Mit absenkbarer Sattelstütze zum Mailand-San Remo-SiegDer Plan ging auf!

Alisa Rathke

, Jens Klötzer

 · 07.04.2022

Mit absenkbarer Sattelstütze zum Mailand-San Remo-Sieg: Der Plan ging auf!Foto: Getty Images

Bei Mailand-San Remo war Matej Mohorič nicht nur wegen seines Sieges Gesprächsthema Nummer Eins. Vielmehr das, was ihn zu seinem geplanten Sieg brachte: eine absenkbare Sattelstütze an seinem Rennrad.

Bei vollgefederten Mountainbikes und E-Mountainbikes sind per Knopfdruck absenkbare Sattelstützen nicht mehr wegzudenken, beim Rennrad war es eine Premiere. Matej Mohorič wurde von der Konkurrenz belächelt. „Das bringt doch nichts“, bekam er zu hören. Doch in der Abfahrt entwischte er mithilfe der tiefen Sitzposition. „Es war ein Plan, den wir schon den ganzen Winter verfolgt haben“, erzählte Mohorič während der Pressekonferenz. Der Plan: Mailand-San Remo in der Abfahrt vom Poggio zu gewinnen – mithilfe einer absenkbaren Sattelstütze, wie man sie vom Mountainbike kennt. Tiefer sitzen bedeutet bei hohen Geschwindigkeiten einen mitunter extremen Aero-Vorteil, zudem liegt der Schwerpunkt tiefer und erlaubt eine bessere Radbeherrschung. Mohorič lag oben am Poggio noch ein paar Meter hinter der vierköpfigen Spitzengruppe um die Top-Favoriten Wout Van Aert und Tadej Pogačar. Dann betätigte Mohorič den Drehgriff im Lenkerbogen, und die serienmäßige Sattelstütze Fox Transfer SL senkte sich durch sein Gewicht sechs Zentimeter tiefer ins Sattelrohr. Kurz darauf stürmte er an den Führenden vorbei und davon in Richtung Ziel.

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Mohorič präsentiert sein Rad mit absenkbarer Sattelstütze nach seinem Sieg bei Mailand-San Remo 2022.Foto: Getty Images
Mohorič präsentiert sein Rad mit absenkbarer Sattelstütze nach seinem Sieg bei Mailand-San Remo 2022.

Was bringt eine absenkbare Sattelstütze am Rennrad?

Bis zu 50 Watt Aero-Vorteil kann man bei Geschwindigkeiten um die 60 km/h vermuten. Das gleicht den Nachteil aus, dass sich so eine Sattelstütze mit rundem Rohr in den Rahmen vieler moderner Aero-Rennräder nicht fixieren lässt und Mohorič daher das weniger windschnittige Modell seines Radausrüsters verwenden musste. Der Slowene fährt normalerweise das Aero-Rennrad „Reacto“ von Merida und wechselte für Mailand-San Remo auf den Allround-Rennrad „Scultura“. Das verfügt über eine runde Sattelstütze mit einem Durchmesser von 27,2 Millimetern, was den Einbau der Vario-Sattelstütze überhaupt erst ermöglichte.

Ist das regelkonform?

Nach dem Sieg von Mohorič kamen Fragen dazu auf, ob die Verwendung der Vario-Stütze legal ist. Die UCI bestätigte das: „Die UCI-Ausrüstungskommission hat 2014 die Verwendung von Kippstützen bei Straßenradrennen genehmigt.“ In der Erklärung wird auch auf Artikel 1.3.013 des UCI-Reglements verwiesen, laut dem der Scheitelpunkt des Sattels mindestens fünf Zentimeter hinter einer vertikalen Ebene liegen muss, die durch die Tretlagerachse verläuft. „Das heißt, wenn die Sattelstütze auf die höchste oder niedrigste Einstellung eingestellt ist, muss der Sattel in voller Übereinstimmung mit Artikel 1.3.013 eingestellt sein“, erklärt die UCI. Das war bei Mohorič der Fall, weshalb seine Verwendung der absenkbaren Sattelstütze erlaubt war.

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Ein Kommentar aus der TOUR Technik-Redaktion

TOUR Technik-Redakteur Jens Klötzer hat einen Kommentar zu Mohorič’ Sieg mit absenkbarer Sattelstütze verfasst. Zusätzlich wurde die Dropper-Post in der Rubrik “Klingeln bei Klötzer” des Antritt-Podcasts ausführlich besprochen.

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Regel? Welche Regel?

