dass man Teil eines Teams ist, das eine Grand Tour gewinnt. Darüber bin ich sehr, sehr happy.

TOUR: Im TOUR-Interview (Ausgabe 9 / 2022) hat Hindley Ihre überragende Arbeit auf der letzten Bergetappe mit der Bergankunft am Passo Fedaia gelobt. Sie haben nach einem langen Tag in der Ausreißergruppe bei der Fahrt durch die Dolomiten Hindleys Attacke gegen Richard Carapaz vorbereitet - es war der Grundstein zum Gesamtsieg. Was hat Sie zu dem Kraftakt motiviert?

Kämna: Es gibt wahrscheinlich einen oder zwei Momente in einer Karriere, in denen man sich überlegen kann: Fahre ich jetzt egoistisch oder bin ich lieber ein guter Teammate (Teamkollege; Anm. d. Red.), der versucht, für das Team das Beste herauszuholen. Es war an diesem Tag völlig klar: Wenn Jai sich gut fühlt, werde ich alles für ihn geben. Ich habe während des Rennens mit dem Auto (mit den Sportlichen Leitern im Begleitfahrzeug; Anm. d. Red.) besprochen, was ungefähr die Idee ist. Am Ende war es einfach Intuition, was ich gemacht habe. Es ist einfach passiert. Es hat richtig viel Spaß gemacht zu helfen - das war ein schöner Moment.

Kämna über Ausstieg bei Tour de France

TOUR: Was war der härteste Moment 2022?

Kämna: Ich bin viele gute Rennen gefahren und war oft dabei, wenn die Stimmung im Team gut war. Es gab wenige richtige Downer. Abgesehen vom Frühjahr, nachdem ich im März corona-positiv gewesen war - aber ohne starke Symptome. Der Tiefpunkt war der Ausstieg aus der Tour wegen einer echt hartnäckigen Bronchitis. Als ich ausgestiegen bin, war ich schon auf dem Weg der Besserung. Aber wenn man sieht, jetzt kommen vier richtig harte Bergetappen und man weiß, man kann nichts mehr rausholen, nicht mehr richtig helfen, nur noch mitfahren - dann war die Entscheidung richtig, nach Hause zu fahren. Es tut trotzdem weh - die Tour hätte ich schon gerne gefinisht.

TOUR: Sie waren ursprünglich auch für einen Start bei der WM Ende September in Australien vorgesehen?

Kämna: Ja. Ich hatte ursprünglich das Ziel dort hinzufahren, speziell wegen des Zeitfahrens - daran will ich vermehrt arbeiten. Wegen der Verletzung war es aber nicht möglich, auf dem Zeitfahrrad zu trainieren, weil das eine harte Belastung für den Muskel gewesen wäre, der herumgesponnen hat. Deswegen haben wir das gecancelt.

Begeistert vom Cape Epic

TOUR: Wie geht es weiter? Gibt es wieder Projekte wie im vergangenen Jahr, als Sie im Herbst beim Mountainbike-Etappenrennen Cape Epic in Südafrika gestartet sind?

Kämna: Ich kann mir vorstellen, das nochmal zu machen. Das hat echt Bock gemacht. Und von der Sturzgefahr ist es kein bisschen gefährlicher als ein belgischer Klassiker. Aber das Cape Epic findet normalerweise im März statt und lässt sich daher mit der Straßensaison nicht vereinbaren. Daher ist es in den nächsten Jahren erstmal nicht geplant.

TOUR: Was ist die Faszination an Mountainbike-Rennen?

Kämna: Es war einfach mal was anderes. Das nächste Mal würde ich vielleicht mit mehr Ambitionen an die Sache herangehen - fitter am Start sein wollen. Beides ist toll - aber Rennradfahren macht mir tendenziell noch mehr Spaß.

TOUR: Sie sind jetzt 26 Jahre alt und habe Ihre Fähigkeiten im Profiradsport ein bisschen ausloten können. Mit dem Blick voraus - was ist Ihr radsportsportliches Projekt 2023?

Kämna: Wir haben auf jeden Fall ein paar Projekte vor. Wir werden sicher Projekte Richtung GC (Gesamtklassement; Anm. d. Red.) starten. Was wir genau machen, werden wir in den nächsten Wochen besprechen.

Kämna über Klassement-Ambitionen

TOUR: Man hat gesehen: Sie fahren gerne aggressiv, offensiv, unterhaltsam und erfolgreich. Gleichzeitig gibt es gerade in Deutschland immer die Frage: Haben wir in Lennard Kämna nicht ein großes Talent für das Gesamtklassement einer Drei-Wochen-Rundfahrt? Klassementfahren bedeutet oft aber auch, sich zurückhalten, eher defensiv zu fahren. Wie passt das zu Ihren Vorlieben?

Kämna: Ich versuche immer, aggressiv zu fahren! Für mich wäre es nicht einfach zu akzeptieren, nur mitzufahren. Ich würde ungerne GC-Fahrer werden, wenn ich merke: ich fahre um Platz zehn, elf, zwölf, dreizehn. Das würde mich nicht befriedigen. Das wäre wirklich nur mitfahren - man kann nichts gestalten. Dann würde ich lieber auf Attacken gehen. In meinen Träumen möchte ich einem Rennen meinen Stempel aufdrücken, agieren können. Aber so weit bin ich noch nicht.