Interview Georg ZimmermannDer Radprofi über Tour de France, Träume in Schwarz-Rot-Gold und den Rennradboom

Andreas Kublik

 · 25.02.2026

Interview Georg Zimmermann: Der Radprofi über Tour de France, Träume in Schwarz-Rot-Gold und den RennradboomFoto: dpa / pa / Roth
Georg Zimmermann in Australien
Radprofi Georg Zimmermann (28), Deutscher Meister aus Augsburg, spricht im TOUR-Interview über Gefahren durch Kängurus, Kolumbien als Trainingsrevier, die Fusion von Lotto und Intermarché, seine Saison im Zeichen der Tour de France und über seine besondere Freude darüber, dass immer mehr Menschen den Rennradsport für sich entdecken

Georg Zimmermanns Rennkalender für das Frühjahr 2026

4. März Laigueglia

7. März Strade Bianche

9.-15. März Tirreno-Adriatico

21. März Mailand-Sanremo

6.-11. April Baskenland-Rundfahrt

19. April Amstel Gold Race

22. April Flèche Wallonne

26. April Lüttich-Bastogne-Lüttich


TOUR: Georg, Ihren Saisonauftakt hatten Sie bereits Ende Januar bei der Tour Down Under in Australien. Wie haben Sie die Situation erlebt, als es zu dem schlagzeilenträchtigen Rennunfall durch Kängurus kam?

GEORG ZIMMERMANN: Es ist wieder ein schwerer Unfall wieder gewesen, über den man lachen könnte, wenn nicht wieder Knochen zu Bruch gegangen wären. Es gab jetzt schon öfter Wildunfälle in Radrennen, jetzt ist es durch ein Känguru ausgelöst worden. Da kann man niemandem einen großen Vorwurf machen.

Der spätere Gesamtsieger Jay Vine stürzte. Was ist Ihnen passiert?

Die Rennsituation war schon angespannt - und auf einmal bremsen alle. Ich habe gar nicht verstanden, was los ist. Und als ich fast stehengeblieben war, hoppelte ein Känguru über die Straße. Also, es war schon eine kuriose Situation. Mir ist aber nichts passiert.

Warum sind Sie in den vergangenen Jahren bei der Tour Down Under in Australien in die Saison gestartet?

Es ist das Teammanagement, das für die Rennen aufstellt. Das ist nicht meine eigene Entscheidung. Aber ist von den World-Tour-Rennen eine Rundfahrt, bei der man auf Gesamtwertung fahren kann, wenn man jetzt nicht der große Gesamtwertungsfahrer oder nicht der allerbeste Bergfahrer ist. Es ist ein schönes Rennen, ein taktisch offenes Rennen mit Zeitbonifikationen, bei dem man mit gutem Renninstinkt eine gute Gesamtwertung machen kann. Es ist ein Rennen, das mir als Rennfahrertyp liegt.

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Aber man muss schon sehr früh gut in Form sein…

Ja, genau. Der Nachteil ist, dass man den Dezember und die Weihnachtsfeiertage voll durchtrainieren muss, weil das Niveau schon früh im Jahr sehr hoch ist. Man muss die neue Saison professioneller angehen, als wenn man erst einen Monat später bei einem Rennen startet, das nicht zur World-Tour zählt.

Wie gefällt Ihnen dieser Artikel?

Das heißt für Sie weniger Plätzchen, weniger Weihnachtsbraten …

Genau, und weniger Glühwein.



Nach Rang 20 bei der Rundfahrt in Südaustralien und den ersten sieben Renntagen sind Sie nun in Kolumbien im Höhentrainingslager mit Ihrem Teamkollegen Jonas Rutsch. Warum sind Sie dort, um die weitere Saison vorzubereiten?

Ich habe mal einen Radrennfahrer kennengelernt, der aus dem Ort stammt, wo ich jetzt bin: Rodolfo Torres, der ist früher für Androni gefahren. Mittlerweile ist er hier Bürgermeister geworden. Er kümmert sich darum, dass alles passt und zeigt uns, wo man gut trainieren kann. Wenn man jemanden hat, der sich wirklich auskennt, dann ist es wirklich traumhaft hier.

Was macht Kolumbien interessant für ein Höhentrainingslager?

In Europa kommt jetzt nur der Teide (auf der Kanareninsel Teneriffa; Anm. d. Red.) in Frage, in der Sierra Nevada (in Südspanien; Anm. d. Red.) sind die Bedingungen um die Jahreszeit auch schwierig. Und am Teide gibt es nicht so viele Unterkünfte.

