Interview Albrecht SchulzeDer Radfahrer auf dem Dach der Welt

Radfahrer auf dem Dach der Welt
Foto: Albrecht Schulze
​Ein Radfahrerleben voller Abenteuer: Albrecht Schulze erkundete nach dem Fall der Mauer die Welt mit dem Fahrrad. Besonders oft war er in Osttibet und hat sein Zelt auch in den hohen Bergen aufgestellt. Im Interview erklärt er, warum er ihm acht Zehen fehlen und warum er seine Räder immer vor Ort kaufte.

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​In seinem neuen Buch „Der Radfahrer auf dem Dach der Welt“ blickt Albrecht Schulze zusammen mit Hardy Krüger zurück auf sein Leben als Rad-Abenteurer. Insgesamt legt er gut 13.000 Kilometer zurück und fährt über weite Hochplateaus, die von Nomadenfamilien mit ihren Yakherden bewohnt werden, überquert bis zu 4.600 Meter hohe Pässe. Wir bringen ein Interview als Auszug aus seinem neuen Buch:

Interview Hardy Krüger mit Albrecht Schulze:

Krüger: Du warst viele Jahrzehnte mit dem Rad unterwegs, unter anderem in Osttibet. Nun bist du 78, und das Leben wird ruhiger. Wie geht es dir damit?

Albrecht Schulze: Die Neugier ist geblieben und vor allem die Lust auf ein tieferes Eintauchen in andere Kulturen. Diese Triebkräfte wirken weiter. Radabenteuer reizen mich also noch immer, aber der Körper …

Krüger: Du fährst ja auch immer noch Fahrrad – nur nicht mehr in Osttibet.

Albrecht Schulze: Ja, zuletzt bin ich von Magdeburg nach Wolfenbüttel gefahren. Und in der Coronazeit radelte ich von Potsdam nach Danzig. Wenn es nicht zu steil ist, komme ich immer noch auf 120 bis 140 Kilometer am Tag.

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Krüger: Was für ein Rad fährst du?

Albrecht Schulze: Ein sportliches Trekking-Rad, mit dem ich auch Waldwege nutzen kann.

Krüger: Hast du immer noch diese kleine Hundehütte als Zelt dabei und schläfst neben der Straße, wie in Osttibet?

Albrecht Schulze: Ja. Wobei die Wahrheit ist, dass das Zelt nicht mir gehört, sondern schon seit Ewigkeiten von einem Freund geliehen ist.

Krüger: Reisen ins Unbekannte sind aber nicht ohne Risiko und kosten manchmal einen hohen Preis. Dich zum Beispiel acht Zehen. Wie kam es dazu?

Albrecht Schulze: Das war 1985 am Pik Lenin. Damals Sowjetunion, heute Kirgistan. Ich war mit ein paar Freunden unterwegs. Wir hatten durch viele Zufälle ein Dienstvisum für die Sowjetunion ergattert. Dadurch konnten wir gewisse Freiräume ausloten, also wo und wie man übernachten kann oder welche Verkehrsmittel auch ohne Vorlage eines »gültigen Reisedokuments« nutzbar waren.

So fuhren wir nach Asien in den islamischen Einflussbereich, wo es damals noch ziemlich wild war. Nicht so dicht besiedelt wie im europäischen Teil der Sowjetunion. Ich war schon immer fasziniert von Bergen, und der Pik Lenin galt als recht einfach. Zwar 7.100 Meter hoch, aber man muss nicht klettern oder sich ans Seil hängen. Wir sind zu dritt los. Ohne offizielle Genehmigung. Der Aufstieg war unglaublich schön – eine ganz wilde Nummer.

Als ich wieder zu Hause in Potsdam war, schlugen die Ärzte die Hände über dem Kopf zusammen.

