Ein grünes Trikot schimmert blass in einer der hinteren Startreihen. Kein Vereinsdress, keine grellen Sponsoren-Logos; bescheiden und nüchtern in der Außendarstellung: So kannte man André Greipel schon als Weltklasse-Sprinter auf den größten Bühnen des Profiradsports. “Noch 30 Sekunden”, dröhnt es aus dem Lautsprecher und dann beginnen sie, die ersten Deutschen Meisterschaften im Querfeldein für den amtierenden Bundestrainer Straße. Greipel, inzwischen 41 Jahre alt, startet in der Masterklasse 2. Die Regeln im Cyclocross besagen: Diejenigen, die im Saisonverlauf bei klassifizierten Rennen die meisten Punkte gesammelt haben, stehen vorne. Ein immenser Vorteil, wenn es kurz nach dem Start in wilder Jagd auf die eng gesteckten Rundkurse geht.
André Greipel steht ganz hinten. Er ist in der laufenden Cross-Saison lediglich ein Bundesliga-Rennen gefahren und will bei seinen gelegentlichen Ausflügen ins Gelände vor allem eines haben: Spaß. “Ich bin in meiner Jugend und bis zur U23-Klasse regelmäßig Crossrennen gefahren und habe auch an Weltmeisterschaften teilgenommen”, sagt er in Erinnerung an diese Zeit. So ganz scheint der Ehrgeiz beim ehemaligen Straßensprinter jedoch noch nicht erloschen zu sein. Bei der Cross-WM der Masters-Klassen Ende 2023 in Hamburg fuhr er in der Altersklasse der 40- bis 44-Jährigen auf den fünften Platz. “Als ich im WM-Rennen gemerkt habe, dass der dritte Platz nicht mehr in Reichweite ist, habe ich es ausrollen lassen. Aktuell sind Hannes Genze und Gerrit Rosenkranz in Deutschland in meiner Altersklasse das Maß aller Dinge im Cross. Beim Bundesliga-Finale in Vechta habe ich dann aber gesehen, dass ich gar nicht so weit weg von den beiden bin.”
Prompt folgte die spontane Meldung für die Cross-DM in Radevormwald. Und der “Gorilla” kann es noch. Schon am Ende der ersten Runde hatte Greipel sich auf den dritten Platz vorgekämpft und war sich nach Rennende sicher, dass es auch noch zu mehr als der Bronzemedaille mit einem Abstand von 56 Sekunden auf Sieger Hannes Genze gereicht hätte. “Hätte ich nicht aus der fünften Reihe starten müssen, wäre ich wahrscheinlich noch dichter an Genze und Rosenkranz dran gewesen”, resümiert er den Rennverlauf. Auf die Frage nach seinem Training für die Crossrennen meint er nur trocken: “Ich bin im Winter eigentlich nur draußen mit dem Gravelrad unterwegs und trainiere nicht mehr.” Strukturiertes und gar spezifisches Querfeldein-Training, dazu fehlt dem mittlerweile aus Hürth in seine Heimat zurückgekehrten Rostocker inzwischen die Lust.
Neben der puren Freude am Querfeldein und dem gelegentlichen Kräftemessen mit Deutschlands Master-Elite ist Andre Greipel zukünftig als Crosser vor allem eines wichtig. “Cyclocross gehört ganz eindeutig zur Grundausbildung im Radsport. Die Rennen und das Training auf der Straße werden immer intensiver, da ist Cross im Winter die ideale Ergänzung. Für mich zählt aber am meisten, Kindern und Jugendlichen meine Erfahrungen im Cross weiterzugeben. Ich habe den Plan, mich hier in der kommenden Zeit mehr zu engagieren. Alles Weitere, ob und wie viele Cross-Rennen ich weiterhin fahren werde, entscheide ich nur noch aus dem Bauch heraus”, gewährt er einen kurzen Einblick in mögliche Szenarien. Nach dem Seitenwechsel im Mai des vergangenen Jahres in das Amt des Bundestrainers der Männer scheint André Greipel Gefallen an der Rolle des Trainers gefunden zu haben.