Der erste Sommer auf dem Rennrad ist großartig. Die Feierabendrunde wird zur Gewohnheit, die Ausfahrten am Wochenende immer länger. Doch plötzlich sind die Bedingungen andere: Es wird früher dunkel, morgens später hell und wenn das Zeitfenster für eine Runde einmal passt, regnet es häufig. Spätestens jetzt stellen sich viele Einsteiger dieselbe Frage: Brauche ich für den Winter eine Rolle?
Die kurze Antwort lautet: Nicht unbedingt. Während Indoor-Training für manche Fahrer zum festen Bestandteil des Winters gehört, kann die Anschaffung für andere schnell zu einem teuren Fehlkauf werden.
Der größte Vorteil liegt auf der Hand: Man wird unabhängig vom Wetter. Ob Regen, Sturm oder Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt: Das Training kann jederzeit stattfinden. Wer nur wenig Zeit hat, profitiert besonders davon. Eine Stunde auf der Rolle lässt sich deutlich einfacher in den Alltag integrieren als eine zweistündige Ausfahrt inklusive Umziehen, Radputzen und Anfahrt.
Hinzu kommt die Effizienz. Auf der Straße sorgen Ampeln, Verkehr oder Abfahrten regelmäßig für Unterbrechungen. Auf der Rolle wird dagegen durchgehend getreten. Deshalb lassen sich auch kurze Einheiten sehr gezielt gestalten.
Moderne Plattformen wie Zwift, Rouvy oder MyWhoosh haben den Reiz des Indoor-Trainings zusätzlich erhöht. Virtuelle Rennen, Strecken und Trainingsprogramme sollen für Motivation sorgen und das monotone Treten etwas abwechslungsreicher machen.
Trotz aller technischer Möglichkeiten bleibt eine Rolle am Ende eines: ein stationäres Fahrrad. Für viele Rennradfahrer ist genau das der Knackpunkt. Denn der eigentliche Reiz des Sports entsteht draußen. Die Landschaft, das Gefühl von Geschwindigkeit, die kleine Kaffeepause oder die gemeinsame Ausfahrt mit Freunden lassen sich nur schwer digital ersetzen. Auch die Gamification hat ihre Grenzen. Während einige Fahrer Spaß an virtuellen Welten entwickeln, verlieren andere schon nach wenigen Wochen das Interesse.
Hinzu kommt der finanzielle Aspekt. Gute Smart-Trainer kosten schnell mehrere Hundert Euro, dazu kommen eventuell eine Matte, ein Ventilator und kostenpflichtige Trainingsplattformen. Eine Investition, die sich nur lohnt, wenn das Gerät regelmäßig genutzt wird. Nicht wenige Rollen landen deshalb nach anfänglicher Begeisterung irgendwann in der Kellerecke und sammeln Staub.
Auch ich stand vor der Frage, ob ich mir für den Winter eine Rolle zulegen sollte. Am Ende habe ich mich dagegen entschieden. Der Hauptgrund ist simpel: Ich fahre Rennrad nicht, um möglichst effizient zu trainieren, sondern weil mir die Ausfahrten draußen Spaß machen. Natürlich freue auch ich mich darüber, wenn ich die Hausrunde im Saisonverlauf immer schneller fahre oder dabei weniger aus der Puste komme, jedoch ist das eher zweitrangig. Der Weg ist das Ziel - und natürlich das nächste Café ;-). Schöne Landschaften, kleine Abenteuer und die Freiheit auf dem Rad sind für mich wichtiger als Leistungswerte oder strukturierte Trainingspläne.
Dazu kamen die Erfahrungen von Freunden und Kollegen. Viele berichten zwar von den Vorteilen der Rolle, gleichzeitig fällt aber häufig derselbe Satz: "Es ist praktisch, ich halte und steigere meine Leistung, allerdings macht es längst nicht so viel Spaß wie draußen."
Für jemanden mit weniger sportlichen Ambitionen scheint mir die Rechnung nicht ganz aufzugehen. Mehrere hundert Euro auszugeben, um im Wohnzimmer gegen einen virtuellen Berg anzufahren, fühlte sich für mich nicht besonders verlockend an. Und trotzdem gehört auch zur Wahrheit, dass ich es noch nie probiert habe. Vielleicht würde eine Indoor-Trainingsfahrt bei Freunden meine Meinung ändern...
Für mich sieht der Winter bis dahin jedoch wie folgt aus: Da ich keine Rennen geplant habe, muss ich im Frühjahr nicht in Bestform sein und kann entspannt auch mal bei einer durchgehend regnerischen Woche ohne schlechtes Gewissen die Füße stillhalten. Alternativ gehe ich eine Runde laufen oder mache Sport in der Halle (auch mich hat der Padel-Hype gepackt...). An trockenen Tagen krame ich dann die lange Radhose raus und mache eine lockere Ausfahrt, ohne dabei zu denken, dass ich schnell wieder Leistung bringen muss. Auch so bleibt man fit und erhält sich eine erfahrungsgemäß solide Grundlage für die nächste Radsaison.
Vielleicht verliert man über die Wintermonate ein paar Prozent seiner Form. Das ist für die meisten Hobbyfahrer jedoch kein Problem. Der Spaß am Sport sollte schließlich wichtiger sein als jede FTP-Zahl. Und daher ist manchmal die beste Winterstrategie schlicht, das Rennrad stehen zu lassen, andere Sportarten auszuprobieren und sich auf die ersten warmen Frühlingstage zu freuen.

Redakteur
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