Albrecht Schulze verliert Zehen

Auf 6.400 Metern ist einer von uns höhenkrank geworden. Wir sind dann zu zweit weiter zum Gipfel, doch auf dem Rückweg wurde der Höhenkranke immer langsamer, sodass wir zwei Nächte bei Sturm aushalten mussten. Der Schnee wurde durch die vermeintlich wasserdichte Zeltwand gepresst, und wir kühlten stark aus. Beim Abstieg hatte ich bereits höllische Schmerzen in den Füßen, dazu kam, dass ich schneeblind war. Im Basislager wurden wir notdürftig verarztet, dann sind wir mit dem Bus runtergefahren. Als ich wieder zu Hause in Potsdam war, schlugen die Ärzte die Hände über dem Kopf zusammen. Bis auf die beiden kleinen Zehen waren alle tot und mussten amputiert werden.

Krüger: Was hat das für dich bedeutet?

Albrecht Schulze: Ich war geschockt. Aber ich hatte auch Riesenglück. Ich lernte bald wieder Laufen. Und Radfahren konnte ich sowieso noch. Da braucht man die Zehen nicht so. Beim Gehen kippe ich bis heute immer leicht nach vorn.

Krüger: Ihr wart ohne Genehmigung unterwegs. Wie ging das damals?

Albrecht Schulze: Viele reisten damals ohne Genehmigung durch die Sowjetunion. Es gibt heute sogar eine Vereinigung, die heißt UDF – »Unerkannt durch Freundesland«. Der Trick war, nach Rumänien fahren zu wollen – und damit über die Sowjetunion. Dafür bekam man ein Durchgangsvisum. Eigentlich hätte man in 36 Stunden wieder rausfahren müssen. Doch in jedem Sommer waren Tausende von Leuten aus der DDR in der Sowjetunion unterwegs. Wenn man erwischt wurde, kostete es 140 Rubel. Das mal drei in Ostmark, also 450 Mark, wäre die Strafe gewesen. Die hätte jeder sofort bezahlt.

​Ich fand es unglaublich anmaßend zu entscheiden: Du darfst dahin, aber du darfst nicht dorthin

Krüger: Du hast bis zur Wende in der DDR gelebt. Welche Bedeutung hatte die Mauer für dich?

Albrecht Schulze: Ich war einer von den 95 Prozent in der DDR, die das nicht akzeptieren konnten. Es war eine Kapitulationserklärung des Systems. Ich fand es unglaublich anmaßend zu entscheiden: Du darfst dahin, aber du darfst nicht dorthin. Und es wurde auch immer schlimmer. Der Druck im Kessel wuchs bis 1989 ständig an.

Krüger: Hattest du Sehnsuchtsziele hinter der Mauer?

Albrecht Schulze: Ja, sogar zwei: Indien und einmal ums Mittelmeer. Indien sollte eine Wanderung sein, das Mittelmeer wollte ich mit dem Fahrrad erkunden.

Krüger: Was ist daraus geworden?

Albrecht Schulze: Nichts. Als die Mauer fiel, hatte ich schon die Seidenstraße im Kopf. Kaum bekamen wir am 1. Juli 1990 Westgeld, sind wir zu dritt losgezogen. Mit dem Bus, nicht mit dem Fahrrad.

Krüger: Und die Mittelmeer-Runde?

Albrecht Schulze: Habe ich nie gemacht. Der Reiz war weg. Ich wollte lieber in den Fernen Osten und habe mich ziemlich schnell auf China konzentriert. Indien war eine andere Sache. Ich habe mich oft gefragt, warum ich das nie gemacht habe. Kulturell und landschaftlich wäre es sicher wahnsinnig interessant gewesen. Ich bin nie in Indien gewesen.

Krüger: Dafür aber zehnmal in Osttibet. Was waren dort die größten Herausforderungen?

Albrecht Schulze: Am Anfang vor allem Orientierung und Straßenverhältnisse. Man kam nur sehr langsam voran. Von den 1.400 Kilometern der ersten Tour waren 1.000 auf Schotter. Und es fehlten auch immer mal Kilometersteine, sodass ich nicht wusste, wo ich war. Einmal kam ich an eine Gabelung und hatte Glück, weil zufällig zwei Einheimische da waren und mir halfen. Da hatte ich schon ein bisschen Angst. Aber ich habe mir auch immer vorher überlegt, wie ich wieder rauskomme. Alle Touren hatten Abzweigungspunkte, an denen ich abkürzen konnte, wenn es zeitlich eng wurde. Ich musste ja immer meinen Flieger zurück nach Hause erreichen.

