Prophete GravelerDer Schotter-Renner vom Discounter Lidl zum Spottpreis

Jens Klötzer

 · 28.02.2026

Das ist das Prophete Graveler
Foto: Matthias Borchers

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Ein Gravelbike für 699 Euro – kein Hersteller steigt günstiger ins Schotter-Segment ein als Discounter Lidl mit dem Prophete. Doch wie viel Gravel steckt wirklich drin? TOUR hat das Billig‑Bike getestet und zeigt, wo das Rad überrascht, wo es schwächelt und wie es sich gegen die günstigsten Modelle von Canyon und Radon schlägt.

Gravelbikes gelten als vielseitige Alleskönner – doch bislang musste man für ein solides Einsteigermodell deutlich über 1.000 Euro investieren. Mit dem Prophete, das rechtzeitig mit den ersten warmen Sonnenstrahlen Anfang März für 699 Euro bei Lidl steht, greift wiederholt der Discounter das Segment frontal an. Der Preis ist eine Kampfansage, die Ausstattung mit Komponenten von Shimano oder Continental auf den ersten Blick erstaunlich komplett. Doch ein Gravelbike definiert sich nicht über über prominente Komponenten-Hersteller, sondern über Fahreigenschaften, Geometrie, Messwerte und Detaillösungen. Genau hier setzt unser Test an.

Im direkten Vergleich mit Einstiegsmodellen von Canyon oder Radon zeigt sich schnell, wo das Prophete mithalten kann – und wo die Grenzen des Preisdrucks sichtbar werden. TOUR hat das Rad auf Asphalt, Schotter und leichten Trails bewegt, die Komponenten im Detail geprüft und die Geometrie vermessen. Das Ergebnis ist differenziert: Das Prophete bietet überraschend viel fürs Geld, verlangt aber an entscheidenden Stellen Kompromisse, die man kennen sollte, bevor man zugreift. Für den direkten Vergleich haben wir zwei Tests günstiger und preisaggressiver Konkurrenz-Bikes verlinkt.

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Ist das Prophete Graveler seinen Preis wert?

Darüber hinaus jedoch besteht Schnäppchenpotenzial: Mit Shimano-Schaltung, Tektro-Bremsen und Continental-Reifen kommen zumindest die wichtigsten Anbauteile von namhaften Herstellern. Als wir das Rad nach der Ankunft aus dem Karton heben, offenbaren sich die nächsten Schwächen. Ein bemerkenswert leichtes Rad haben wir nicht erwartet, aber mit mehr als zwölf Kilogramm haben unsere Werkstatt-Kollegen sonst nur bei Elektrorädern zu kämpfen. Die geschulten Augen suchen Licht und Schatten: Klar, die Rohrverbindungen sind eher grobschlächtig, aber mit verschliffenen Schweißnähten fährt ein Rad nicht schneller. Brems- und Schaltzüge sind im Rahmen verlegt, die Einlässe aber scharfkantig und ein natürlicher Feind für Zughüllen. Die Befestigung von Schutzblechen und Gepäckträger wäre an Gewindeösen möglich, eine Seitenstütze wird mitgeliefert.

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Ösenreich: Schutzblech- und Gepäckträgermontage sind vorgesehen, ein Seitenständer wird sogar mitgeliefert.Foto: Matthias BorchersÖsenreich: Schutzblech- und Gepäckträgermontage sind vorgesehen, ein Seitenständer wird sogar mitgeliefert.

Antiquierte Technik könnte zum Problem bei Ersatzteilen werden: Ein Vierkanttretlager könnte sich noch auftreiben lassen, Laufräder mit 135-Millimeter-Schnellspann-Naben dürften schwieriger werden; Gravelbikes fahren seit Jahren mit Steckachsen. Auf der Straße und in moderatem Gelände rollt das Rad überraschend gut, solange das hohe Gewicht keine Rolle spielt. Im Gelände stoßen ungeübte Fahrer schnell an Grenzen, weil das Rad nicht nur schwer ist, sondern auch träge einlenkt. Gabel, Rahmen und Sattelstütze sind unnachgiebig steif, bieten kaum Komfort. Alle Schläge werden also direkt in den Körper übertragen. Das ließe sich mit geringerem Reifendruck abfedern, die schweren Drahtreifen mit dicken Schläuchen bieten hierfür aber wenig Spielraum.

Störrisch: Steifer Rahmen, dicke Alu-Stütze: Federkomfort bietet das Prophete kaum.Foto: Matthias BorchersStörrisch: Steifer Rahmen, dicke Alu-Stütze: Federkomfort bietet das Prophete kaum.

