Gravel GroundSchotter, Industriekulisse und viele erste Male

Sandra Schuberth

 · 16.09.2026

Gravel Ground 2026 hat geliefert:
Foto: Carsten Mathiaszyk
​Gravelbikes testen, gemeinsam Touren fahren, beim Bergzeitfahren an die Belastungsgrenze gehen: Beim zweiten Gravel Ground by MAXXIS auf der Zeche Ewald traf die Industriegeschichte des Ruhrgebiets auf Gravel pur. Ein Wochenende zwischen Halde, Regen, Rennen und persönlichen Premieren.

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Um 15:57 Uhr steht schon eine Menschentraube vor dem Eingang zum Veranstaltungsgelände. Es wird geduldig gewartet. Pünktlich 16 Uhr wird der Weg freigegeben, keine Sekunde früher. Die Traube setzt sich in Bewegung. Mitten im Ruhrgebiet zwischen alten Halden und direkt auf dem Gelände der Zeche Ewald dreht sich beim zweiten Gravel Ground by MAXXIS ein Wochenende lang alles um Gravelbikes.

Die Zeche Ewald, auf deren Gelände das Testival stattfindet, wurde 1871 in Herten gegründet – benannt nach Ewald Hilger, einem ihrer Mitgründer. Über die Jahrzehnte entwickelte sie sich zu einer der produktivsten Zechen Europas und beschäftigte zwischenzeitlich mehrere Tausend Bergleute. Am 28. April 2000 wurde die letzte Schicht gefahren.

Jetzt ist das Gelände ein anderes, jetzt verbringen Menschen ihre Freizeit hier. Die Halde Hoheward, in unmittelbarer Nähe zur Zeche gelegen, überragt mit ihren 153 Metern die Umgebung um etwa 111 Meter. Mit ihren 170 Hektar ist sie die größte Halde im Ruhrgebiet. Sie entstand aus dem Abraum der Zeche. Neuland, buchstäblich: Land, das es ohne den Bergbau nicht gäbe. Heute wird auf der Halde spaziert, gejoggt, gegravelt; sogar Mountainbike-Trails gibt es. Und in knapp zwei Stunden findet hier ein Radrennen statt.

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Einmal hoch

Das Bergzeitfahren Van Rysel Legend of the Halde ist neu in diesem Jahr. 2,6 Kilometer, 80 Höhenmeter, einmal auf die Halde. Als ich mich für das Rennen Einrollen will, treffe ich zwei Männer mit Gravelbikes, die aussehen, als bräuchten sie irgendetwas. Ich frage nach. Mit einem Innensechskant kann ich jedoch nicht aushelfen, ich habe weder Wasser noch Werkzeug dabei.

Der eine will sich ein Titanrad zulegen und nutzt die Gelegenheit für eine Probefahrt auf dem Radon Tigard. Auf dem Testival tummeln sich über 50 Aussteller, viele haben Räder dabei, die für Testfahrten rausgegeben werden. Nach kurzer Fachsimpelei verabschiede ich mit meinem eigenen Titanrad in Richtung Startlinie. Ohne Erwärmung.

Rund 80 Fahrerinnen und Fahrer starten im Minutentakt. Die Frauen zuerst. Ich spreche mit denen vor und hinter mir. Für die, die nach mir an der Reihe ist, ist es das erste Rennen überhaupt. Sie ist nervös. Ich sage ihr, dass ich mich freue, dass sie hier steht. Pünktlich zum Start des Bergzeitfahrens hängt über dem Gelände der ehemaligen Steinkohlezeche ein Himmel fast so dunkel wie nasser Asphalt. Es nieselt.

Die Sekunden werden runtergezählt, dann feuern Zuschauer lautstark an. Für mich dauern die 2,5 Kilometer acht Minuten. Oben angekommen werde ich von denen, die vor mir gestartet sind, begrüßt. Ich schnappe kurz nach Luft, um dann die nächste und die nächste und die nächste ins Ziel zu klatschen, bis alle Frauen da sind. Auf die Frage „Wie war’s?“ lautet die Antwort immer gleich: „Anstrengend“. Spontan reihen wir uns auf für ein Gruppenfoto. Der Regen ist unangenehm und kalt. Wir fahren runter, als die ersten Männer oben ankommen.

Diese Frauen sind das Bergzeitfahren Legend of the Halde von Van Rysel gefahrenFoto: Kirsten OchsDiese Frauen sind das Bergzeitfahren Legend of the Halde von Van Rysel gefahren

Später werden bei der Siegerehrung liebevoll gestaltete Pokale übergeben und unter allen Teilnehmenden wird ein Van-Rysel-Gravelbike verlost.

Inspiration

Der Samstag beginnt trüb. Während einer morgendlichen Yoga-Stunde auf der Dachterrasse blitzt aber der blaue Himmel durch und verrät, dass ein sonniger Tag bevorsteht. Über die Expo schlendern Besucher und Leute, die gerade ihre Startnummer für das Gravelrennen Scary Schotter geholt haben. Fragen zu Reifen, Bikepacking-Taschen, Beleuchtung und natürlich Rädern werden geduldig beantwortet. Supernova hat zum ersten Mal nicht nur Ausstellungsstücke dabei, sondern verkauft auch. Einige entscheiden sich direkt für neue Fahrradbeleuchtung, andere führen ein Gespräch und kommen wieder und wieder … und wieder. Dann fällt die Entscheidung: Ja, ich will.

