Die drei Landesrundfahrten der Schweiz, Deutschlands und Österreichs haben die Sprache gemeinsam – aber davon abgesehen bestehen deutliche Unterschiede, vor allem was die Finanzierung betrifft. “Einnahmen aus dem Tourismus - für den der Radsport eine unglaubliche Bühne bietet - samt öffentlicher Gelder belaufen sich bei uns auf 15 Prozent. Der Rest wird über Sponsoren abgedeckt. Und zwei Drittel der Etappenorte bewerben sich aktiv bei uns”, erläuterte Olivier Senn die Situation bei der Tour de Suisse. “Das sind Werte, wohin wir auch gerne möchten”, meinte Thomas Pupp, Direktor der Tour of Austria. Die Deutschland Tour unter der Leitung von Fabian Wegmann existiert in der gegenwärtigen Form erst wieder seit 2018. “In Deutschland ist der Fußball die absolute Nummer 1. Nach dem Hype um Jan Ullrich mussten wir in den Städten und Tourismusregionen viel Aufbauarbeit leisten - auch bei Eintagesrennen, wie in Köln, bei den Cyclassics oder beim Münsterland Giro. Wir mussten den Entscheidungsträgern klarmachen, dass der Radsport eine große Chance für sie ist”, so Wegmann.
Neben der Finanzierung ist vor allem die Sicherheit bei den Landesrundfahrten wie bei allen Rennen mehr und mehr ins Blickfeld gerückt, nicht zuletzt durch die drei Todesfälle in den vergangenen zwei Jahren bei der Österreich-Rundfahrt (2024 der Norweger André Drege), der Tour de Suisse (2023 der Schweizerische Radprofi Gino Mäder) und der Rad-WM 2024 in Zürich (Muriel Furrer). Der Schock sitzt nach wie vor tief, auch bei den Familienvätern Pupp und Senn.
Ob die Profirennen gefährlicher wurden? Das sieht Wegmann differenziert: “2011 habe ich meinen Zimmerkollegen Wouter Weylandt nach einem tödlichen Sturz verloren. Das sitzt nach wie vor sehr tief bei mir, auch wenn er leider einen Fahrfehler beging. Grundsätzlich sind Radrennen sicherer geworden durch viele Maßnahmen. Früher gab es z.B. noch Absperrgitter mit Füßen; auch die Sicherheitsauflagen immer strikter. Aber Fakt ist: Durch das Material und die Aerodynamik werden Rennen immer schneller. Dann sind Konsequenzen bei Stürzen leider dramatischer. Bei uns in Deutschland kommen noch viele Verkehrsmaßnahmen hinzu, die auf Kosten der Sicherheit gehen: Ständig werden neue Verkehrsinseln gebaut. Solche verkehrsberuhigenden Maßnahmen der öffentlichen Hand sind für den Radsport nicht förderlich.”
Olivier Senn, der auch die Organisation der Rad-WM in Zürich leitete, sieht ein großes Sicherheitsproblem während Profirennen und Landesrundfahrten darin, dass es mitunter zu viele Informationen gibt: “Jedes Team hat Roadbooks, digitale Karten, VeloViewer. Die Realität zeigt aber: Wenn man eine Gefahrenstelle erreicht, kann sie sich alleine durch Regen ganz anders darstellen. Über Funk prasseln dann diese Informationen ein, die bei den Sportlichen Leitern und schließlich bei den Radprofis aufgrund von sprachlichen Barrieren oft auch nicht verstanden werden. Deshalb sind wir an einem System in Echtzeit dran, Gefährdungsstellen visuell darzustellen. Das klappt auch mit Bildern, die zehn Minuten vor der Durchfahrt reingespielt werden.”
“Wir sind vor gut 55 Jahren zum Mond geflogen. Dann kann es doch nicht sein, dass wir das Verschwinden eines Fahrers oder einer Fahrerin nicht sofort bemerken können. Deshalb sehen wir das GPS-Tracking als Gebot der Stunde, um künftig die Kontrolle über alle Profis bei Rennen erhalten zu können”, ergänzte Senn. Der Tour-de-Suisse-Chef würde ein GPS-Tracking auch ohne den Weltradsportverband UCI umsetzen; Thomas Pupp würde dabei nach eigenen Worten mit der Tour of Austria mitziehen. Fabian Wegmann begrüßte ein derartiges System ebenfalls, wandte aber ein: “Was ist, wenn ein Rad wegen technischem Gebrechen getauscht wird? GPS-Tracker müssten am Körper montiert werden und ich sehe hier die UCI in der Pflicht, verbindliche Regeln zu erstellen.”
Weiteres Thema im Gespräch der drei Rundfahrt-Verantwortlichen: die Möglichkeit, über Landesgrenzen hinweg zusammenzuarbeiten. Im U23-Bereich wurde bereits gezeigt, wie im deutschsprachigen Raum Radsportkooperationen z.B. im Zuge der Ausrichtung von gemeinsamen U23-Staatsmeisterschaften der Schweiz, Luxemburgs, Deutschlands und Österreichs funktionieren können. Einen Schulterschluss wünscht sich hier auch Thomas Pupp von der Tour of Austria; Stichwort größer denken und maximaler handeln: “Warum gastiert die Tour of Austria nicht - es wäre das erste Mal - in der Schweiz oder in Deutschland? Und vice versa?”

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