Zehn Verkaufsjahre haben den deutschen Fahrradmarkt neu gewichtet: E-Bikes stellen die Mehrheit, obwohl ihr Absatz zuletzt zurückging. Unmotorisierte Fahrräder verlieren langfristig deutlich, sind aber kein einheitliches Rückzugssegment. Rennräder und besonders Gravelbikes gewinnen im Verkaufsmix an Bedeutung und bleiben überwiegend motorlos. Entscheidend ist deshalb nicht nur die Frage nach dem Antrieb, sondern nach Fahrradtyp, Einsatzbereich und Entwicklung des jeweiligen Teilmarkts.
2016 kamen in Deutschland auf ein verkauftes E-Bike noch knapp sechs Fahrräder ohne Motor. 2025 liegen die Elektroräder vorn: Zwei Millionen E-Bikes stehen 1,8 Millionen unmotorisierten Fahrrädern gegenüber. Kaum eine Kennzahl beschreibt den Strukturwandel des Fahrradmarkts so anschaulich wie dieses umgekehrte Kräfteverhältnis.
Der im September 2026 erschienene VDZ-Marktbericht dokumentiert die Entwicklung anhand der Daten des Zweirad-Industrie-Verbands ZIV. Danach stieg der jährliche E-Bike-Absatz zwischen 2016 und 2025 von 610.000 auf zwei Millionen Stück. Das entspricht einem Zuwachs von rund 228 Prozent. Im selben Zeitraum sank der Verkauf von Fahrrädern ohne Motor von 3,45 auf 1,8 Millionen Stück, ein Minus von knapp 48 Prozent.
Der gesamte Stückmarkt wurde dabei nicht größer. Zusammen fanden beide Antriebsgruppen 2016 rund 4,06 Millionen Käufer, 2025 waren es 3,8 Millionen. Unter dem Strich steht ein Rückgang um gut sechs Prozent. Der langfristige Wandel ist somit vor allem eine Verschiebung innerhalb des Markts: deutlich mehr Elektroräder, erheblich weniger Fahrräder ohne Unterstützung. Entsprechend stiegen die Gesamtumsätze aufgrund der höheren Verkaufspreise, zumindest im Vergleich zu den Vor-Pandemiejahren.
Die Elektrifizierung begann nicht erst mit der Pandemie. Bereits zwischen 2016 und 2019 legte der E-Bike-Verkauf von 610.000 auf 1,4 Millionen Stück zu. Der Anteil am Gesamtabsatz verdoppelte sich damit innerhalb von drei Jahren auf fast ein Drittel.
2020 folgte der nächste Sprung: Zwei Millionen E-Bikes und 3,1 Millionen unmotorisierte Fahrräder ergaben zusammen 5,1 Millionen verkaufte Räder. Das war der höchste Gesamtabsatz innerhalb der betrachteten Reihe. Der VDZ führt die außergewöhnliche Nachfrage unter anderem auf veränderte Freizeitmöglichkeiten während der Pandemie, umgeschichtete Konsumausgaben und günstige Wetterbedingungen zurück.
Danach liefen die Entwicklungen auseinander. Während die E-Bike-Verkäufe 2022 mit 2,2 Millionen Stück ihren Höchstwert in der Reihe erreichten, ging der Absatz unmotorisierter Fahrräder bereits deutlich zurück. 2023 überschritten Elektroräder erstmals die Marke von 50 Prozent.
Das bedeutet allerdings nicht, dass ihr Absatz seitdem weiter steigt. 2025 wurden rund 100.000 E-Bikes weniger verkauft als 2024. Der unmotorisierte Markt blieb bei 1,8 Millionen Stück stabil. Die elektrische Mehrheit ist deshalb Ausdruck eines langfristigen Strukturwandels, nicht Beleg für einen ungebrochenen aktuellen Boom.