Am MAXXIS-Stand lösen nicht nur Reisefotos Fernweh aus, sondern auch der passende Vortrag von Kathi Kruse, die von ihrem Radabenteuer Final Frontier Patagonia berichtet. Auf der Bühne ist auch immer wieder was los – vom Live-Podcast mit velo.FM zu Ultracycling-Deeptalk mit Max Riese.

Geburtstagsgeschenk

Karin verlässt gerade das Festivalgelände als ich sie anspreche und mich erkundige, was sie zum Gravel Ground verschlagen hat. Ihre Antwort erst zaghaft, dann voller Begeisterung. Sie hat sich getraut und ist zum ersten Mal in einer Gruppe gefahren, heute, an ihrem 65. Geburtstag! Über 25 geführte Touren werden kostenlos angeboten. Mit Namen wie „Kumpel, Kanal & Pottliebe“ „Easy Peasy Einsteiger“ oder dem „Supernova Nightride Schlägel & Eisen“ zeigen sie, was das Ruhrgebiet als Gravelregion zu bieten hat: nicht nur Industriekulisse, sondern auch traumhafte Strecken. Viele Touren sind binnen kurzer Zeit ausgebucht. Karin hat sich für eine leichte Tour entschieden. Dafür hat sie den Besuch ihrer Kinder auf morgen verschoben. Mit ihrem Gravelbike macht sie seit drei Jahren Ausflüge und Bikepacking-Touren. Vor dem Fahrrad war sie mit Zelt, Wanderschuhen und Hund unterwegs.

Bei ihren Erzählungen werde ich emotional, freue mich, wie das Fahrrad wieder einmal sein Potenzial ausspielt, Menschen zu verbinden, denn Karin hat sich für die kommende Woche direkt wieder zum gemeinsamen Radfahren verabredet.

Für Karin ist die Tour ihr Geburtstagsgeschenk an sich selbst; für viele andere das Herzstück des Wochenendes. Auch Tjorven, bekannt als @tjorven_geschwindigkeit, steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, als ich ihn nach dem Nightride frage. „Es war mega, mit dem Gravelbike durch ein Bergwerk fahren stand nicht auf meiner Bingokarte“ schwärmt er, denn die Nightrides boten wie schon im vergangenen Jahr ein ganz besonderes Highlight; sie führten durchs Trainingsbergwerk Recklinghausen.

„Aber der Kopf war stärker“

Noch bevor Karins Ride startet, fällt der Startschuss für das Gravelrennen Rose Scary Schotter. 250 Leute stellen sich den sieben Runden à 6,6 Kilometer mit insgesamt über 660 Höhenmetern, ein Teilnehmerrekord. Viele werden gleich ihr erstes Rennen fahren und manche sorgen sich: Wird gedrängelt? Ist die Strecke zu anspruchsvoll? Die Strecke ist abwechslungsreich: Anstiege, flache Passagen, technische Abschnitte, schnelle Abfahrten. An einer Stelle im Kurs kann man wählen: links ein kurzer, steiler Stich, rechts ein weiterer Bogen. Christina, die hier bereits 2025 gestartet ist, erzählt das im Startblock. Im Vorjahr hat sie den Stich erst ab Runde vier genommen – das, vermutet sie, habe sie um den dritten Platz gebracht. Dieses Jahr will sie es von Anfang an anders machen. Ich selbst habe mich um den Streckencheck gedrückt, bin also gespannt wie ein Flitzebogen. In der ersten Runde erkenne ich die Stelle direkt, fahre links. Für Frauke vom Verein Windkante Rottstrasse e.V. ist das Scary Schotter das erste Gravelrennen überhaupt das erste Mal so lange bei so hoher Herzfrequenz. Im Ziel erzählt sie: „Bei Runde drei habe ich überlegt, aufzuhören, aber der Kopf war stärker.“ Keine der Sorgen, die sie im Vorfeld hatte, hat sich bewahrheitet. Die Strecke war für sie gut schaffbar, auch wenn es technische Stellen gab. Überholt wurde so gut wie immer mit Vorwarnung. Auch Christina berichtet im Ziel stolz „Es hat geklappt!“. Ab Runde eins ist sie die steile Option gefahren. Sie wird Zweite.

Regenklamotte an

Der Sonntag ist trüb und regnerisch. Ich würde mir wohl 17 Mal überlegen, ob ich jetzt Lust hätte auf einen Ausflug zum Gravel Ground. Meine Antwort würde wohl 17 Mal lauten, es ist so ungemütlich… Andere sind hartgesotten, werfen sich in die Regenklamotte. Das Festivalgelände bleibt zwar deutlich leerer, dennoch werden Räder ausprobiert, Touren gefahren und ganz wichtig: Heute findet das Kinderrennen Gravel Ground Rockets statt. Auch für einige Kinder ist Rennenfahren Neuland.

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Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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