Der Koblenzer Hersteller präsentiert mit dem Canyon Predict ein Konzept, das Sicherheitstechnologie aus der Autoindustrie auf den Radsport überträgt. Während Todeszahlen bei Autofahrern über die letzten zehn Jahre gesunken sind, gab es laut Canyon bei Radfahrern keine signifikanten Sicherheitsverbesserungen. In vielen Ländern steigen die Todes- und Verletzungszahlen für Radfahrer sogar. Fedja Delic von Canyon erklärt in einer Medienmitteilung, dass viele Menschen sich nicht sicher genug fühlen, um überhaupt Rad zu fahren. Das Predict-System soll diese Lücke schließen, ohne das Fahrgefühl eines High-End-Rennrads zu beeinträchtigen.
Das Predict Bike nutzt multimodale 360°-Sensorik mit Kamera, Radar und einem mehrdimensionalen Bewegungssensor in der DT Swiss Radnabe. Die Sensoren überwachen kontinuierlich die Umgebung und erkennen Gefahren in Echtzeit. Das System erstellt aus Fahrdaten wie Geschwindigkeit, Lenkverhalten und Stabilität ein situatives Modell, das weit über die Erkennung der Verkehrsumgebung hinausgeht. Die KI-gestützte On-Device-Datenverarbeitung eliminiert tote Winkel und ermöglicht unmittelbare Entscheidungen unter Wahrung des Datenschutzes, unabhängig von einer Internetverbindung.
Das im Lenker integrierte Display zeigt Warnungen über das Bike und die Umgebung, Vorhersagen, Abstände, Terrainerkennung und Gruppenunterstützung an. Der Augmented-Reality-Helm Stingr Smart ergänzt das System mit einem absenkbaren Visier und integriertem Head-Up-Display. Wenn mehrere kompatible Systeme zusammen fahren, ermöglicht das System eine Community- oder Schwarmintelligenz. Das System antizipiert das Verhalten des Fahrers und anderer Verkehrsteilnehmer, stuft Risiken ein und liefert intuitives Feedback in Form von adaptiver Beleuchtung, haptischen Signalen und Informationen auf dem Display.
In kritischen Situationen kann der Fahrer gezielter reagieren, als nur in die Bremsen zu greifen. Adaptive Funktionen wie das automatische Absenken der Sattelstütze sollen für einen niedrigeren Schwerpunkt, mehr Stabilität und Kontrolle sorgen, bevor es zum Unfall kommt. Anstatt von Cloud Computing und den damit verbundenen Latenz- und Datenschutzproblemen abzuhängen, verarbeitet das System alle Daten mit einer lokalen Edge-KI. Das System soll das Bewusstsein für die gesamte Umgebung steigern und die Reaktionszeit bei potenziellen Gefahren signifikant reduzieren.
Das Predict-System soll Gefahren und das Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer antizipieren, Gruppendynamik erkennen, Hinweise zur Streckenführung geben und vor unsicherem Terrain warnen, bevor der Fahrer dazu in der Lage ist. Kasia Niewiadoma-Phinney vom CANYON//SRAM Racing Team sieht viele Situationen im Training und bei Rennen auf der Straße, in denen Daten über das Fahrrad und andere Sicherheitsmaßnahmen bezüglich anderer Verkehrsteilnehmer hilfreich wären. Das System soll bei jedem Tempo und zu jedem Zeitpunkt die Position im Peloton ermitteln. Mazen Jrab, leitender IoT-Hardwareentwickler bei Canyon, erklärt, dass das System die Sicherheit aus dem reaktiven ins prädiktive Zeitalter bringen soll. Durch die Kombination von Echtzeit-Wahrnehmung und Fahrdaten soll das System in kritischen Situationen die Kontrolle verbessern und durch rechtzeitige Warnsignale und Interventionen Unfälle verhindern oder weniger gefährlich machen.
Das Konzept wird auf jeden Fall für viel öffentliche Aufmerksamkeit sorgen. Bisher ist das Rennrad Canyon Predict nur ein Prototyp - ob es jemals umgesetzt wird und die beschriebenen Systeme wie versprochen funktionieren, ist völlig offen. Zu viele Informationen die eher ablenken, zu hohe Produktionskosten oder das Gewicht könnten Stolperfallen werden.
Zwangsläufig denkt man an die letzte große Zukunftsidee von Canyon: 2021 stellten die Koblenzer das „Future Mobility Concept“ vor: ein zweispuriges E-Bike, in dem man ähnlich wie in einem Liegerad Platz nimmt. Es sollte als neue Kategorie zwischen E-Bike und Auto Mobilität neu definieren. Das mit Pedalkraft angetriebene Mobil verschwand nach der Präsentation aber in der Schublade. Ob es da jemals wieder rausgeholt wird, ist offen.
Fahrrad-Lobbyisten könnten beim Thema Sicherheit auch ein anderes Argument bringen: Einfacher wäre vermutlich motorgetriebenen Fahrzeuge mit Sicherheitssystemen auszustatten, die eine Gefährdung von Radfahrern verhindern. Beim Großteil der tödlichen Unfälle von Radfahrern ist ein motorgetriebenes Fahrzeug involviert. Die besten Warnsysteme am Rad bringen nichts, wenn ein PKW oder LKW mit hoher Dynamik auf einen Radfahrer trifft.

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