Pogačar dominiert nicht nur, er bestimmt wie Rennen gefahren werden. Ein Kommentar dazu, dass Teams ihm dabei oft helfen und was sich ändern muss, um UAE wirklich unter Druck zu setzen.
Tadej Pogačar ist in diesen Wochen nicht einfach nur stark, er ist eine Art Schwerkraft im Peloton. Wo er auftaucht, ordnen sich Bewegungen um ihn herum neu, Strategien verschieben sich, alte Reflexe greifen. Das zeigt sich nicht nur in dem, was sein eigenes Team leistet, sondern gerade in dem, was andere Teams bereit sind zu tun. Denn das wirklich Auffällige an dieser Saison ist nicht allein, dass der Slowene Sieg an Sieg reiht, sondern dass sich Rennen mitunter so anfühlen, als würden mehrere Mannschaften unbewusst an derselben Dramaturgie mitschreiben: Tempo, Kontrolle, Nachführarbeit, selbst dann, wenn es Pogačar offenkundig nützt.
Mailand–Sanremo liefert dafür das beste Beispiel. Eigentlich ist die Rollenverteilung bekannt. Pogačar braucht ein Rennen, das brennt: lange hart, selektiv, so angelegt, dass am Poggio nicht mehr ein ganzer Zug an schnellen Männern im Windschatten hängt, sondern nur noch eine kleine, müde Elite. Mathieu van der Poel dagegen muss dieses Feuer nicht zwingend selbst entfachen. Er kann in einer kleinen Gruppe mit Pogačar ankommen und hat im Sprint, je nach Konstellation, die besseren Karten. Und doch sieht man Alpecin ganz vorn. Silvan Dillier fuhr wie im vergangenen Jahr knapp 200 Kilometer an der Spitze des Feldes, jagte den Ausreißern hinterher.
Genau hier beginnt das Problem, und es ist weniger taktisch als kulturell. Im modernen Peloton gibt es eine seltsame Höflichkeit gegenüber Dominanz. Teams reden sich ein, Nachführarbeit sei neutral, ein Dienst am Rennverlauf, ein Beitrag zur Ordnung. Aber Ordnung ist in Wahrheit eine Währung. Und wenn du sie herstellst, bezahlst du oft den Fahrer, der sie am besten in Siege ummünzen kann. In dieser Saison ist das fast immer Pogačar. Deshalb müsste der erste Reflex vieler Teams nicht sein: Wir dürfen das Rennen nicht entgleiten lassen, sondern: Wir lassen es genau so lange entgleiten, bis UAE nervös wird.
Denn die Rollen sind eigentlich eindeutig verteilt. UAE hat nicht nur irgendeinen Kapitän, UAE hat den großen Favoriten. Und wer den großen Favoriten hat, hat auch die Pflicht. Nicht moralisch, sondern sportlich. Wer Pogačar in seinen Reihen hat, kann sich nicht in ein Rennen stellen und darauf warten, dass andere Mannschaften ihm das Finale vorbereiten. Das ist keine Kooperation ohne Handschlag, das ist eine Umverteilung von Arbeit. Und sie passiert, weil zu viele Teams sie akzeptieren, statt sie offen zu verweigern.
Das ist der Punkt, an dem Teams konsequenter werden müssten und zwar auch in der Kommunikation. Nicht nur im Funk, nicht nur in der Mannschaftsbesprechung, sondern sichtbar. Wenn UAE Kontrolle will, sollen sie sie nehmen. Wenn UAE das Feld in Reichweite halten will, sollen sie fahren. Wenn UAE das Rennen sortieren will, damit Pogačar an den entscheidenden Anstiegen Attacken setzt, dann sollen sie den Preis dafür zahlen: Helfer verbrauchen, Ressourcen offenlegen, Kräfte einsetzen.
Aktuell wirkt es oft, als würden alle bei Pogačars Jagd nach dem nächsten Sieg mithelfen, dabei wünschen sich viele Radsport-Fans (und mir geht es als Journalist und Begeistertem ähnlich) offenere Rennen ohne vorbestimmten Ausgang. Vielleicht tut genau deshalb Wout van Aerts Sieg bei Paris-Roubaix so gut, weil er das Gefühl zurückbringt, dass der Radsport wieder wirklich lebt. Das Peloton fährt natürlich nicht immer für Pogačar, aber viel zu oft. Daher meine Hoffnung: lasst UAE arbeiten, damit Rennen wieder offener werden!
Werkstudent