Es gibt diese seltenen Momente im Jahr, in denen sich plötzlich alles verändert. Der Verkehr verstummt, der Lärm ebbt ab, und selbst die sonst so hektischen Landstraßen rund um eine Großstadt wirken wie leergefegt. Für viele ist das die Zeit, in der sie vor dem Fernseher sitzen, fanatisch mitfiebern, gemeinsam vor Großleinwänden stehen oder in Bars lautstark jedes Tor feiern. Für mich ist es die perfekte Gelegenheit, aufs Rad zu steigen.
Ich spreche da aus Erfahrung. Während alle zu Hause oder beim Public Viewing vor den Bildschirmen saßen, drehte ich bei der Europameisterschaft 2024 in Ruhe meine Runden. Kein Gehupe, weil man nicht auf dem Radweg mit tausenden Schlaglöchern fährt, keine Autos, die einen mit viel zu geringem Abstand überholen, einfach nur Ruhe. Es war, als hätte ich die Straßen ganz für mich allein. Ein Zustand, der im Alltag nahezu utopisch erscheint.
Wenn die Deutsche Nationalmannschaft spielt, passiert auf den Straßen etwas Interessantes: Sie leeren sich. Pendler fahren früher nach Hause, der Wochenendausflug wird verschoben, und selbst der sonst so dichte Verkehr scheint wie ausgelöscht. Plötzlich entsteht ein Zeitfenster, das für uns Radfahrer Gold wert sein kann. Zumindest wenn man wie ich nicht allzu viel mit Fußball anfangen kann.
Zugegeben, viele Spiele liegen bei dieser Weltmeisterschaft zu später Stunde, nicht unbedingt ideal wenn man noch im Hellen unterwegs sein möchte. Doch direkt das erste Spiel der Deutschen ist am kommenden Sonntag um 19 Uhr und könnte kaum besser liegen. Es ist dieses perfekte Zwischenspiel aus Tageslicht und Dämmerung. Genug Zeit, sich noch einmal für zwei oder drei Stunden aufs Rad zu schwingen.
Während der Großteil der Nation sich also auf den Anstoß vorbereitet, Trikots anzieht und Snacks bereitstellt, rolle ich bereits aus der Stadt hinaus. Wo sonst Kolonnen aus Autos unterwegs sind, höre ich nur das leise Surren meiner Kette und die Reifen auf dem Asphalt.
Jeder, der regelmäßig Rad fährt, kennt die typischen Herausforderungen: enge Überholmanöver, unaufmerksame Autofahrer und einfach unfassbar viel Verkehr. Doch genau während dieser Spiele scheint all das für einen kurzen Moment zu verschwinden.
Es sind diese Momente, die den Reiz ausmachen. Ein gewisses Gefühl der Freiheit stellt sich bei mir ein. Das Lächeln auf meinem Gesicht wird breiter.
Natürlich hat das Ganze auch eine gewisse Ironie. Während Millionen Menschen ein gemeinsames Erlebnis teilen, entscheidet man sich bewusst für die Einsamkeit. Doch genau darin liegt für mich der Reiz. Es ist kein Verzicht, sondern ein Tausch: Lautstärke gegen Ruhe, Gedränge gegen Weite.
Wenn also das nächste Spiel der Deutschen ansteht und die Straßen sich langsam leeren, sehe ich darin keine verpasste Gelegenheit, sondern eine Einladung. Wer also auf die WM-Spiele gut verzichten kann, sollte das unbedingt einmal ausprobieren.
Denn wenn Deutschland spielt, gehört die Straße mir. Und vielleicht bald auch dir.
Werkstudent
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