TOUR Transalp 3-Tages-ChallengeMein erstes Etappenrennen in den Alpen

Sandra Schuberth

 · 28.06.2026

TOUR-Redakteurin Sandra Schuberth ist zum ersten Mal bei der TOUR Transalp am Start.
Foto: Carsten Mathiaszyk
Eine Rookie-Perspektive von der TOUR Transalp 3-Tages-Challenge mit Top-Ten-Platzierung – oder in anderen Worten: letzte.

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Irgendwo in der Abfahrt vom Passo Giau singe ich vor mich hin. Es ist die erste von drei Abfahrten an diesem zweiten Tag, die Etappe ist noch lang – aber meine Müdigkeit groß. Ich versuche mich wach zu halten, rede mit mir selbst, klatsche mir mit der flachen Hand sanft ins Gesicht. Und ich denke ans Aufgeben. Es kommen noch zwei Abfahrten, und so müde bergab zu fahren ist ein Risiko, das ich nicht eingehen will.

Aber der Reihe nach. Und für alle Sensationsgeilen direkt vornweg: Ich hatte weder einen Defekt noch bin ich gestürzt. Langweilig war es trotzdem nicht.

Anreise unter Fremden

Mir steht ein dreitägiges Etappenrennen bevor. Zum Start nach Lienz reise ich mit der Bahn an, mein Fahrrad steht im Eurocity im separaten Fahrradabteil. Mit sieben Minuten Verspätung erreicht der Zug Spittal, hier muss ich umsteigen. Eigentlich fährt mein Anschluss genau jetzt – aber er wartet. Fast schade, sonst hätte ich mir ein Eis gegönnt.

Im Zug sitzen weitere Transalp-Teilnehmer: ein Neuling wie ich und einer, der schon öfter dabei war. Wir haben nicht über unsere Namen gesprochen. Später wird es weniger anonym sein, wir freuen uns, die bekannten Gesichter wiederzusehen. Die beiden schlafen im Camp, ich im Hotel. Das Camp ist die rustikale Seite der Transalp – ein gemeinschaftliches Schlaflager am Etappenort, mal in einer Turnhalle, nach der zweiten Etappe sogar nur unter einem Holzdach. Erzählt wird mir auch von einem Atomschutzbunker, in dem mal übernachtet wurde. Diejenigen, die das Camp gewählt haben, sind zufrieden mit der Entscheidung. “Das gehört dazu”, “Man lernt sich kennen”, “Gerade als Solo-Starter bietet das Camp eine gute Möglichkeit, mit anderen in Austausch zu kommen”. Einige haben Feldbetten dabei, die meisten Isomatte und Schlafsack.

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Die TOUR Transalp gibt es seit 2003. Ins Leben gerufen hat sie Uli Stanciu, der zuvor ein ähnliches Event für Mountainbiker erfunden hatte. Aus der Idee einer Alpenüberquerung im Zweierteam ist ein spektakuläres Jedermann-Etappenrennen geworden. 2026 heißt das sieben Tage, über 17.000 Höhenmeter. Es sind Teilnehmende aus 37 Nationen am Start. Ich fahre nicht die ganze Woche, sondern die 3-Tages-Challenge – die ersten drei Etappen in eigener Wertung. Knapp 300 Kilometer, rund 7.000 Höhenmeter, durch Osttirol und die Dolomiten.

Eingrooven im Feld

Die ersten dreißig Minuten muss ich mich finden. Ich bin lange nicht mehr in einer Rennradgruppe gefahren, das stand eigentlich auf meiner Vorbereitungs-To-Do-Liste: Im unsortierten Pulk traue ich mich anfangs nicht einmal, zur Trinkflasche zu greifen. Erst als es in den ersten Anstieg geht und sich das Feld auseinanderzieht, werde ich ruhiger. Stück für Stück überhole ich Leute.

Ich weiß, dass ich zu schnell fahre. Meine FTP liegt knapp unter 200 Watt, grob 3,4 Watt pro Kilo, und ich klebe an dieser Schwelle, weil sich die etwas höhere Trittfrequenz besser anfühlt – auch wenn das zu viel Leistung bedeutet.

Dann, nach einer Abfahrt, liegt ein Mann in der stabilen Seitenlage am Straßenrand, eine Sanitäterin hält einen Tropf. Mir treibt es fast die Tränen in die Augen und ich hoffe, dass es nur die Hitze war. Denn heiß ist es. Was mit ihm war, erfahre ich nicht – aber der Anblick bleibt und die Gewissheit, dass es schneller passiert, als man denkt. Anderen, mit denen ich später spreche, ging es ähnlich: Man hinterfragt, fährt bewusster.

