Unnütze und falsche DatenWelche Fitnessdaten brauche ich wirklich?

Kristian Bauer

 · 12.09.2026

Unnütze und falsche Daten: Welche Fitnessdaten brauche ich wirklich?Foto: KI-generiert
Fitnessdaten Sportuhr
Der Markt für Sportuhren und Fitness-Armbänder ist groß und die Funktionen werden immer unübersichtlicher. Dabei sind viele der angezeigten Werte extrem fragwürdig. Sie sind nicht gemessen sondern geschätzt und machen für gezieltes Training keinen Sinn. Im Gegenteil: Wer nach falschen Werten trainiert, verschenkt Leistungsgewinne und die Fokussierung auf Schlafdaten kann sogar zu schlechterem Schlaf führen.

Themen in diesem Artikel

​Der weltweite Gesamtmarkt für Wearables (am Körper getragene elektronische Geräte) wird im Jahr 2026 auf 91 bis 118 Milliarden US-Dollar geschätzt, während das Segment für Smartwatches und Sportuhren davon etwa 43 bis 51 Milliarden US-Dollar ausmacht (Global Market Insights/Market Research Future u.a.). Es lässt sich also viel Geld verdienen mit etwas Technik am Handgelenk – nicht nur beim Kauf, sondern in der Folge mit Abomodellen. Das verleitet zu vollmundigen Versprechen und immer mehr Daten. Aber welche daten braucht man wirklich? Welche Fitnessdaten sind verlässlich und welche nur grobe Schätzungen? Wir erklären die wichtigsten Daten moderner Sportuhren und sonstiger Wearables.

Herzfrequenz - wichtigste der Fitnessdaten

Im Radsport hat die Herzfrequenz durch die Verbreitung der Powermeter etwas an Bedeutung verloren. Sie ist jedoch in vielen Sportarten die wichtigste Hilfe, um die Belastungsbereiche zu steuern. Insbesondere um zu verhindern, dass man zu ambitioniert in lange Einheiten startet. Die Messung am Handgelenk funktioniert technisch anders und schlechter als über einen Brustgurt. Der Brustgurt misst den Herzschlag über die elektrischen Impulse des Herzens direkt auf der Haut (nach dem EKG-Prinzip). Die Messung am Handgelenk hingegen ist eine optische Messung. Leuchtdioden (LEDs) auf der Rückseite der Uhr strahlen Licht durch die Hautoberfläche in das darunterliegende Gewebe. Fotodioden messen wie viel Licht absorbiert wird. Vereinfacht gesagt wird mit jedem Herzschlag eine kleine Druckwelle an Blut ausgelöst. Die optischen Sensoren erfassen das verzögert. Die Messung ist sehr fehleranfällig. Die größten Probleme: die Uhr sitzt nicht fest genug, Schweiß beeinflusst die Messung, aber auch Haare, die Haut und Bewegung können die Daten verfälschen.

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Fazit: Messung immer mit Brustgurt

HRV – wichtiger Trainingswert

Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) beschreibt die Schwankungen in den Zeitabständen zwischen den einzelnen Herzschlägen. An den Werten lässt sich ablesen, wie der Körper mit sportlichen Belastungen zurechtkommt. In der Sportwissenschaft hat der Wert zunehmend an Bedeutung zur Belastungssteuerung gewonnen. Er ist ein Warnsignal, wenn Sportler durch Krankheit, Übertraining oder sonstigen Stress geschwächt sind und eine Trainingsüberlastung droht. Grundvoraussetzung für eine sinnvolle HRV-Analyse ist die zuverlässige und häufige Messung. Dann ist der Wert eine sehr hilfreiche Kennzahl die auch Profisportler beachten.

