Ötztaler-Siegerin Janine Meyer“Ich habe gelernt, bis zum Ende zu kämpfen.“

Jens Claussen

 · 02.09.2026

Ötztaler-Siegerin Janine Meyer: “Ich habe gelernt, bis zum Ende zu kämpfen.“Foto: Ötztal Tourismus/Johann Groder
Ötztaler-Siegerin 2026 Janine Meyer
Die deutsche Radsportlerin Janine Meyer hat zum vierten Mal in Folge den Ötztaler Radmarathon gewonnen und dabei ihren eigenen Streckenrekord erneut unterboten. Im Interview spricht sie über den frühen Krafteinsatz, rasende Abfahrten, Details der Vorbereitung und ihre Gefühle nach dem Sieg

TOUR: Du hast zum vierten Mal in Folge, erneut mit einem Streckenrekord, den legendären Ötztaler Radmarathon gewonnen. Was schoss Dir durch den Kopf, als Du in Sölden die Ziellinie überquertest?

MEYER: Nicht wirklich viel. Am ehesten war da eine Ungläubigkeit, das wirklich wieder geschafft zu haben.

TOUR: Als Jack Burke, der Sieger bei den Männern, Dir wenige Sekunden später den Siegeskranz umhängte, musstest Du beim Interview ganz schön nach Worten ringen...

MEYER: Man kommt da rein, dann, zack, erst der Kranz, dann die Red-Bull-Dose, dann der Pokal. Dann hat mein Mann mir noch sofort mein Maskottchen gegeben – da war ich erstmal sprachlos (lacht).

TOUR: Du warst nach Deinen Siegen in den Vorjahren die Top-Favoritin. Hat dich das unter Druck gesetzt?

MEYER: Den Druck habe ich schon gespürt und das ist mir manchmal auch etwas unangenehm. Ich habe im Vorfeld einfach versucht, mich konzentriert auf dieses Rennen vorzubereiten und wenig ablenken lassen. Vor dem Rennen brauche ich dann meine Routine und muss beschäftigt sein. Ich habe die Sponsoren vor Ort besucht, mich mit unterschiedlichsten Leuten getroffen, dann abends vor dem Renntag mein Essen vorbereitet - all diese Dinge lenken mich ab und nehmen mir den Druck.

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TOUR: Du meintest nach dem Rennen, die Konkurrenz sei in diesem Jahr besonders stark gewesen. Wie hat sich das bemerkbar gemacht?

MEYER: Es ging von Anfang an schon sehr flott los und die Spitzengruppe ist ins Kühtai regelrecht reingeballert. Da musste ich schon ein paar Körner lassen, habe etwas überzogen und den ganzen Tag über kämpfen müssen.

Ich glaube, man konnte sehen, dass ich sehr gelitten habe.

Am Kühtai habe ich dann erstmals einen Abstand zu meiner ersten Verfolgerin erhalten, der zu dem Zeitpunkt eineinhalb Minuten betrug. Da wusste ich, dass ich fortan auf keinen Fall trödeln darf.

TOUR: Was Du eindrucksvoll auf der Abfahrt Richtung Innsbruck bewiesen hast. Hattest Du wirklich 115 km/h auf dem Tacho?

MEYER: Ich hatte neue Laufräder und bin die das erste Mal im Rennen gefahren. Bei Abfahrten schaue ich nie auf den Tacho, da ich nur so schnell fahre, wie ich mich wohlfühle. Ich war dann hinterher selbst überrascht. Die Jungs fahren ja auch so schnell runter, und wenn man unten eine Gruppe haben will, muss man da halt hinterher.

TOUR: Hast Du unterwegs noch einmal gezweifelt, ob es zum erneuten Sieg reicht?

MEYER: Ein guter Freund von mir, mit dem ich eigentlich zusammen fahren wollte, ist an einer unübersichtlichen Stelle in Innsbruck gestürzt und hat sich dabei einen Becken- und Schambeinbruch zugezogen. Ich war unmittelbar bei ihm und habe angehalten. Als er meinte, ich solle weiterfahren, war unsere Gruppe weg – und ich alleine. Die haben dann aber netterweise auf mich gewartet. Als ich im Aufstieg zum Timmelsjoch hörte, dass ich mittlerweile einen Vorsprung von acht Minuten hatte, dachte ich: Wenn ich jetzt gut zum Tunnel komme und noch die Abfahrt ohne Probleme bewältige, schaffe ich das.

TOUR: Bei unserem Gespräch vor dem Ötztaler meintest Du, Rekorde stünden für Dich nicht an erster Stelle. Jetzt hast Du mit einer Siegerzeit von 7:15:46 Stunden Deinen eigenen Streckenrekord vom Vorjahr erneut um knapp sieben Minuten verbessert. Spielt der Rekord dann doch eine Rolle?

MEYER: Ich stelle mich nicht an den Start und sage, heute fahre ich Streckenrekord.

