Seaside Ride 2026Greipels Radsport-Festival bei Klassiker-Wetter

Sebastian Lindner

 · 18.07.2026

André Greipel lädt zum zweiten Mal zu Seaside Festival nach Rerik an die Ostsee.
Foto: Sebastian Lindner
​An der Ostsee kippt das Wetter, wie es will – und André Greipel weiß das. Genau hier, zwischen Salzhaff und Meer, lädt der Ex-Profi zum Seaside Ride: drei Tage Festival, ein bisschen Wellness, ein bisschen Musik – und vor allem Radfahren. Rund 300 Teilnehmer setzen sich Richtung Insel Poel in Bewegung, Gravelbikes und Rennräder, Einsteiger und Szenebekannte. Als der Regen kommt, wird aus Meerblick Grauschleier, aus Sandwegen Matsch. Geblieben ist, was Greipel am wichtigsten ist: die Community. Und Geschichten, die man später weitererzählt. Eine Reportage.

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​André Greipel weiß ganz genau, warum er die Schlechtwetteranekdoten auspackt, obwohl über dem kleinen Ostseebad Rerik, etwa auf halber Strecke zwischen den Hansestädten Rostock und Wismar, im Moment noch die Sonne scheint. Denn der Ex-Profi kennt sich nicht nur im Radsport bestens aus, sondern eben auch in seiner Heimat. Und während er so vom „einzigen Tag meiner Profikarriere, an dem ich froh war, 85 Kilo zu wiegen“ erzählt, weil ein ausgewachsener Frühjahrssturm den belgischen Klassiker Gent-Wevelgem nahezu unfahrbar machte, wird es auch an der deutschen Küste schlagartig dunkel. Starker Westwind hält Einzug und bläst schwere Regenwolken über das kleine Festivalgelände zwischen Salzhaff und Ostsee, auf dem Greipel drei Tage seinen Seaside Ride veranstaltet. Am Meer ändert sich das Wetter genauso schnell wie in den Bergen.

Nach der Premiere im Vorjahr ruft Greipel Mitte Juni zum zweiten Mal zu seinem Event, das in unmittelbarer Nähe zum Strand Sport und eine Feel-Good-Atmosphäre verbinden will. Panorama-Saunafässer mit Blick aufs Wasser laden zum Schwitzen ein, Radleryoga steht auf dem Programm, Foodtrucks bieten hochwertige Spezialitäten an. Dazu gibt es viel Livemusik aus dem Indie-Genre. Und eben auch Sport. Während sich ein paar Meter weiter die Kitesurfer von ihren Drachen über die Wellen ziehen lassen, sind morgens und abends die Läufer die Ersten, die ihre Seaside-Startnummern in den Straßen der nicht ganz 2500 Einwohner zählenden Gemeinde, die im Sommer aber um ein Vielfaches mehr Touristen anlockt, präsentieren. Im Mittelpunkt steht aber doch das Fahrrad.

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Es geht um die Community

„Uns geht es vor allem um den Community-Gedanken“, sagt Greipel. Das inkludiert beim Seaside Festival aber nicht nur die gesamte Radsport-Gemeinde, sondern auch deren Familien. Und im Grunde jeden, der sich für das Treiben auf dem Gelände interessiert. Zäune oder Kassenhäuschen stehen auf dem eigentlichen Parkplatz nicht. Unter die Sportler mischen sich vor allem an den Abenden zur Musik auch immer andere Gäste oder Einwohner aus dem Ort.

Geballte Radsport-Kompetenz auf der Bühne: v.l. Tobias Knaup, Marcus Burghardt, Sebastian Paddags, André Greipel und Eric Baumann.Foto: Sebastian LindnerGeballte Radsport-Kompetenz auf der Bühne: v.l. Tobias Knaup, Marcus Burghardt, Sebastian Paddags, André Greipel und Eric Baumann.