Für die Einordnung der Fahrradtypen ist entscheidend: Der Antrieb und der Einsatzzweck sind zwei verschiedene Merkmale. Ein E-Mountainbike gehört ebenso zur Modellgruppe Mountainbike wie ein MTB ohne Motor. Entsprechendes gilt für Trekkingräder, Lastenräder und inzwischen auch für Rennräder und Gravelbikes.
Die zusammengeführte Modellgruppenstatistik für 2025 zeigt, wo das Volumen liegt. Trekkingräder erreichen 31,3 Prozent, Mountainbikes 21,4 Prozent und City- beziehungsweise Urbanräder 16,6 Prozent. Zusammen stehen diese drei Gruppen für rund 69 Prozent des Absatzes.
Wie unterschiedlich die Elektrifizierung voranschreitet, zeigt die VDZ-Erhebung ebenfalls. Bei Mountainbikes stehen rund 741.000 elektrische Modelle lediglich etwa 52.500 unmotorisierten gegenüber. Bei Lastenrädern sind 185.300 von insgesamt 220.300 verkauften Fahrzeugen elektrifiziert, also rund 84 Prozent. Der Motor ist in diesen Gruppen also längst nicht mehr bloß eine zusätzliche Ausstattungsoption. In anderen Fahrrad-Kategorien dagegen ist er noch eine Randerscheinung, zum Beispiel auch bei Rennrädern und Gravelbikes.
Rennräder und Gravelbikes erreichen 2025 zusammen 8,8 Prozent des gesamten Stückabsatzes. Damit ist die kombinierte Gruppe größer als das Lastenradsegment und deutlich größer als der Markt für Jugendräder. Besonders interessant ist die Entwicklung über die vergangenen drei Jahre: Renn- und Gravelräder erreichten 2023 zusammen einen Anteil von 4,5 Prozent, 2024 bereits 6,2 Prozent und 2025 schließlich 8,8 Prozent – Tendenz weiter steigend! Innerhalb von zwei Jahren hat sich ihr ausgewiesener Anteil damit nahezu verdoppelt.
Auch innerhalb des sportlichen Segments lohnt der genaue Blick. Die aktuelle Aufschlüsselung weist Gravelbikes mit 5,5 Prozent und Rennräder mit 3,3 Prozent aus. Gravel ist damit im deutschen Neuradverkauf nach Stückzahlen die größere der beiden Kategorien. Das klassische Straßenrennrad bleibt wichtig, steht aber nicht mehr allein für den sportlichen Markt mit Dropbar.
Noch deutlicher wird die Sonderstellung beim Antrieb. Von den im letzten Jahr rund 204.300 verkauften Gravelbikes gingen 175.000 ohne Motor über den Ladentisch, das entspricht 86 Prozent. Bei Rennrädern ist dieser Anteil sogar noch größer: Von insgesamt rund 123.500 in Deutschland verkauften Rennräder waren 92 Prozent ohne Motor. Während also beim Mountainbike die E-Modelle dominieren, bleibt es bei Rennrad und Gravelbike bislang eine kleine Minderheit.
Zusammen ergeben die ausgewiesenen unmotorisierten Rennrad- und Gravelverkäufe knapp 289.000 Stück. Das entspricht größenordnungsmäßig jedem sechsten Fahrrad ohne Motor. Die Schlussfolgerung daraus ist klar: Der Rückgang unmotorisierter Fahrräder beschreibt nicht jedes Teilsegment gleichermaßen. Wer aus dem Gesamtminus eine allgemeine Abkehr vom Fahrrad ohne Motor ableitet, übersieht die wachsende Bedeutung von Rennrad und Gravel im Verkaufsmix.
Für den Handel verändert der neue Verkaufsmix nicht nur die Ausstellungsfläche. Der VDZ beschreibt höhere Anforderungen an Kapital, Beratung, Werkstattausstattung und Weiterbildung. Ein höherer Verkaufspreis bringt zunächst mehr Umsatz pro Rad, aber nicht zwangsläufig mehr Ertrag.

Chefredakteur
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.