Bergab fühle ich mich während der Transalp sicher, aber auch das wollte ich vorher nochmal üben. Wollte. Die Zeit hat es nicht hergegeben. Wenn Leute von hinten an mir vorbeischießen, wird mir mulmig.

Auf den letzten Kilometern drücke ich noch einmal übers Limit, bis bei Kilometer 106 die Zeitmessung kommt. Danach rolle ich sieben Kilometer aus, auf einer zu großen Straße mit zu vielen Autos. Abends, beim Essen, treffe ich auf vertraute Gesichter – Menschen, die ich tagsüber im Feld gesehen habe und mit denen sich nun ein Gespräch ergibt. Der Respekt vor dem nächsten Tag ist groß: knapp 4.000 Höhenmeter und 135 Kilometer zeigt mein Navi. Das wird hart mit meiner Übersetzung – kleines Kettenblatt 35, größtes Ritzel 36 Zähne. Mein stiller Appell an die Hersteller: Baut an Rennräder mehr Gänge für Normalos, die gern Berge fahren.

Der Tag, an dem ich fast aussteige

Die Nacht hätte erholsamer sein können. Ein Honigbrötchen als zweites Frühstück, dann der neutralisierte Start: zwölf Kilometer, bis es richtig losgeht. Aus dem dritten und letzten Startblock bekomme ich gar nicht mit, wo der neutralisierte Abschnitt endet.

Heute geht es besser, wenngleich ich merke, dass die Beine am Vortag hart arbeiten mussten. Die große Gruppe am Anfang macht mir keine Sorgen mehr, nach und nach zerfällt sie ohnehin. Und dann gibt die Landschaft das erste Mal den Blick auf die zerklüfteten Felsriesen der Dolomiten preis. „Wow, schau mal, wie schön!“, sage ich zu mir selbst. Beim zweiten Mal wieder. Und auch beim zehnten Mal denke ich das noch.

Der erste Pass des Tages ist der Passo Giau. Schon bergauf merke ich, wie müde mein Kopf ist. In der Abfahrt wird es schlimmer. Jetzt sind wir da, wo der Bericht beginnt. Singen, Selbstgespräche, ins Gesicht klatschen. Ich gebe nicht auf. Ich fahre weiter. Später bin ich wacher und wieder voll bei der Sache. Erleichterung.

Ein anderes Problem wartet schon. Ich bin nicht sicher, ob es Luft ist, die aus meinem Bauch herauswill oder mehr. Meine Hoffnung setze ich auf die Verpflegungsstation oben auf dem nächsten Pass, dem Passo Staulanza, und darauf, dass es dort eine Wirtschaft mit Toilette gibt. Gibt es. Und es war nur Luft. Glück gehabt; ich hatte befürchtet, mein Verdauungssystem verträgt die ganzen Gels nicht. Jetzt kann ich wieder in die Pedale drücken. Erst mal aber eine Abfahrt.

Der letzte Pass des Tages ist der Passo Duran, ich fühle mich gut. Im steilen Anstieg überhole ich ein paar Leute. Nur noch fünf Kilometer, vier, drei, einer. Oben wird die Zeit genommen. Dann müssen wir nur noch zum dreißig Kilometer entfernten Etappenort rollen. Ein bisschen Energie habe ich mir dafür aufgehoben, denn mein Garmin zeigt noch 900 Höhenmeter. Ein Trugschluss, wie ich merke, als es durch den ersten von zwei Tunneln geht. Je Tunnel schrumpft die Bilanz um 300 Höhenmeter.

Als ich den Zielort Falcade erreiche, bin ich stolz und erleichtert – aber ehrlich gesagt gleichzeitig auch etwas enttäuscht. Ich wäre gern schneller gewesen. Aber hey, letztes Jahr bin ich verletzungsbedingt kaum Rad gefahren, im Winter hatte ich wenig Energie für Training. Erst seit ein paar Monaten fahre ich wieder mehr. Also versuche ich, nur den Stolz zuzulassen. Nach dem ersten Tag lag ich unter den Top Ten der 3-Tages-Challenge – oder anders gesagt: auf Platz fünf von sechs Frauen in meiner Klasse. Tag zwei haben nur fünf von ihnen beendet. Meike, die seit 25 Jahren in den USA lebt und als Physiotherapeutin arbeitet, ist in einer Linkskurve weggerutscht. Zum Glück nur Hautabschürfungen. Am dritten Tag steht sie wieder am Start.