Die Radwettbewerbe bleiben dann aber doch den Angemeldeten vorbehalten. Neben einer Bambini Tour durch den Ort stehen am Samstag vier Strecken zur freien Wahl. War der Seaside Ride im Vorjahr als reines Gravelevent gestartet, hat das Feedback von der Premiere auch die Nachfrage für rennradtaugliche Strecken hervorgebracht. Das Gros der Starter wählt aber die breiteren und profilierteren Reifen. Und das freut auch Greipel. Der frühere Weltklassesprinter zieht das Gravelbike dem Rennrad mittlerweile so oft es geht vor. Das liegt aber weder an Übersetzungen, Rahmengeometrien oder Sitzpositionen, sondern viel mehr daran, was sich damit erleben lässt.

Angesagter Sturm lässt die Starter kalt

Der nach Siegen gemessen erfolgreichste deutsche Straßenfahrer der Geschichte, der mit 158 Erfolgen auch in den Top 10 der Welt rangiert, ist vom leistungs- und datenbasierten Elitesportler zum Genießer geworden. „Ich habe mich 15 Jahre lang oft genug gemessen“, sagt Greipel mit Blick auf seine lange und erfolgreiche Karriere als Profi, die einst beim Team Wiesenhof begann, über T-Mobile, Columbia bis Lotto ihren Höhepunkt erreichte und bei Arkéa und Israel 2021 langsam ausklang. Mittlerweile arbeitet er mit Uvex zusammen, ist Markenbotschafter für Rose, Ryzon und Schwalbe, dazu Sprinttrainer der Profi-Frauen des Teams UAE ADQ. Daneben erkundet er abseits vom Asphalt die Natur, ganz ohne Druck. Und genau das will er auch seinen Gästen beim Seaside Ride anbieten. „Ich möchte den Menschen meine Heimat vorstellen, ihnen zeigen, wie schön Mecklenburg-Vorpommern ist, vor allem auch vom Rad aus gesehen.“

Die Strecke auf dem Smartphone, alles andere im Blick: André Greipel organisiert zum zweiten Mal den Seaside Ride in Rerik.Foto: privatDie Strecke auf dem Smartphone, alles andere im Blick: André Greipel organisiert zum zweiten Mal den Seaside Ride in Rerik.

Zum nordöstlichsten Bundesland Deutschlands gehört aber vor allem auch eines: Wind. 40 km/h sind am Vorabend der Ausfahrten angekündigt, in Böen mehr als 60. Spricht der Meteorologe von starkem beziehungsweise auch stürmischem Wind, sagt ein Rostocker, der sich gerade seine Startnummer abgeholt hat: „Wenn`s weiter nichts ist.“ Zumindest die Locals machen sich darüber keine Gedanken, sind entsprechende Wetterlagen aus dem Training gewohnt.

Seaside Ride 2026 geht auf die Insel Poel

Und auch alle anderen, so scheint es am Samstagmorgen, müssen sich zunächst keine Gedanken um die Witterung machen. Als Greipel den Startschuss gibt, scheint die Sonne, der Wind hält sich in Grenzen. Manche stellen sich die Frage, ob es sich überhaupt lohnt, die Regenjacke einzupacken. Greipel ermutigt sie jedoch noch mal dazu. Und dann geht es los. In kleinen Gruppen setzen sich rund 300 Teilnehmer in Bewegung. Alle haben ein Ziel, das sie auf verschiedenen Wegen erreichen werden. Es geht auf die Insel Poel.

Südwestlich von Rerik in der Wismarer Bucht liegt die siebtgrößte Insel Deutschlands, die mit rund 37 Quadratkilometern etwa zehnmal so groß wie der New Yorker Central Park ist und damit etwa 5000 Fußballfelder beherbergen könnte. Passend dazu: Ein Bundesliga-Schiedsrichter ist Bürgermeister der 2500 Einwohner der Inselgemeinde. Vom Festland ist Poel lediglich über einen etwas längeren Damm und wenige Meter Brücke getrennt. Nur eine Straße führt hinauf. Und wenn nicht gerade ein gestrandeter Wal für Schlagzeilen sorgt, geht es auch hier wie in ganz Mecklenburg-Vorpommern vor allem um Landwirtschaft und Tourismus.

