Als Tom Boonen über das Kopfsteinpflaster von Paris-Roubaix flog, Fabian Cancellara seine ersten Monumente gewann und die Fans noch über die Dominanz von Lance Armstrong diskutierten, waren viele der Fahrer, die heute als kommende Stars des Pelotons gelten, gerade einmal Säuglinge oder noch nicht einmal geboren. Das klingt zunächst absurd. Doch der Profiradsport erlebt gerade den nächsten Generationenwechsel. Und die Jahrgänge 2005 und 2006 stehen längst nicht mehr nur vor der Tür. Sie sind bereits eingetreten.
Wer heute einen Blick auf die Startlisten großer Rennen wirft, merkt schnell: Das Durchschnittsalter der vielversprechendsten Talente sinkt stetig. Während früher ein 23- oder 24-Jähriger als hoffnungsvoller Nachwuchsfahrer galt, werden heute bereits Teenager und 20-Jährige an der Weltspitze getestet. Die Entwicklung wurde durch Fahrer wie Tadej Pogacar und Remco Evenepoel beschleunigt. Wer in jungen Jahren außergewöhnliche Leistungen zeigt, bekommt heute deutlich früher die Chance, sich auf WorldTour-Niveau zu beweisen.
Die Zeiten, in denen Talente mehrere Jahre in kleineren Mannschaften reifen mussten, scheinen vorbei. Development-Teams sind professioneller denn je organisiert, Leistungsdaten werden bereits im Juniorenbereich gefühlt minutiös ausgewertet, und die großen Mannschaften suchen weltweit nach dem nächsten Ausnahmekönner.
Das verändert die Karrierewege grundlegend. Statt mit Anfang zwanzig erste Erfahrungen im Profibereich zu sammeln, stehen die besten Talente heute oft schon in diesem Alter bei den größten Mannschaften der Welt unter Vertrag. Der Sprung aus dem Nachwuchsbereich wird kleiner, die Erwartungen dafür umso größer.
Einer der spannendsten Vertreter dieser neuen Generation ist Paul Seixas. Der 2006 geborene Franzose gilt als eines der größten Rundfahrttalente seines Landes seit vielen Jahren. Obwohl er eigentlich noch am Anfang seiner Karriere steht, wird bereits darüber spekuliert, wie weit ihn sein Potenzial bei den großen Landesrundfahrten tragen könnte.
Ähnlich hoch sind die Erwartungen an den Norweger Jorgen Nordhagen. Der frühere Langlauf-Spezialist gilt als eines der vielversprechendsten Klettertalente seines 2005er Jahrgangs. Dass ausgerechnet Visma | Lease a Bike seine Entwicklung mit großer Sorgfalt begleitet, zeigt, welch hohes Ansehen der Norweger bereits genießt.
Noch auffälliger ist vielleicht der Brite Matthew Brennan. Der ebenfalls 2005 geborene Allrounder hat bereits bewiesen, dass er auch gegen die ältere Konkurrenz bestehen kann. Sprintstärke, Rennintelligenz und ein Gespür für Klassiker machen ihn zu einem Fahrer, den man in den kommenden Jahren häufiger ganz vorne erwarten darf.
Feeling old yet? Der US-Amerikaner Ashlin Barry ist nochmal eine Ecke jünger (Jahrgang 2007). Auch er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die den Radsport zunehmend prägt: Die Stars von morgen werden immer früher entdeckt.
Interessant dabei ist, dass Nordhagen, Brennan und Barry alle bei Visma unter Vertrag stehen - auch, wenn Barry noch für den Nachwuchskader fährt. Dennoch zeigt es, wie sehr der niederländische Rennstall auf junge Talente setzt.
Dabei geht es nicht nur um einzelne Talente. Vielmehr hat sich die Wahrnehmung des Alters verändert. Als Cadel Evans 2011 die Tour de France gewann, war er 34 Jahre alt. Chris Froome feierte seine größten Erfolge in seinen späten Zwanzigern und frühen Dreißigern. Heute wirken solche Karriereverläufe fast schon wie Relikte aus einer anderen Zeit.
Wer heute mit 20 oder 21 Jahren bei großen Rennen vorne mitfährt, sorgt längst nicht mehr für ungläubiges Staunen. Stattdessen lautet häufig die nächste Frage: Kann dieser Fahrer irgendwann eine Grand Tour gewinnen? Die Messlatte ist durch Pogacar, Evenepoel und zahlreiche weitere Jungstars deutlich nach oben gerückt.
Auch aus deutscher Sicht lohnt sich der Blick auf die Jahrgänge 2005 und 2006. Fahrer wie Bruno Kessler haben bereits gezeigt, welches Potenzial im hiesigen Nachwuchs steckt. Die Hoffnung der deutschen Radsportfans ist, dass aus der starken Junioren- und U23-Generation künftig wieder Fahrer hervorgehen, die nicht nur Helferdienste verrichten, sondern selbst Rennen entscheiden können.
Bis dahin werden zwar noch einige Entwicklungsschritte notwendig sein. Doch der internationale Vergleich zeigt auch: Die nächste Generation wartet nicht mehr darauf, irgendwann ihre Chance zu erhalten. Sie nimmt sie sich.
Vielleicht liegt der faszinierendste Aspekt dieser Entwicklung gar nicht in Wattzahlen, Trainingsmethoden oder Talentförderung. Sondern in der Erkenntnis, wie schnell die Zeit vergeht. Die Fahrer des Jahrgangs 2005 wurden geboren, als viele heutige TOUR-Leser bereits Rennen verfolgten, ihre ersten Jedermann-Radmarathons fuhren oder über die großen Duelle von Boonen, Cancellara und Bettini diskutierten. Gut zwei Jahrzehnte später treten genau diese Jahrgänge ins Rampenlicht. Oder anders formuliert: Die Kinder von damals sind plötzlich die Profis von heute. Und die nächste Generation steht bereits in den Startlöchern.

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