Die neue ÄraDie großen Talente des Gesamtklassement – Lipowitz, Onley & Riccitello

Leon Weidner

 · 25.04.2026

Die neue Ära: Die großen Talente des Gesamtklassement – Lipowitz, Onley & RiccitelloFoto: Getty Images/ Szymon Gruchalski
Jonas Vingegaard (rechts) kämpft gegen eine neue Generation: Florian Lipowitz (von rechts), Lenny Martinez und Oscar Onley sind nur einige der großen Talente

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​​Tadej Pogačar und Jonas Vingegaard teilen sich seit 2020 alle sechs Tour-de-France-Siege unter sich auf. Doch erstmals seit Beginn ihrer Ära gibt es eine neue Generation von Rundfahrern, die sich aus den großen Namen nichts macht. Hier: Florian Lipowitz, Oscar Onley und Matthew Riccitello.

​Nicht jedes Talent drängt ins Rampenlicht. Manche Fahrer entwickeln sich fast unbemerkt weiter, sammeln Resultate, ohne sie groß zu inszenieren, und wirken im Trubel des Pelotons wie die Ruhe selbst, bis es ernst wird und plötzlich klar ist, wie viel Substanz dahintersteckt. Genau um diese „leisen“ Talente geht es in diesem Teil der Serie: Florian Lipowitz, Oscar Onley und Matthew Riccitello stehen nicht für große Ansagen oder laute Rollen im Team, sondern für konstante Leistung, kluge Renneinteilung und den Willen, sich Schritt für Schritt nach vorn zu arbeiten. Drei Namen, die selten die größte Bühne suchen, aber immer häufiger zeigen, dass sie sie verdienen.

​Florian Lipowitz Die deutsche Tour-Hoffnung

Mit 25 Jahren ist Lipowitz der Älteste der neuen Generation, kam aber erst spät zum Profiradsport. Zuvor war der Deutsche als Biathlet unterwegs. Diese ungewöhnliche Laufbahn unterscheidet ihn von den immer jünger werdenden Youngstar-Sensationen. Seine dieselartige Konstanz am Berg bescherte Deutschland 2025 das erste Tour-Podium seit 20 Jahren. Und das trotz Helferaufgaben zu Beginn der Rundfahrt. Diesen Fehler wird sein Rennstall in Zukunft wohl nicht mehr machen.

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Lipowitz hat die Begabung mental kaum abhängig von anderen Fahrern zu sein. Er kann im Zeitfahrmodus Anstiege hochkurbeln, auch wenn ein Zeitverlust bereits feststeht – ideal für Etappenrennen. 2025 sammelte er neben der Tour zwei weitere Podien: Zweiter bei Paris-Nizza und Dritter bei der Dauphiné. Zur Tour de France sollen Florian Lipowitz und Remco Evenepoel als Doppelspitze fahren. Die Zukunft als großer Rundfahrer steht Lipowitz offen, er bringt genau das richtige Anforderungsprofil dafür mit und hat dort sogar im Vergleich zu Evenepoel die Nase vorn.

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​Oscar Onley – Der Konkurrent von Lipowitz

Kaum ein Fahrer überraschte 2025 mehr als Onley. Der 23-Jährige hatte zuvor zwar schon einige Male auf sich aufmerksam gemacht, mit seinem vierten Platz bei der Tour de France hatte jedoch niemand gerechnet. Ähnlich wie Florian Lipowitz bereitet Onley sich aktuell wieder akribisch auf die Frankreich-Rundfahrt vor, ohne zu viele Rennen zu bestreiten. Von allen Durchbruchsfahrern 2025 flog Onley am meisten unter dem Radar. Er kam nicht mit dem Hype eines Del Toro oder Ayuso in die WorldTour. Mit nur zwei Siegen im Palmarès ist er der Unscheinbarste. Der junge Brite weist viele Parallelen zum deutschen Hoffnungsträger Lipowitz auf, auch seine Art mit dem großen Medienrummel umzugehen.

Mit seinem Wechsel zu INEOS hat er seit dieser Saison ein deutlich stärkeres Team im Rücken, hat mit Kévin Vauquelin und Thymen Arensman jedoch auch zwei Konkurrenten im Gesamtklassement. Einher geht mit dem Wechsel aber auch die Chance auf ein Podium bei der Tour, sollte der Brite wieder so frei fahren können, wie bei seinem alten Team.

​Matthew Riccitello – Unter dem Radar

Mit einem Paul Seixas in der Mannschaft und den bereits genannten Talenten aus den anderen Teams, fliegt Matthew Riccitello eher unter dem Radar. Kaum jemand redet mehr über den 24-jährigen Amerikaner, obwohl er zu den interessantesten Klettertalenten gehört. Seine Komfortzone sind lange Anstiege, bei denen Rhythmus, Effizienz und Durchhaltevermögen mehr zählen als explosive Attacken. Genau das ist eine Qualität, die in Grand Tours besonders wertvoll ist, weil sie über die dritte Woche oft mehr entscheidet als ein einzelner starker Tag.

Noch ist Riccitello eher ein Projekt fürs Gesamtklassement als ein fertiger Siegfahrer: Konstanz über drei Wochen und ein stabileres Zeitfahren sind die offensichtlichen Baustellen. Aber sein Grundprofil ist selten genug, um ihn ernst zu nehmen. Das zeigte er 2025 bei der Spanien-Rundfahrt, wo er den fünften Platz im Gesamtklassement belegte. Wenn er im Zeitfahren ein paar Prozent findet und seine Leistungsschwankungen reduziert, kann er sich langfristig als Klassementfahrer etablieren, der in einer Grand Tour plötzlich in die Top 5, oder gar aufs Podium rutschen kann – vor allem in Ausgaben mit viel Berg und weniger langen Zeitfahren.

Leon Weidner

Werkstudent

Leon Philip Weidner ist Kölner, verfolgt den Profi-Radsport intensiv und ist selbst leidenschaftlich auf dem Rennrad unterwegs. Neben langen Kilometern im Sattel des Straßenrads sitzt er auch regelmäßig auf dem Zeitfahrrad – stets mit dem nächsten Triathlon im Blick. Seine Expertise verbindet sportliche Praxis mit Szenewissen.

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