Fazit: Wichtiger Wert der vor Krankheit oder Überlastung warnt

EKG - neu unter den Fitnessdaten

Ein großes EKG beim Arzt kann eine Smartwatch nicht ersetzen, aber können die Uhren Herzprobleme erkennen? Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat sich zur EKG-Funktion der Apple Watch 4 geäußert. Die Mediziner stuften die Smartwatch als wertvolles Monitoring-Tool ein. Eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen ist das Vorhofflimmern und ein frühzeitiges Erkennen ist wichtig. „Voruntersuchungen zeigen tatsächlich, dass eine 95-prozentige Übereinstimmung mit der von Smart Watch detektiertem Vorhofflimmern und klinisch dokumentiertem Vorhofflimmern besteht“, erklärten sie in einer Mitteilung.

Fazit: die Uhren können Arztbesuche zwar nicht ersetzen, aber ergänzen bzw. anregen.

Sauerstoffsättigung – geringer Nutzen

Ein Pulsoxymeter misst den Sauerstoffgehalt im Blut und gibt eine Rückmeldung über die Sauerstoffversorgung. Die Messung nutzt den Umstand, dass Hämoglobin die Farbe verändert, je nachdem wie viel Sauerstoff es geladen hat. Sie erfolgt im medizinischen Bereich meist über einen Clip-Sensor am Finger mit einer Lichtquelle auf der einen Seite des Fingers und einen Fotodetektor auf der anderen. Smartwatches können konstruktionsbedingt keine medizinische Messung leisten. Uhren am Handgelenk können nur das von Knochen und Gewebe reflektierte Licht messen. Wissenschaftliche Studien belegen daher eine große Fehleranfälligkeit der Messung und es gibt große Unterschiede bei einzelnen Herstellern/Produkten. Insbesondere bei Sauerstoffmangel neigen die Uhren laut einer Studie dazu den Wert künstlich hochzurechnen.

Fazit: Kein verlässlicher Wert

VO2max - Fitnessdaten ohne Messung

Auch der VO2max-Wert von Sportuhren ist nur errechnet und nicht gemessen. Der Wert gibt an, wieviel Sauerstoff der Körper unter Belastung maximal aufnehmen und verwerten kann. Es ist im Ausdauersport einer der wichtigsten Parameter für die Leistungsfähigkeit. Im Radsport wird die VO2max in einem Leistungstest (Atemgase unter Ausbelastung messen) ermittelt und ist für die Talentsichtung der wichtigste Wert. Zudem ist ein hoher Wert auch ein Beleg für die gute Gesundheit und hat in der Präventionsmedizin eine hohe Relevanz. Studien haben große Unterschiede zwischen verschiedenen Uhren festgestellt. Grundsätzlich schnitten reine Sportuhren besser ab als Smartwatches wie die Apple Watch. Studien zeigen, dass Uhren die VO2max bei sehr fitten Athleten tendenziell unterschätzen, während sie die Werte von untrainierten Personen oft überschätzen. Was die Uhren gut können, ist die Tendenz der Entwicklung abzubilden. Das kann helfen zu sehen, ob das Training der letzten Wochen Wirkung zeigt.

Fazit: Der exakte Wert kann nicht ermittelt werden – allerdings lässt sich die Tendenz verfolgen

Erholungswerte - Esoterik der Fitnessdaten

Erholungs- oder Stresswerte werden oft als objektive Indikatoren für physiologischen Zustand, Belastung und Regeneration vermarktet. Die wissenschaftliche Evidenz hinter diesen Scores ist jedoch begrenzt und uneinheitlich. Studien zeigen, dass die Berechnungsmethoden – insbesondere die Integration physiologischer Daten wie Herzfrequenzvariabilität (HRV), Ruhepuls und Aktivitätslevel – nicht transparent oder konsistent sind. Dadurch ergeben sich Zweifel an ihrer wissenschaftlichen Aussagekraft. Insgesamt wird in Studien infrage gestellt, ob die Werte verlässliche und handlungsrelevante Informationen über Stress, Erholung oder Belastbarkeit liefern. Die Nutzung von Wearables kann höchstens das Bewusstsein für eigene physiologische Zustände verbessern. Sie sind nur ein Hilfsmittel zur Schulung des Körpergefühls. Sinnvoller ist es direkt gemessene Werte wie die HRV zu beobachten.

