Das Team Netcompany INEOS hat in den vergangenen Jahren eine klare Identität aufgebaut: aerodynamische Perfektion, wissenschaftliche Akribie und eine außergewöhnliche Tiefe an Spezialwissen im Zeitfahren. Diese Kultur zahlt sich nicht nur für ausgewiesene Spezialisten wie Filippo Ganna aus, sondern strahlt längst auf die Gesamtklassement-Fahrer aus, die bei dreiwöchigen Rundfahrten jede Sekunde verteidigen müssen.
Die 10. Etappe des Giro d’Italia, ein brettflaches Zeitfahren, war erneut ein eindrucksvoller Beweis für die Dominanz von Filippo Ganna. Mit seiner Mischung aus roher Kraft, perfekter Aeroposition und unzähligen Stunden im Windkanal setzte er sich gegen die Konkurrenz durch und holte einen souveränen Etappensieg.
Doch dieser Erfolg ist mehr als ein persönlicher Triumph. Er zeigt, wie tief die Zeitfahrkultur im Team verankert ist. Ganna ist nicht nur ein Siegfahrer – er ist ein rollendes Labor. Seine Tests, seine Materialrückmeldungen, seine Detailversessenheit fließen direkt in die Arbeit der Ingenieure und Performance‑Coaches ein. Davon profitieren auch die Fahrer, die nicht primär als Zeitfahrspezialisten gelten. Die GC‑Kapitäne des Teams, traditionell Fahrer die über drei Wochen konstant performen müssen, erhalten Zugang zu denselben Erkenntnissen: optimierte Positionen, effizientere Kraftübertragung, präzisere Pacing‑Strategien.
In einer Grand Tour wird das Gesamtklassement nicht nur in den Bergen entschieden. Zeitfahren sind oft die stillen Königsetappen, unspektakulär für das Auge, aber brutal ehrlich für die Beine und die produzierten Wattzahlen. Gerade hier fallen Unterschiede auf, die im TV kaum sichtbar sind, in der Summe aber Minuten kosten. Sitzposition, Anzug, Helm, Laufräder und selbst kleinste Details an Cockpit und Flaschen Setup bestimmen, wie viel Geschwindigkeit pro Watt wirklich auf der Straße ankommt.
Ebenso wichtig ist das Pacing, das wie eine Wissenschaft über Sieg oder Niederlage im GC bestimmen kann. Wer zu hart eröffnet, bezahlt hintenraus doppelt. Wer zu konservativ startet, verschenkt freie Sekunden. Die besten Zeitfahrer treffen ihre Leistungskurve so präzise, als wäre sie vorgezeichnet. Hinzu kommt die Materialwahl vom Helm bis zur Reifenbreite. Luftdruck, Reifen und Felgenkombinationen, Übersetzung und Rollwiderstand müssen zur Strecke, zum Asphalt und zu den Bedingungen passen. Netcompany INEOS hat über Jahre hinweg eine Infrastruktur aufgebaut, die genau diese Faktoren systematisch optimiert. Die GC Fahrer müssen dieses Wissen nicht selbst erarbeiten, sie erben es.
Beim Grand Départ der Tour de France in Barcelona könnte genau dieses Wissen entscheidend werden. Das besondere Format – bei dem die Zeit eines jeden Fahrers zählt – macht das Zeitfahren noch taktischer und noch wertvoller als beim Giro.
Für die GC‑Fahrer bedeutet das: Ein starkes Team mit ausgeprägter Zeitfahr‑DNA kann ihnen schon am ersten Tag einen Vorsprung verschaffen, der über drei Wochen hinweg kaum wieder einzuholen ist. Gerade bei einer Tour de France, in der jede Sekunde zählt, könnte die Expertise von Ganna und den anderen Spezialisten den Unterschied machen. Seit letztem Jahr hat das Team endlich wieder Hoffnung für das Gesamtklassement der großen Rundfahrten. Mit Kévin Vauquelin, Oscar Onley und Thymen Arensman sind es gleich drei Fahrer, die konstante Leistungen abliefern. Die Zeitfahr-Expertise könnte dabei eine entscheidende Rolle spielen.
Werkstudent