Krüger: War es gefährlich?

Albrecht Schulze: Leitplanken gab es in China erst ab 2008. Wenn ich von der Straße runtergefallen wäre, und seien es nur zwei Meter gewesen, hätte mich niemand gesehen. Und gehört schon gar nicht, denn die chinesischen Lastwagen waren damals unglaublich laut.

Räder kauft Albrecht Schulze vor Ort

Krüger: Auf deiner ersten Tour hattest du ein eigenes Fahrrad dabei, danach hast du sie dir vor Ort gekauft. Wie war die Qualität?

Albrecht Schulze: Nicht immer gut, aber sie wurde zunehmend besser. Einmal haben mein Freund Jochen und ich ein Rad nach drei Tagen stehen lassen und uns ein neues besorgt. Es hatte umgerechnet nur 60 Euro gekostet, und wir hatten es in einer Kleinstadt gekauft, wo es kaum Angebote gab. Meistens habe ich mein Rad in Chengdu gekauft.

Heute sieht das völlig anders aus. Viele Räder auf dem deutschen Markt sind “Made in China”. Giant-Bikes beispielsweise bekommt man in China inzwischen überall. Das ist gute Qualität. Da setzt du dich drauf und fährst einfach los.

​Sattel- und Lenkertasche dran, Sattelhöhe einstellen und losfahren.

Krüger: Viele Radler lassen sich aufwendig ausmessen und stellen ihr Rad dann millimeterexakt ein. Wie hast du das gemacht?

Albrecht Schulze: Sattel- und Lenkertasche dran, Sattelhöhe einstellen und losfahren.

Krüger: Warum hast du dein Rad nicht aus Deutschland mitgebracht?

Albrecht Schulze: Weil es einfacher und praktischer war. Ich bin oft von und nach Chengdu geflogen, weil es Direktflüge von Amsterdam gab. Ich musste also nicht mit Gepäck in Peking oder anderen Städten umsteigen. Von Chengdu fuhr ich dann mit dem Bus oder dem Zug zum eigentlichen Startort. Es war nie klar, ob und wie man ein Fahrrad im Zug mitnehmen kann. Ich habe nie herausgekriegt, ob es so etwas wie eine Fahrradkarte gibt, ob man das Rad vorausschicken muss, dadurch zwei Tage verliert und sich am Zielort mit der chinesischen Bürokratie herumschlagen muss. Kaufen war viel einfacher.

Krüger: Was sagst du jungen Menschen, die von Reisen, wie du sie gemacht hast, träumen, sich aber nicht trauen?

Albrecht Schulze: Fangt in Deutschland an! Ihr müsst nicht gleich weit wegfahren. In Deutschland existiert ein dichtes Netz von Auffangmöglichkeiten, wenn etwas schiefläuft: Bus, Bahn und so weiter. Plant erst einmal eine kürzere Tour, ein paar Tage. Auch in Deutschland gibt es so viel zu entdecken.

Das Interview ist ein Auszug aus folgendem Buch:

Der Radfahrer auf dem Dach der Welt
von Yaks, singenden Mönchen und Schutzengeln in Tibet
Albrecht Schulze, Hardy Grüne

Seit Albrecht Schulze 1997 das erste Mal mit dem Fahrrad in Osttibet unterwegs war, ließen ihn die Natur und die Menschen nicht mehr los – neun weitere Reisen sollten folgen. Insgesamt legt er gut 13.000 Kilometer zurück und fährt über weite Hochplateaus, die von Nomadenfamilien mit ihren Yakherden bewohnt werden, überquert bis zu 4.600 Meter hohe Pässe und wird 2008 von einem schweren Erdbeben überrascht. Dabei reist der Geophysiker mit minimalem Gepäck und übernachtet meist im Zelt. Diese und viele weitere Geschichten hat der Potsdamer in langen Gesprächen Autor Hardy Grüne erzählt. Entstanden ist ein Buch über einen Mann, der bereits in der ehemaligen DDR jede Chance nutzte, sein Fernweh zu stillen und sein Herz schließlich an Tibet verlor.

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