Hannah Ghazi-Idrissi hat ihren Weg vom Triathlon über das Bikepacking zum Ultracycling gefunden. Im Jahr 2024 war sie erste Frau und 6. Gesamt beim Taunus Bikepacking. Rund 1000 Kilometer mit 20.000 Höhenmetern hat sie in vier Tagen, zwei Stunden und 25 Minuten abgespult. Parallel zur Ultracycling-Welt kam sie auf den Geschmack von kürzeren Gravel-Rennen. Bei ihrem Debüt, dem Wörthersee Gravel, konnte sie sich direkt für die Gravel-WM 2024 qualifizieren. An der WM Anfang Oktober nahm sie natürlich auch teil.
Ihre Freude am Radsport ist ihr ständiger Begleiter - auch bei extremen Herausforderungen vergeht ihr das Lächeln nicht. Nachzuhören ist das auch im Sitzfleisch-Podcast, in der die Podcast-Hosts und Ultraradfahrer Christoph Strasser und Florian Kraschitzer mit ihr unter anderem über ihre zwei Teilnahmen am Three Peaks Bike Race sprechen.
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Doch auch Rückschläge musste sie schon einstecken, insbesondere die Nase. Vor dem Seven Serpents 2023 ist Hannah gestürzt und hat sich die Nase gebrochen. Der Operationstermin war nach der nächsten Veranstaltung, dem Bohemian Border Bash Race - 2 Monate später. “Sie können alles machen aber unter keinen Umständen sollten Sie sich die Nase nochmal brechen” betonte der Chirurg.
Doch es kam anders. Beim Bohemian Border Bash Race 2023, also zwei Monate nach dem ersten Sturz, ist sie mit “etwas zu viel Geschwindigkeit” über eine “etwas zu nasse Brücke” gedüst. Das Ende vom Lied war: Gesicht 0: Brückengeländer 1. In anderen Worten: die Nase war platt gedrückt und der Orbitaboden angebrochen (Boden der Augenhöhle). Die Frakturen wurden konservativ, also ohne Operation behandelt. Beschwerden wie nicht durch die Nase atmen können blieben und so fand schließlich vor wenigen Wochen eine OP statt, bei der das Ganze nochmal kontrolliert gebrochen und gerichtet wurde. Schon jetzt, noch nicht ausgeheilt, ist es viel besser. Toitoitoi, dass das die letzte Nasenfraktur in Hannahs Leben war.
Wenn Hannah nicht Rad fährt, und das kommt bei einem Vollzeitjob oft vor, dann ist sie im Krankenhaus zu finden - nicht nur, um die Frakturen zu richten. Aktuell befindet sie sich zwischen Studium und Facharztausbildung. In Österreich muss man als “Basisarzt” durch Abteilungen rotieren. Danach schlägt Hannah die Fachrichtung Neuroradiologie ein.
Im Interview erzählt sie von ihren Erfahrungen, was sie am Ultracycling reizt und wie sie den Sprung zu den kürzeren Gravel-Rennen geschafft hat.
Du hast unter anderem Taunus Bikepacking ein beeindruckendes Ergebnis erzielt. Was reizt dich am Ultracycling und wie schaffst du es, trotz der extremen Belastung immer happy auf dem Rad zu bleiben?
Natürlich bin auch ich nicht immer happy! Ich würde eher sagen, ich habe eine hohe Resilienz und versuche selbst unter extremer Belastung nicht zu vergessen, dass ich das alles freiwillig mache und wie privilegiert ich bin, hier zu sein. Vor allem erinnere ich mich daran, dass mit einer positiven Einstellung keine Herausforderung unendlich oder unüberwindbar ist. Wenn ich mal ein Motivationstief habe, frage ich mich: “Willst du gerade wirklich lieber woanders sein?” Die Antwort ist fast immer “Nein” – ich will mir selbst beweisen, dass ich stärker bin als meine innere Stimme. Und wenn die Antwort doch mal “Ja” ist, esse ich erstmal etwas (Snickers) – danach sieht die Welt meist schon wieder ganz anders aus!
Vom Ultracycling zum UCI Gravel-Wettkampf – Wie kamst du auf den Geschmack von kürzeren Gravel-Rennen?
Eigentlich bin ich eher zufällig diesen kurzen Gravelrennen gekommen – ich habe bei einem Gewinnspiel zwei Startplätze für das Wörthersee Gravel gewonnen, da musste ich ja dann mitmachen. Das war erst mein zweites richtiges Radrennen, bei dem man Lenker an Lenker mit den anderen im Feld fährt. Ich hatte mega Schiss und hab gefühlt alle Anfängerfehler gemacht – zum Beispiel meine komplette Verpflegung schon bei km 15 verloren und vor Stress kaum getrunken. Spaß hatte ich da erst mal keinen gehabt. Erst nachdem ich den Systemschock überwunden und ein bisschen verstanden hatte, wie man bei so einem Rennen Rad fährt hat es mich gepackt. Dass ich mich bei diesem ersten Versuch direkt für die WM qualifiziere, hat wohl niemand erwartet!
Wie unterscheiden sich für dich die Herausforderungen bei kürzeren, intensiven Gravel-Rennen im Vergleich zu den langen Bikepacking-Abenteuern?
Bei Ultrarennen sind mentale Stärke und Resilienz fast wichtiger als das, was man in den Beinen hat. Man muss lernen, mit sich selbst klarzukommen und durchzuhalten, auch wenn es unangenehm wird. Ich fahre eigentlich nur im Grundlagenbereich und versuche, intensive Belastungen zu vermeiden – und genieße viel mehr die Natur, eher fernab von Menschen.
UCI-Gravelrennen sind dagegen das komplette Gegenteil. Hier geht es um kurze, explosive Belastungen, man muss ständig am Limit fahren, um (zumindest für kurze Zeit haha) mit den anderen Frauen mithalten und interagieren zu können.
Da ich kaum Erfahrung im Fahren im Feld habe, fehlt mir oft das nötige Durchsetzungsvermögen, um meine Position zu behaupten – was zum Beispiel vor Singletrail-Sektionen oder engen Kurven wichtig ist, damit ich nicht unnötig Kraft ins Wiederheranfahren investieren muss. Von der Natur neben den Trails bekomme zumindest ich eigentlich nichts mit. Eine gewisse mentale Stärke braucht es hier auch, aber ich habe für mich entschieden, einfach den Kopf auszuschalten und so lange mitzuleiden, bis ich hinten rausfliege.
Nach deinen Erfolgen in 2024: Was steht 2025 auf deinem Radar?
Beide Arten von Rennen machen mir extrem viel Spaß. Die kürzeren Rennen finde ich als Vorbereitung auf lange Rennen trainingstechnisch sinnvoll, und sie lassen sich natürlich auch besser mit einem Vollzeitjob vereinbaren. Ich würde lügen, wenn ich nicht zugeben würde, dass eine erneute Qualifikation für die Gravel-WM 2025 auch ein kleines Ziel von mir ist. Gleichzeitig reizt es mich aber auch, wieder auf eine richtig lange Reise (> 2000 km) zu gehen. Mal sehen, wie es am Ende kommt – ein bisschen Zeit zur Planung der nächsten Saison habe ich ja noch.

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