Greipel fügt das Puzzle zusammen

Doch die schönen Seiten der Insel bekommen die Sportler kaum mehr zu sehen. Auf dem Hinweg zieht es sich zu, der Wind frischt deutlich auf. Zumindest die Graveler spüren den Gegenwind zunächst wenig, Greipel hat die Strecke rauf auf die Insel fahrerfreundlich durch viele kleine Wäldchen gelegt. „Ich kenne hier alle Wege, muss die Puzzleteile nur noch zusammenfügen“, sagt der 43-Jährige über seine alten Trainingsstrecken. Resultierte daraus bei der Premiere im Vorjahr eine doch recht hügelige Strecke, die auf den ersten Blick atypisch für die flachen deutschen Küstenregionen ist, „machen wir dem Namen Seaside Ride dieses Mal alle Ehre“.

Wo fängt das Meer an, wo hört der Himmel auf? Schwere Wolken ruinieren das Ostsee-Panorama beim Seaside Ride 2026.Foto: privatWo fängt das Meer an, wo hört der Himmel auf? Schwere Wolken ruinieren das Ostsee-Panorama beim Seaside Ride 2026.

Zumindest in der Theorie bietet die komplette Runde über die Insel und der Rückweg nach Rerik fast immer Meerblick. In der Praxis ist es kaum möglich, das Wasser von den schweren, grauen Wolken zu unterscheiden, aus denen es gegen Mittag anfängt zu schütten wie aus Eimern. Wer durch seine regennasse Brille noch etwas sieht, behält seinen Blick lieber auf der Strecke, um die größten Schlammpfützen zu umfahren.

Hitzeschlacht bei der Premiere

Dennoch: „Die weißen Socken hätte ich mir sparen können“, erzählt Sebastian Pape, als er an sich heruntersieht. Der 42-Jährige aus Lübben im Spreewald, südlich von Berlin, nimmt es aber gelassen, während er sich an einem Servicepunkt auf der Strecke einen Milchreis gönnt und zusieht, wie sein Rad von fleißigen Helfern einmal vom gröbsten Dreck befreit wird, damit der Matsch in den Bremsen nicht zu lästig wird. Für Probleme, die weniger kosmetischer Natur sind, haben sich „Luftikusse“ unter die Teilnehmer gemischt – Pannenhelfer, die den Sportlern mit Rat, Tat und Ersatzteilen zur Seite stehen, wenn ein Plattenweg mal wieder einen Schlauch zum Platzen gebracht hat.

Sebastian Pape aus Lübben hat beim Seaside Ride in Rerik bisher beide Wetterextreme miterlebt: Hitzeschlacht bei der Premiere, nun Dauerregen und starker Wind.Foto: privatSebastian Pape aus Lübben hat beim Seaside Ride in Rerik bisher beide Wetterextreme miterlebt: Hitzeschlacht bei der Premiere, nun Dauerregen und starker Wind.

Pape kommt defektfrei durch, wie schon beim ersten Mal. „Ich war auch letztes Jahr dabei. Damals war es eine Hitzeschlacht bei über 30 Grad“, erinnert sich der Sales Director bei einem Online-Marketing-Netzwerk zurück. Deswegen hat er auch Frau und Kind mitgebracht. „Eigentlich war der Plan, dass sie die Zeit am Strand verbringen, während ich auf dem Rad sitze“, lacht er. Bei nur noch halb so warmen Temperaturen hätte das aber nicht für den gewünschten Spaßfaktor gesorgt. Ein erstes Feedback ergibt trotzdem: „Sie konnten sich die Zeit auch anders gut vertreiben.“

Hoher Promifaktor mit Youtubern, Podcastern Und (Ex-)Profis

Zurück in Rerik – mit reichlich Rückenwind und ohne Badepausen, mit denen Veranstalter und Sportler mitunter kalkuliert hatten, ging es dann recht fix – muss sich Sebastian Pape erneut Gedanken machen, wie er sein Rad sauber bekommt. Allzu viel Erfahrung mit Regenfahrten hat er noch nicht gesammelt, ist er doch generell noch recht neu auf dem Rad. „Das ging erst in der Corona-Zeit los, über YouTube bin ich dann zum Graveln gekommen. Tatsächlich auch vor allem durch Richie und Tobi“, sagt er. Das ‚tatsächlich‘ rührt vor allem daher, dass jener Tobi, Podcaster Tobias Knaup, ebenfalls beim Seaside zu Gast ist und am Abend vor der Ausfahrt mit Greipel, dessen früheren Profi-Kollegen Marcus Burghardt und Eric Baumann sowie Moderator Sebastian Paddags, ebenfalls aus der Radsport-Unterhaltungsszene bekannt, über dies und das schwadroniert.