Auf der Hochebene im Vulkankrater der Insel Teneriffa gibt es eigentlich nur das Hotel Parador auf 2.100 Meter Höhe, in dem sich zu dieser Jahreszeit die Radprofis drängen…

Und wir sind hier in Paipa noch höher, das Haus liegt auf 2.700 Metern, die Berge gehen bis auf 3.700 Meter. Aber das ist dann nicht mehr unbedingt ein Vorteil, weil man nur langsamer wird und noch mehr aus der Puste ist. Ich fühle mich hier wohl und kann gut schlafen. Und auch das Wetter ist recht stabil.

Wie sieht es mit dem Thema Sicherheit aus?

Also die Verkehrssicherheit ist kein Problem. Die Autofahrer sind überhaupt nicht aggressiv. Es ist nicht so wie in Italien, dass die Autos ständig viel zu schnell viel zu knapp an einem vorbeifahren. Gerast wird hier gar nicht. Es ist überall Tempolimit 80, woran sich eigentlich auch größenordnungsmäßig gehalten wird. Die Verkehrssicherheit kriegt Schulnote 2 von mir hier. Wir sind hier dreieinhalb Stunden außerhalb von Bogota (der Hauptstadt; Anm. d. Red.). Es gibt hier warme Quellen, es ist so etwas wie der Kurort von Bogota, eine ein bisschen wohlhabendere Gegend. Ich war hier schon im letzten Jahr. Bisher habe ich keine Kriminalität gesehen und bin in keine unangenehme Situationen gekommen.

Zusatzmotivation durch Schwarz-Rot-Gold

Großer Jubel: Georg Zimmermann feiert den Sieg bei der Deutschen Meisterschaft 2025 in LindenFoto: dpa/paGroßer Jubel: Georg Zimmermann feiert den Sieg bei der Deutschen Meisterschaft 2025 in Linden

Sie sind auf jeden Fall auf der Straße zu erkennen – im weißen Trikot mit den schwarz-rot-goldenen Brustringen des amtierenden Deutschen Meisters im Straßenrennen. Was ändert es, wenn man das Trikot trägt?

Wenn ich im Training nach Motivation suche, kann ich an mir runterschauen, wenn ich das weiße Trikot im Augenwinkel sehe, habe ich gleich wieder 50 Watt mehr auf der Uhr stehen. Oder morgens, wenn ich mich umziehe fürs Training. Ich freue ich mich wirklich über das wunderschöne Trikot. Ich genieße jeden Tag.

Auch im Peloton sieht man das besondere Trikot besser als andere. Teams haben nationale Meister gerne im Team wegen der Auffälligkeit. Wie wird der Titel honoriert?

Die meisten Radprofis werden ja nicht über Bonus bezahlt, sondern über Festgehälter. Ich denke, dass mein Marktwert ein Stückchen gestiegen sein sollte und ich dem Team gezeigt habe, dass es gut ist, mich zu haben. Vielleicht hilft es ein bisschen bei der nächsten Vertragsrunde.

Fusion von Lotto und Intermarché

Es ist also eher eine Investition in die Zukunft. Tatsächlich haben Sie gerade eine Art Wechsel hinter sich. Ihr bisheriges Team Intermarché hat mit dem traditionsreichen belgischen Lotto-Rennstall fusioniert. Von außen sah es so aus, als sei die Zukunft des neuen Teams lange nicht sicher gewesen. Wie schwierig war die Situation für Sie?

Es hat eigentlich für mich gepasst. Mein Chef seit 2021, Jean-Francois Bourlart hat mich früh wissen lassen, dass ich mir keine großen Sorgen machen brauche und dass er gerne mit mir weiterarbeiten würde. Aber, weil die UCI die World-Tour-Lizenzen erst Mitte Dezember vergibt, mussten wir so lange warten, ob der Merge (Fusion; Anm. d. Red.) aus Sicht der UCI erfolgreich war.

Hätten Sie einen Plan B im Falle des Scheiterns gehabt?

Nein. Den hätte man dann ausarbeiten müssen. Aber irgendwas hätte sich schon ergeben.

Was verändert sich denn durch die Fusion zu Lotto-Intermarché?

Der Teamchef Bourlart und der Head of Sports, Aike Viesbeek sind geblieben. Im Kader überwiegt eher die Lotto-Seite. Aber von dort sind wirklich richtig gute Betreuer dazugekommen – Ernährungsberater, Sportliche Leiter, Mechaniker. Auch das neue Lager in Belgien, das wir von Lotto übernehmen ist deutlich größer und deutlich geordneter. Das waren schon gute Einflüsse.

Ihre Ziele für die Saison 2026?

Sehr gerne würde ich vor der Deutschen Meisterschaft ein Radrennen gewinnen – ich hätte gerne ein gutes Foto von mir freihändig an der Ziellinie in Schwarz-Rot-Gold. Das wäre das Ziel für die erste Saisonhälfte.