Mit Matej Mohorič’ Sieg beim Radsport-Monument Mailand-San Remo könnte für Rennrad-Traditionalisten die nächste Schockwelle ins Haus stehen. Denn während die einen noch die jüngsten Umbrüche zu Scheibenbremsen, Tubeless-Reifen und Vollintegration verdauen, dürften in den Konstruktionsbüros der Radhersteller schon wieder die Köpfe rauchen. Absenkbare Sattelstützen könnten das nächste heiße Ding am Rennrad werden. Hinter den Kulissen ist der Wettstreit, wer am schnellsten das erste Racebike mit serienmäßig integrierter Dropper Post präsentiert, längst entbrannt. Ganz innovationsfreudige Hersteller werden auch schon überlegen, wie sie den rasenden Bürostuhl mit der mühsam vermarkteten Performance ihrer Aero-Boliden technisch in Einklang bringen können.

Die Folge dieses Ereignisses wird leider sein, dass alle Fahrer, Teams und Hersteller nachziehen müssen. Neue Rahmen und neue Standards werden mit Hochdruck entwickelt, High-End-Räder werden wieder 200 Gramm schwerer, komplexer und (mindestens) 500 Euro teurer. Später wird die Welle preiswertere Modelle erfassen, in letzter Konsequenz wird ein Wettkampf-Rennrad ohne absenkbare Sattelstütze irgendwann unverkäuflich sein, weil es veraltet wirkt wie heute eins mit Felgenbremse. Es dürften wieder einige Radsportler ihr schönes Hobby aufgeben, weil sie mit der technischen Entwicklung nicht mehr Schritt halten können oder wollen – ob aus finanziellen oder rein pragmatischen Gründen.

Man kann das weder Mohorič, noch seinem Team oder den Beratern ankreiden. Es ist legitim, für einen Sieg bei einem so wichtigen Rennen alle technischen Register zu ziehen, so lange sie legal sind. Und das sind sie, so lange sie, wie die Dropper Post, nicht explizit verboten sind. Man könnte sagen, das eigentlich Verhängnisvolle in der Kaskade ist, dass Mohorič tatsächlich gewann. Wäre er nur Zweiter geworden, wäre das Experiment wohl als kuriose Randnotiz in der Technikgeschichte des Radsports untergegangen. Doch durch seinen Sieg, den glasklaren Vorteil in der entscheidenden Rennsituation, wurde das Experiment innerhalb von nur einem Kilometer einer italienischen Küstenstraße zu einem „Must-have“. Kein Profi, kein Team und kein Ausrüster will mit einem Wettbewerbsnachteil ins nächste Rennen gehen, wenn eine Abfahrt rennentscheidend sein könnte.

Die einzige Institution, die diese Entwicklung noch hätte ausbremsen können, ist die UCI. Die Vergangenheit liefert genügend Beispiele, bei denen der Weltradsportverband seine Deutungshoheit, wie ein Rennrad auszusehen hat, im Sinne des Verbrauchers ausspielte: aktive Federungen bei Paris-Roubaix, sonderbare Rahmenformen bei Zeitfahrrädern oder aerodynamische Verkleidungen – schon viele vom Reglement (noch) nicht erfasste Neuerungen wurden kurz nach ihrem Aufploppen von der technischen Kommission als regelwidrig einkassiert. Erst recht, wenn sie einen offensichtlichen Wettbewerbsvorteil mitbrachten. Dafür wurden auch im Nachhinein Regeln geändert, präzisiert, oder neu geschaffen. Damit stand die UCI oft als Bremser des Fortschritts am Pranger. Doch sie verhinderte auch, dass das Rennrad zu einer hochgezüchteten, teuren Spezialmaschine wurde, mit der ein Hobbyfahrer kaum noch etwas anfangen kann.

Inzwischen hat sich die Denkweise der UCI geändert. Man will „das meiste aus den Vorteilen machen, die technische Evolution im Radsport mit sich bringt“, so steht es heute auf der UCI-Webseite. Mit dem (vor-)schnellen Okay des Verbands für die Schnippstütze, via Twitter nur wenige Stunden nach Mohorič’ Zieljubel, wollte man das wohl unterstreichen. Aber ob das auch gut für die allgemeine Entwicklung des Radsports ist? Man hätte wenigstens etwas länger über die Folgen nachdenken sollen. Mit den wichtigsten Ansprüchen der UCI-Charta, nämlich die Hürden für den Einstieg in den Radsport niedrig zu halten, Chancengleichheit über alle Leistungsklassen zu garantieren und auf allen Ebenen möglichst nachhaltig zu agieren, verträgt sich diese Entscheidung jedenfalls schlecht.