Robert Kühnen
· 26.02.2023
Alle Welt baut leichte Carbonrahmen. Aber ein kleiner Ort in Bayern stemmt sich gegen den Plastik-Trend. In Tacherting ist Aluminium weiterhin der Leichtbauwerkstoff der Wahl. Im Test: das Gravelbike Liteville 4-One Mk2.
Rohre, schwarz wie die Nacht, verlaufen geradlinig von A nach B und fügen sich zu einem lang gestreckten, flachen Hauptrahmen. Die mattschwarzen Anbauteile heischen keine Aufmerksamkeit, passen aber perfekt zum schwarz eloxierten Rahmen. Die Maschine schluckt Licht, offenbart dem Kenner, der näher tritt, aber feine Details: Die Schuppen der Schweißnähte verlaufen elegant, sämtliche Rahmenöffnungen wie Kabelaustritte oder Gewindebuchsen sind penibel gearbeitet und bündig verschlossen, alle Leitungen liegen unter Putz, die wenigen Beschriftungen sind messerscharf ins Eloxal gelasert.
Die völlige Abwesenheit von Schnörkeln verrät die Handschrift von Liteville- und Syntace-Mastermind Jo Klieber. Klieber, Leichtbauer aus Überzeugung, ist geradezu ein Fanatiker des Weglassens. Wäre er Architekt, würde er wohl in Bauhaus-Tradition schlichte Kuben stapeln. Zum Glück baut Klieber aber lieber Räder. Das 4-One Mk2 ist die modellgepflegte Neuauflage des Gravelrades seiner Marke Liteville. Der Alu-Rahmen mit langem Reach und Stummelvorbau hat träge 70 Grad Lenkwinkel, langen Radstand und besitzt, neu, einen asymmetrischen Hinterbau.
Dieser nimmt spezielle, symmetrisch gespeichte Laufräder von Syntace auf. Weiterer technischer Leckerbissen: das mutmaßlich bestkonstruierte Schaltauge der Welt, das nicht verbiegen kann, dessen Bolzen aber eine Sollbruchstelle hat, um das Schaltwerk im Falle eines Crashs zu schonen. Ein Ersatzbolzen ist hinterm Tretlager eingeschraubt. Auch prima: das in der Hinterradachse steckende Werkzeug mit 5er-Innensechskant und 25er-Torxschlüssel.
Liteville bewirbt die Maschine als vier Räder in einem: Gravel-, Cross-, Allroad- und Bikepacking-Rad. Sein laufruhiger Charakter qualifiziert es eindeutig als Gravelbike. Zum Crossen fehlt die Spritzigkeit und schultern lässt sich der superkompakte Rahmen auch nicht. Schultern müssen wir ihn aber auch nicht. Der 40 Millimeter breite G-One Bite von Schwalbe, tubeless auf extraweiten Syntace-Carbonfelgen montiert, beißt sich mit knapp zwei Bar befüllt souverän auch durch Schnee und Eis.
Gut abgestützt durch die breiten Felgen, sind die Reifen auch mit softem Druck auf der Straße noch tadellos fahrbar und vermitteln dabei guten Komfort. Die dicke Carbonsattelstütze (34,9 Millimeter Durchmesser) federt dank reichlich Auszug ebenfalls spürbar. Optional ist der Rahmen auch auf die absenkbare (aber härtere) Eight-Pins-Sattelstütze vorbereitet. Der breite Carbonlenker vermittelt in der unüblich weiten Bremsgriffposition viel Kontrolle, besonders abseits der Straße. Bergab überzeugt die Geometrie mit viel Sicherheit; kleine Sprünge über Rinnen und Ähnliches steckt das Rad souverän, gut gedämpft und klapperfrei weg.
Die funkgesteuerte Zwölfgang-Force-AXS-Schaltung von SRAM mit 40er-Kettenblatt und einer 10-44-Kassette überzeugt mit geschmeidigen Gangwechseln und intuitiver Bedienung. In den beiden leichtesten Gängen mahlt die Kette aber spürbar unter Schräglauf. Auch die schwersten Gänge laufen unsauber, unter hoher Last neigt die Kette gar zum Springen. Letzteres ist wohl eine Folge des Hinterbau-Konzepts, bei dem die Kassette drei Millimeter weiter außen sitzt als üblich. Wer überwiegend flach fährt, läuft zudem Gefahr, die kleinen Ritzel des aus dem Vollen gefrästen Zahnkranzes vorzeitig auszunudeln.
In der getesteten Ausstattung kostet die Maschine 6499 Euro, eine etwas schwerere Variante mit Force/Rival-Ausstattung 4699 Euro. Der Rahmen alleine wiegt 1376 Gramm und damit rund 300 Gramm mehr als ein leichter Gravel-Carbonrahmen. Für Alu spricht das robuste Design. Rempler im Gelände steckt das Rohr im Zweifel mit einer kleinen Beule gut weg. Das massive T47-Tretlager mit großem Gewinde und das vorbildliche hintere Ausfallende sind Sorglostechnik für viele Kilometer. Liteville gewährt zudem fünf Jahre Garantie auf den Rahmen (plus fünf Jahre vergünstigter Reparatur).
Fazit: Ein robustes, unkompliziertes und vielseitiges Rad, das vor allem durch clevere Details mit hohem Praxisnutzen überzeugt. Auch das zeitlose Design relativiert den für ein Alu-Rad sportlichen Kaufpreis.
*Gewogene Gewichte.
**Herstellerangabe Testgröße fett.
***Stack/Reach projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr;
STR (Stack to Reach) 1,36 bedeutet eine sehr gestreckte, 1,60 eine aufrechte Sitzposition.
****Laufradgewichte inklusive Bereifung, Kassette, Schnellspanner/Steckachsen und ggf. Bremsscheiben.
*****Einzelnoten, die unterschiedlich gewichtet in die Gesamtnote einfließen, drucken wir aus Platzgründen nur zum Teil ab. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
******Aerodynamik theoretisch benötigte Tretleistung, um den Luftwiderstand bei 45 km/h zu überwinden, gemessen im Windkanal mit einem tretenden Beindummy.