Unter der Dusche stelle ich fest, meine Sonnencreme hat versagt. Vielleicht ist sie nicht schweißresistent, morgen werde ich langärmlig fahren. Am Abend gibt es wie jeden Abend Essen für alle. Ich treffe dieselben Gesichter wie am Vortag, sie sind nur vertrauter. Einer davon ist Peter, den ich schon von einer anderen Tour kenne. Damals hat er mich zu sich in den Garten zum Kuchenessen eingeladen, und ich bin prompt mit Radschuhen in Hundekacke getreten. Eine Anekdote, die sich ins Gedächtnis brennt. Peter ist dieses Jahr zum 21. Mal bei der TOUR Transalp dabei, die meisten Teilnahmen im Starterfeld. Dass er wieder starten kann, war denkbar knapp: Ein schwerer Radunfall im letzten Jahr hätte auch ganz anders enden können.

Bei 43 °C ins Ziel

Mein letzter Tag beginnt mit einer Schleife, die zwei kurze, steile Anstiege bereithält. Die Etappe ist mit 48 Kilometern, 40 bis zur Zeitnahme, kurz. Aber sie hat 1.800 Höhenmeter. Kein Wunder, dass an der Verpflegungsstation bei Kilometer 23 beide Trinkflaschen leer sind. Die Verpflegung vor dem letzten Anstieg auszulassen, ist keine Option. Ich fülle auf wie immer: in eine Flasche kommt Wasser mit einer Prise Salz, in die zweite Iso, dazu esse ich eine Waffel und ein Stück Melone. In der Abfahrt freue ich mich über mein lockeres Longsleeve-Shirt, das so schön luftig um meinen Oberkörper flattert.

Der letzte Anstieg ist gnädig mit 400 Höhenmetern auf sechs Kilometern. Ich drücke etwa 3,1 Watt pro Kilo. Mehr geht nicht mehr. Sicher trägt auch die Hitze dazu bei. Laut Garmin klettern die Temperaturen der heutigen Etappe von 28 bis 43 °C. Aber wie immer überhole ich noch ein paar Leute im Anstieg. Hinter der Zielzeitmessung bedankt sich ein Teilnehmer, den ich scheinbar zu höheren Leistungen motivieren konnte. Schön!

Dann nochmal ein Sinnbild für das, was für mich das Schönste an der TOUR Transalp ist und kein Tagesrennen so bietet: das Kennenlernen der anderen. Oben sitzen zwei Frauen, die ebenfalls die 3-Tages-Challenge gefahren sind. Gesehen hatte ich sie über die Tage immer wieder, ein paar Worte gewechselt – aber richtig ins Gespräch kommen wir erst jetzt. Wir rollen die letzten zehn Kilometer gemeinsam ins Ziel. Eine wohnt in München. Wir verabreden uns, mal zusammen zu fahren, vielleicht kann ich sogar mit ihr von Lienz zurück nach Hause fahren.

Gemeinsam heim

Der Shuttlebus zurück nach Lienz musste im Vorfeld gebucht werden. Mein Plan war mit dem Rad nach Bozen und von da mit dem Zug heim. Aber Pläne ändern sich. Schnell kläre ich, ob es noch einen Platz für mich und mein Rad gibt. Gibt es.

Unzählige Kurven später, mit latenter Übelkeit, sind wir zurück am Ausgangspunkt. Im Bus saß ich neben Meike – wir haben die ganze Fahrt gequatscht. Von Lienz fahre ich mit Jacqueline weiter Richtung München. Anreise allein, Heimreise gemeinsam. Treffender lässt sich diese Challenge kaum zusammenfassen. Bei der TOUR Transalp sind aus Fremden im Zug Menschen geworden, über deren Wiedersehen man sich freut. Aus einem flüchtigen “Hallo” entwickeln sich kurze Gespräche, am nächsten Tag längere. Vielleicht sogar Freundschaften.

Ich bin gut über die Berge gekommen. Mit müden Beinen, mit einem Kopf, der wieder weiß, wozu mein Körper fähig ist, mit vielen Eindrücken, die es erst einmal zu verarbeiten gilt. Zur Feier des Tages habe ich mir noch eine Massage gegönnt. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht es zurück nach Hause, zurück an den Schreibtisch. Freudig, weil ich es geschafft habe. Traurig, weil ich weiß, dass mein Körper auch noch hätte weiterfahren können – und weil ich die Leute gern noch besser kennengelernt hätte.

Für die Sensationsgeilen war vielleicht zu wenig dabei. Für mich war es genau richtig.


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Sandra Schuberth

Sandra Schuberth

Redakteurin

Sandra Schuberth, mal Feierabendrunde, mal Trainingsride, mal unsupported Bikepacking-Challenge. Hauptsache sie und ihr Gravelbike – abseits vom Verkehr. Seven Serpents, Badlands oder Bright Midnight: Sie hat anspruchsvolle Bikepacking-Rennen gefinisht. Gravel und Bikepacking sind ihre Herzensthemen, ihr Anspruch an Equipment ist hoch. Was sie fährt, nutzt und empfiehlt, muss draußen bestehen: nicht im Marketing, sondern im echten Leben.

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