Eine Frage der Abwägung

Tubelesstauglich sind weder Felgen noch Reifen. Breitere Pneus gehen kaum: Viel mehr als die montierten 40 Millimeter passen nicht durch. Die Komponenten sind überwiegend sehr günstige Markenware. Schaltung und Bremsen funktionieren während der Testphase brauchbar und zuverlässig. Die mechanischen Tektro-Scheibenbremsen können bei Druckpunkt und Bremsleistung zwar mit hydraulischen Bremsen nicht mithalten, funktionieren aber besser als Felgenbremsen. Auch Shimanos Claris-Schaltung arbeitet tadellos, das Gangspektrum ist allerdings stark eingeschränkt. Das liegt weniger an den nur acht Ritzeln; die 50/34-Kurbel ist eher straßen- als geländetauglich, in Kombination mit der 11-34-Kassette fehlen vor allem kleine Gänge. Ungeübte Gravelbiker dürften damit an Anstiegen Probleme bekommen.

Ein klarer Missgriff ist der Lenker. Seine Form ist eine Katastrophe, eine vernünftige Positionierung der Hebel und sinnvolle Ausrichtung schlicht nicht möglich. Das billige Lenkerband verstärkt das unangenehme Griffgefühl, und der rutschige Sattel tut ein Übriges. Wer ernsthaft fahren möchte, dem würden wir empfehlen, diese Komponenten auszutauschen. Doch der Preisvorteil, bis hierhin Pluspunkt des Rades, ist dann dahin. Als günstiges Einsteigerrad oder Zweitrad, das im Winter die teureren Räder schont, kann es durchaus seinen Zweck erfüllen.

Merkwürdig: Der Lenker muss neu positioniert werden, oder besser: ausgetauscht.Foto: Matthias BorchersMerkwürdig: Der Lenker muss neu positioniert werden, oder besser: ausgetauscht.

Fazit zum Prophete Graveler

Die Qualität ist für den Preis akzeptabel, aber man muss Abstriche bei Komfort und Ausstattung machen und, gerade im Winter, einkalkulieren, dass das Rad nicht sehr langlebig sein dürfte. Wer ernsthaftes Interesse an Graveltouren hat, sollte lieber die Finger vom Graveler lassen. Im Fachhandel gibt es eine größere Auswahl an Rahmengrößen und bessere Komponenten. Selbst 1000-Euro-Bikes namhafter Hersteller bieten bessere Qualität und lassen sich auch reduziert ergattern – viel mehr Geld muss man also nicht in die Hand nehmen. Auch ein höherwertiges Gebrauchtrad, wenig benutzt, dürfte unterm Strich die bessere Wahl sein.

Das Prophete Graveler im Detail

  • TOUR-Note: 3,0
  • Preis: 999 Euro >> bei Prophete oder Lidl reduziert erhältlich
  • Gewicht Komplettrad: 12,1 Kilo
  • Rahmengrößen: 55 Zentimeter
Das ist das Prophete GravelerFoto: Matthias BorchersDas ist das Prophete Graveler

Geometrie

  • Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 504/560/160 Millimeter
  • Stack/Reach/STR: 603/371 Millimeter/1,57
  • Stack+/Reach+/STR+: 637/565 Millimeter/1,63
  • Radstand/Nachlauf: 1055/83 Millimeter

Ausstattung

  • Antrieb/Schaltung: Shimano Claris (2x8; 50/34, 11-34 Z.) | Note: 4,0
  • Bremsen: Tektro MD-M 28ß (160/160 mm) | Note: 3,0
  • Reifen: Continental Terra Trail 40 mm (eff.: 40 mm) | Note: 4,0
  • Laufräder: DT Swiss ER 1400 Dicut 25
  • Laufradgewichte: 2053/2666 Gramm (vorne/hinten)

Vor- und Nachteile

  • Plus: rollt passabel auf Asphalt und Schotter
  • Minus: extrem schwer, unkomfortabel, unpassende Übersetzung, unergonomischer Lenk

Stärken, Schwächen und weitere Details des Prophete GravelerFoto: TOURStärken, Schwächen und weitere Details des Prophete Graveler

Jens Klötzer

Jens Klötzer

Redakteur

Jens Klötzer ist gelernter Wirtschaftsingenieur und bei TOUR der Experte für Komponenten aller Art: Bremsen, Schaltungen, Laufräder oder Reifen – alles testet Jens auf Herz und Nieren. Er sammelt historische Rennräder, besitzt sowohl ein modernes Zeitfahrrad wie ein Gravel-Reise-Rennrad aus Titan. Auf Reisen erkundet er gern unbekannte Straßen in Osteuropa – auf breiten, aber schnellen Reifen.

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