Die Tour de France bereits im Fokus#

Anführer: Georg Zimmermann bei der vergangenen Tour de FranceFoto: dpa/pa/RothAnführer: Georg Zimmermann bei der vergangenen Tour de France

Welche Bedeutung hat die Tour de France für Sie in diesem Jahr?

Die Tour de France ist jedes Jahr das Highlight. Das große Ziel ist, wieder für die Tour de France nominiert zu werden. Das ist das absolut größte Rennen, die ganz große Bühne. Deshalb werde ich jedes Jahr meinen hundertprozentigen Fokus auf die Tour de France legen. Bis zur Tour ist alles durchgetaktet: jeder Renntag, jeder Trainingstag, jeder Reisetag. Ich habe jetzt schon ein genaues Protokoll vor mir liegen, wie ich was angehen will und wann ich mich wie pushen will, wann ich wo in welches Trainingslager fahren will. Nach der Tour de France nehme ich mir immer zwei bis drei Wochen Urlaub, sortiere mich neu. Aktuell gibt es keine Pläne, die über den Juli hinausreichen.

Sie haben in der Vergangenheit bei der Tour oft als Helfer für Ihren südafrikanischen Kapitän Louis Meintjes fungiert. Er war Siebter bei der Tour de France 2022. Er hat jetzt seine Karriere beendet. Wie könnte Ihre Rolle künftig aussehen?

Was ich die letzten Jahre für Louis Meintjes gemacht habe, ist jetzt für Lennart van Eetvelt geplant. Der hat auch schon zwei World-Tour-Rundfahrten gewonnen (UAE Tour und Tour of Guangxi im Jahr 2024; Anm. d. Red.). Er ist vielleicht nicht ganz so konstant wie Louis, aber vielleicht noch talentierter, hat noch mehr Potenzial.

Ihr großes Lebensziel, einen Etappensieg bei der Tour, verfolgen Sie dennoch?

Das wird die Zukunft zeigen. Ich werde mich jedes Jahr so gut wie möglich auf die Tour de France vorbereiten. Und dann kommt es immer ein bisschen auf die taktische Konstellation an. Aber wenn ich da auch nur die kleinste Chance bekommen sollte, würde ich die sehr gerne annehmen.

​Es gibt Pläne, die Tour de France wieder nach Deutschland zu holen. Es ist von den Jahren 2029 oder 2030 die Rede, im Osten Deutschlands. Inwieweit ist das ein Ansporn? Es gibt Pläne, die Tour de France wieder nach Deutschland zu holen. Es ist von den Jahren 2029 oder 2030 die Rede, im Osten Deutschlands. Inwieweit ist das ein Ansporn?

Es steht noch Olympia in München zur Diskussion. Aber das ist fast unrealistisch – im Jahr 2032 und dann noch mit Blick auf die wenigen Startplätze bei Olympia. Aber die Tour de France in Deutschland 2030, das hört sich eigentlich für mich sehr realistisch an, dass ich da noch auf allerhöchstem Niveau in die Pedale trete. Düsseldorf (dort startete 2017 letztmals die Tour in Deutschland; Anm. d. Red.) habe ich knapp verpasst. Da war ich gerade noch nicht Radprofi. Von daher würde es mich freuen, wenn es klappt.

Man hat den Eindruck, dass der Profi-Radsport in Deutschland durch den dritten Platz von Florian Lipowitz bei der vergangenen Tour Rückenwind erhalten hat. Wie sehen Sie das?

Eigentlich hat die Entwicklung schon zuvor angefangen. Seit 2021 bekommt der Radsport enorm Aufmerksamkeit. Es ist nicht nur so, dass die Leute den Sport verfolgen, sondern sie leben ihn wirklich aktiv. Es sind so viele Rennradfahrer unterwegs wie noch nie zuvor. Während der Corona-Pandemie hatte ich den Eindruck, dass sich das Ganze noch mal richtig diversifiziert hat. Zuvor gab's auch Rennradfahrer, aber die meisten waren im Schnitt 50 Jahre alte Männer. Und jetzt habe ich den Eindruck, dass viel mehr Frauen, viel mehr junge Leute, auch aus anderen Kulturkreisen den Radsport für sich entdecken. Es freut mich am meisten, dass zurzeit sehr viele Leute den Weg in den wunderschönen Sport finden.

Andreas Kublik ist seit einem Vierteljahrhundert als Profisport-Experte für TOUR an den Rennstrecken der Welt unterwegs – vom Ironman in Hawaii, über unzählige Weltmeisterschaften von Australien bis Katar und festem Dienstreise-Ziel Tour de France. Selbst begeisterter aktiver Radsportler mit Hang zum Leiden – egal, ob bei Mountainbike-Marathons, Ötztaler oder einem schmerzhaften Selbsterfahrungstrip auf dem Pavé von Paris-Roubaix.

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