Fazit: Erholungswerte sind eine rechnerische Blackbox – der Nutzen fraglich

Schlaf: schlaflos durch Fitnessdaten?

Ausreichender Schlaf ist wichtig für das Wohlbefinden und die sportliche Leistung – alle Wearables werben mit Schlafaufzeichnung und -analyse. Studien haben in der Vergangenheit große Abweichungen bei den ermittelten Schlafdaten unterschiedlicher Hersteller ergeben. Allein das zeigt, wie fragwürdig die Bedeutung der Werte ist. Die Daten sollten auch aus einem weiteren Grund nicht überinterpretiert werden: US-Forscher aus Chicago haben im Journal of Clinical Sleep Medicine berichtet, dass die Schlafdaten der Wearables teilweise zur Verunsicherung bei Nutzern führen. Bei manchen Patienten sorgte die zu starke Fixierung auf die Daten eher für Schlafprobleme.

Fazit: Der Wert ist sehr ungenau und der Nutzen fraglich

Kalorienverbrauch

Auch beim Kalorienverbrauch handelt es sich nur um eine Hochrechnung über je nach Hersteller unterschiedliche Modelle. Herzfrequenz, Bewegungsdaten, Alter, Gewicht, Körpergröße und Geschlecht werden dabei als Hauptkriterien benutzt. Studien haben gezeigt, dass es extreme Abweichungen zwischen verschiedenen Produkten gibt. So lagen die Uhren laut einer aktuellen Studie der Florida International University um 15 bis 25 Prozent daneben. Besonders bei hohem Körperfettanteil stieg die Fehlerquote und Radfahren erwies sich als schwierig. Jeder Sportler versteht, dass man auf der Hausrunde bei Regen und Kälte mehr Energie verbraucht als bei milden Temperaturen und Sonnenschein, auch wenn sich Distanz und Puls nicht unterscheiden. Studien haben gezeigt, dass die Werte zum Teil 20 bis 30 % abwichen – das zeigt, wie problematisch sie sind. Erst mit einem Powermeter erhält man brauchbare Werte.

Fazit: Der angezeigte Wert ist ungenau und daher fragwürdig

Exkurs Powermeter

Viele Werte die Sportuhren oder andere Wearables anzeigen, sind geschätzt und daher von zweifelhafter Relevanz. Zum Glück gibt es im Radsport ein Gerät, das Daten liefert, die gemessen und nicht geschätzt werden: Ein Powermeter mit beidseitiger Messung (Kurbel/Pedal) ermöglicht eine optimale Trainings- und Wettkampfsteuerung. Die real gemessene Leistung liefert Daten, die wertvoller sind als alle anderen Kennzahlen. Die Leistung ist auch Basis für andere Werte, die dann zuverlässig errechnet werden können. Ein gutes Beispiel ist der Kalorienverbrauch. Die Berechnung basiert auf der physikalischen Arbeit (gemessen in Kilojoule, kJ) und dem menschlichen Wirkungsgrad. Anhand der gemessenen Wattwerte über einen bestimmten Zeitraum, kann der Kalorienverbrauch deutlich exakter errechnet werden, als es eine Smartwatch schätzen kann. Das ist insbesondere wichtig für Trainingsblöcke oder Etappenrennen.

Interessante Studien zum Thema:

https://www.frontiersin.org/journals/sports-and-active-living/articles/10.3389/fspor.2024.1465515/full

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38557808/

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36016077/

https://www.degruyterbrill.com/document/doi/10.1515/teb-2025-0001/html

https://www.nature.com/articles/s41746-020-0226-6

https://www.thieme-connect.com/products/ejournals/html/10.1055/a-2376-6332#info

https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40116771/

https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/sms.14271

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Redakteur

Kristian Bauer ist gebürtiger Münchner und liebt Ausdauersport – besonders wenn es in die Berge geht. Er ist ein Fan der Tour de France und bevorzugt solide Rennradtechnik. Er führt für TOUR Interviews, berichtet von Events im Hobbyradsport und schreibt Artikel über die Fahrradbranche sowie Trends im Rennradsport.

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