Ist das der Weg zurück zur Profikarriere? Juri Hollmann beim Seaside Ride.Foto: VeranstalterIst das der Weg zurück zur Profikarriere? Juri Hollmann beim Seaside Ride.

Den Promifaktor an der Ostsee steigert auch Juri Hollmann. Greipel kennt ihn gut aus den Tagen, als er noch in Hürth bei Köln lebte, mit Nils Politt, Rick Zabel und dem jungen Hollmann als „Trainingstiere“ eine leistungsstarke Gruppe bildete. Seit seinem schweren Unfall beim Giro d’Italia 2025 mit Beckenbruch, Lungenembolie und Notoperation liegt Hollmanns Profikarriere jedoch auf Eis. Über das Canyon × DT Swiss All-Terrain Racing Team versucht sich der 26-Jährige seit diesem Frühling aber mit dem Gravelrad zurück auf die Straße zu kämpfen. „Seit zwei Wochen ist wieder eine Vollbelastung auf dem Rad möglich“, schildert der 26-Jährige, der sich auch unter die Teilnehmer gemischt hat, trotzdem aber noch partiell im Reha-Modus steckt - mehr als ein Jahr nach dem Unfall. „Es hat viel Spaß gemacht, hier mitzufahren und wieder gemeinsam mit anderen Menschen auf dem Rad zu sitzen.“

Tour de Toleranz

Während er seine Promis auf Rad setzt, nimmt André Greipel an diesem Tag das Quad. Um selbst mitzufahren, fehlt die Zeit. Er fährt die Schlüsselstellen ab, kontrolliert die Verpflegungspunkte, feuert die durchgeweichten Sportler an entlegenen Punkten der Strecke an. Erst am Sonntag, zum letzten Programmpunkt des Events, schwingt er sich selbst nochmal auf sein Rad. Denn hier geht es nicht Sport, sondern um ein politisches Statement. „Wir tolerieren Regen und Wind, aber keine Ausgrenzung und keinen verfassungsfeindlichen Kurs“, erklärt er, nachdem er von der 15-minütigen Runde durch Rerik zurück ist, die wettermäßig nochmal das gesamte Wochenende im Schnelldurchlauf widerspiegelt. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir nochmal so viele Menschen zusammenbekommen.“ Gut 150 Leute sind dabei. Die örtliche Bevölkerung schließt sich mit geschmückten Rädern an. Auch Sebastian Pape ist nochmal mit dabei, kündigt hinterher an: „Ich komme wieder. Vielleicht haben wir dann beim nächsten Mal ein Wetter, das wieder eher in Richtung des ersten Jahres geht.“

Auch im strömenden Regen setzen die Teilnehmer des Seaside Ride und die Einwohner Reriks bei der Tour de Toleranz ein Zeichen.Foto: Sebastian LindnerAuch im strömenden Regen setzen die Teilnehmer des Seaside Ride und die Einwohner Reriks bei der Tour de Toleranz ein Zeichen.

Darauf hofft auch Greipel. „Die Sportler haben uns dafür respektiert, dass wir trotz der Bedingungen alles wie geplant durchgezogen haben, vom Anbaden bis zu den Ausfahrten. Wir sie im Gegenzug fürs Durchhalten. Nur ganz, ganz wenige haben ihre Runden abgebrochen, da hat auch das eine oder andere Hagelkorn nichts dran geändert. Aber die Strecke ist eigentlich ein echter Hingucker und zu schön, um sie bei Regen zu fahren. Deswegen werden wir das im nächsten Jahr wohl nochmal angehen.“ Dann, so die Hoffnung, bei besserem Wetter.

Am Ende ist es doch aber so: Es sind die außergewöhnlichen Geschichten, die in Erinnerung bleiben, die besonderen Erlebnisse, die weitererzählt werden. Und die werden eher bei Wind und Wetter geschrieben. Das Seaside Festival 2026 hat jedenfalls einige geliefert.

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