Ich stehe an der Startlinie und möchte gerne gewinnen. Wenn dann ein Streckenrekord dabei rauskommt, ist es umso schöner.

Natürlich freue ich mich über den neuen Rekord, dennoch war mein erster Sieg mein schönstes Erlebnis beim Ötztaler.

TOUR: Wie erklärst Du die erneute deutliche Verbesserung?

MEYER: Das kann am Material und auch an den optimalen Bedingungen gelegen haben. Optimaler ging es einfach nicht, gefühlt war gar kein Wind am Brenner. Die neuen Laufräder waren schneller und auch in den Abfahrten war ich besser unterwegs.

Aber ich war nicht fitter als letztes Jahr und bin den Jaufenpass und das Timmelsjoch nicht schneller hochgefahren als 2025.

Wir waren alleine schon durch den schnellen Start zwei bis drei Minuten schneller unten in Oetz. Die Minuten summieren sich dann ganz schnell. Zudem habe ich mir im Vorfeld mit meinem Mann auch nochmal die Abfahrten genauer angeschaut. Mit diesen Details hatte ich mehr Sicherheit.

TOUR: Du hast auf den letzten Kilometern bergab nach Sölden trotz des großen Vorspungs weiter Druck gemacht. Wusstest Du da über die Abstände und einen möglichen neuen Streckenrekord Bescheid?

MEYER: Als ich über die Ziellinie fuhr, wusste ich noch nichts von meinem neuen Streckenrekord. Das habe ich erst kurze Zeit später von einem Reporter erfahren. Ich habe immer eine Apple Watch um, auf die mir mein Mann Zwischenstände schickt. Da habe ich dann aber nicht draufgeschaut, weil ich einfach nur mein Rennen fahren und mich nicht von außen beeinflussen lassen wollte. Auch die Gesamtzeit auf dem Tacho habe ich mir nicht anzeigen lassen. Ich habe in der Vergangenheit gelernt, bis zum Ende zu kämpfen.

TOUR: Gibt es eigentlich für einen Streckenrekord einen zusätzlichen Bonus vom Veranstalter?

MEYER: Nein, hier nicht. Bei anderen Rennen gibt es den aber, wie beispielsweise beim Glockner-König.

TOUR: Abgesehen von Ruhm und Ehre, was nimmst Du von diesem Ötztaler-Sieg noch mit nach Hause?

MEYER: Beim Ötztaler gibt es kein Preisgeld, dafür kann man sehr hochwertige Sachpreise gewinnen. Als Siegerin erhält man ein SRM-Leistungsmesssystem samt Computer im Wert von 2.000 Euro. Dazu noch eine Radbrille, die 500 Euro kostet. Aber darum geht es mir überhaupt nicht. Es ist das Drumherum, warum ich herkomme. An der Strecke standen so viele Menschen, die meinen Namen gerufen haben. Das hat mich sehr berührt und gepusht.

TOUR: Wie war das mediale Interesse?

MEYER: Nicht so hoch wie beim ersten Mal. Aber auf Instagram, Strava und WhatsApp habe ich sehr viele Nachrichten bekommen. Da war das Interesse schon sehr groß.

TOUR: In Social-Media-Clips kann man den professionellen Support durch Deine Crew verfolgen. Musstest Du überhaupt einmal runter vom Rad?

MEYER: Nein, außer bei dem Sturz von dem Freund bin ich nicht vom Rad gestiegen. Mein Mann managt, wer von unseren Betreuern wann, wo steht und mir Verpflegung reicht, damit ich nicht an den Verpflegungsstellen anhalten muss.

TOUR: Als Jack Burke die Ziellinie überquerte, kniete er nieder und machte seiner Partnerin einen Heiratsantrag. Was hatte Dein Mann Michael nach dem Rennen als Überraschung für Dich parat?

MEYER: Der hat mir mein Maskottchen Drogon in die Hand gedrückt (lacht) – und darüber habe ich mich sehr gefreut.

TOUR: Du reihst einen Erfolg an den anderen, wirkst unmittelbar danach aber oft recht nüchtern und sachlich. Was muss noch passieren, damit man Janine Meyer mal vor Freude “ausrasten” sieht?

MEYER: Das kommt anders rüber, als es in mir aussieht.

Ich freue mich schon wahnsinnig im Ziel, muss aber immer alles erstmal etwas sacken lassen.

Ich bin niemand, der so sehr aus sich herausgeht, wie es vielleicht andere tun. In den Tagen danach feiere ich Erfolge erst wirklich, wenn ich zur Ruhe komme.

TOUR: Welche Ziele verfolgst Du noch im weiteren Saisonverlauf? Und willst Du beim Ötztaler 2027 erneut am Start stehen?

Janine Meyer: Ich fahre am Sonntag noch den Kitzbühler Radmarathon und danach ein paar kleinere Bergzeitfahren. Mit Blick auf meine Planung stecke ich gedanklich noch in der Saison 2026, aber den Ötztaler haben wir auf jeden Fall schon wieder im Hinterkopf.

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