Am Weltfahrradtag lohnt sich ein nüchterner Blick darauf, wie weit wir beim Thema Radverkehr gekommen sind und wo wir noch immer hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben. Das Fahrrad hat in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen. In vielen Städten ist es längst ein vollwertiges Verkehrsmittel, das Pendelwege verkürzt, Staus vermeidet und einen Beitrag zum Klimaschutz leistet. Die Zahl der Radfahrenden steigt, E‑Bikes erweitern den Radius, und immer mehr Menschen entdecken das Rad als praktisches Alltagswerkzeug.
Doch dieser Fortschritt ist keineswegs flächendeckend. Während einige Kommunen mutig neue Radwege bauen, Straßen in Fahrradstraßen verwandeln und sichere Verbindungen schaffen, bleibt andernorts vieles Stückwerk. Oft endet ein Radweg abrupt, führt über unübersichtliche Kreuzungen oder ist schlicht zu schmal, um den wachsenden Verkehr aufzunehmen. Gerade in Großstädten zeigt sich, wie hart umkämpft der öffentliche Raum ist und wie schwer es den Verantwortlichen fällt, dem Rad die Priorität zu geben, die es für eine echte Verkehrswende bräuchte. Auf dem Land wiederum scheitert das Radfahren häufig an ganz anderen Dingen: weite Wege, kaum bis gar keine Radinfrastruktur und gefährliche Straßen. Das macht das Fahrrad dort zu einer Option für wenige, nicht für viele.
Ein Blick zu unseren Nachbarn zeigt, wie es anders gehen kann. Die Niederlande haben über Jahrzehnte hinweg eine Infrastruktur aufgebaut, die Radfahren nicht nur ermöglicht, sondern selbstverständlich und vor allem attraktiv macht. Dort sind Radwege fast überall baulich getrennt oder zumindest klar vom Autoverkehr abgegrenzt, Kreuzungen sind übersichtlich gestaltet, und selbst kleinere Orte verfügen über durchgängige, sichere Verbindungen. Diese Konsequenz schafft Vertrauen und genau dieses Vertrauen sorgt dafür, dass Menschen jeden Alters selbstverständlich aufs Rad steigen. Die Niederlande beweisen, dass gute Infrastruktur kein Luxus ist, sondern eine Frage politischer Priorität und langfristiger Planung.
Was sich bei uns ändern muss, ist im Grunde klar. Radfahren darf nicht vom Mut der Einzelnen abhängen, sondern von der Qualität der Infrastruktur. Sichere, durchgängige und gut geplante Wege sind die Grundlage dafür, dass Menschen überhaupt bereit sind, vom Auto aufs Rad umzusteigen. Dazu gehört auch eine bessere Verzahnung mit dem öffentlichen Nahverkehr, damit längere Strecken problemlos kombiniert werden können. Ebenso wichtig ist eine politische Haltung, die Mobilität nicht länger als Nullsummenspiel betrachtet, sondern als Aufgabe, bei der Lebensqualität, Sicherheit und Klimaschutz zusammengehören.
Der Weltfahrradtag erinnert daran, dass das Fahrrad längst mehr ist als ein Freizeitgerät. Es ist ein zentraler Baustein moderner Mobilität und es zeigt, wie viel Potenzial noch ungenutzt bleibt. Wenn wir es ernst meinen mit nachhaltigem Verkehr, dann müssen wir dem Rad nicht nur Anerkennung schenken, sondern vor allem Platz, Planung und Priorität.
Werkstudent