Gravel-SuspensionDrei der innovativsten Gravelbikes mit Federung

Josh Welz

 · 04.05.2026

Vom Schotterweg auf den Wurzelpfad abbiegen - mit modernen gefederten Gravelbikes kein Problem.
Foto: Georg Grieshaber

Vom flexenden Rahmensystem bis zur konsequenten Gravel‑Federgabel: Lee Cougan Innova Super Gravel, Canyon Grizl Rift und Cannondale Topstone Carbon 1 Lefty stehen für drei besonders innovative Ansätze in den drei Suspension-Kategorien.

​Federung am Gravelbike hat je nach Konzept unterschiedliche Funktionen: Performance im Gelände, Effizienz im Renneinsatz, Komfort im klassischen Gravel-Terrain. Der Markt hat darauf mit sehr unterschiedlichen technischen Lösungen reagiert. Während einige Hersteller auf minimalistische Micro-Suspension-Konzepte setzen, integrieren andere klassische Federgabeln, wieder andere überschreiten bewusst die Grenze zum Mountainbike. Entscheidend ist dabei weniger die absolute Menge an Federweg als vielmehr dessen gezielte, kontrollierte Nutzung im Zusammenspiel mit Rahmengeometrie, Reifenvolumen und Sitzposition. Genau an diesem Punkt setzen die drei hier betrachteten Modelle an – jedes auf seine eigene Weise, aber stets mit einem klaren konzeptionellen Anspruch.

Allen gemeinsam ist der Abschied von der Idee, Federung lediglich „hinzuzurüsten“. Stattdessen ist sie integraler Bestandteil des Gesamtdesigns. Das Cannondale Topstone verfolgt diesen Ansatz über eine rahmeninterne Lösung, die ohne klassische Dämpferelemente auskommt. Canyon integriert mit dem Grizl eine speziell abgestimmte Gravel-Federgabel in ein sportlich-steifes Chassis. Lee Cougan schließlich denkt Gravel radikal neu und kombiniert Dropbar-Ergonomie mit vollwertiger Vorder- und Hinterradfederung.

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Damit repräsentieren diese Modelle drei unterschiedliche Antworten auf dieselbe Frage: Wieviel Federweg am Gravelbike macht für welchen Einsatzbereich Sinn, und über welche technischen Lösungen lässt sich der Federweg effizient zur Verfügung stellen?

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Die technischen Suspension-Lösungen im Detail

Cannondale Topstone Carbon 1 Lefty: Struktureller Flex statt klassischer Dämpfer

Das Cannondale Topstone gilt als eines der stilbildenden Modelle im Bereich der Micro-Suspension. Herzstück ist das sogenannte KingPin-System, bei dem der Hinterbau nicht über Lager und Dämpfer bewegt wird, sondern gezielt über elastisch ausgelegte Carbonstrukturen arbeitet. Eine durch das Sitzrohr laufende Steckachse dient als definierter Drehpunkt, an dem Sitzstreben, Kettenstreben und Sattelstütze gemeinsam vertikal arbeiten können. Je nach Belastung entstehen so rund 30 Millimeter effektiver Federweg, ohne dass Energie im Wiegetritt verloren geht.

Cannondale Topstone Carbon 1 Lefty, 5.499 Euro.Foto: CannondaleCannondale Topstone Carbon 1 Lefty, 5.499 Euro.

Dieser Ansatz ist insofern innovativ, als er Federung und Rahmenkonstruktion untrennbar miteinander verknüpft. Statt zusätzlicher Bauteile nutzt Cannondale gezielt das Materialverhalten von Carbon, inklusive größenabhängiger Layups, um ein einheitliches Fahrgefühl über alle Rahmengrößen hinweg zu gewährleisten. In Kombination mit breiten Reifen entsteht ein Fahrkomfort, der nicht nur Ermüdung reduzieren, sondern auch die Traktion des Hinterrads deutlich verbessern soll – insbesondere auf Waschbrettpassagen und losen Anstiegen.

Ergänzt wird das System durch die einarmige Lefty Oliver an der Front. Mit rund 40 Millimetern Federweg, minimalem Negativfederweg und hoher torsionaler Steifigkeit schließt sie die Lücke zwischen Micro-Suspension und echter Vollfederung, ohne die Lenkpräzision eines sportlichen Gravelbikes spürbar zu beeinträchtigen

Cannondale Topstone - die wichtigsten Fakten

  • Federweg: ca. 30 mm hinten, 40 mm vorne
  • Fahrwerkskonzept: KingPin Micro-Suspension, Lefty Oliver
  • Reifenfreiheit: bis ca. 50 mm
  • Einsatzbereich: Langstrecke, technische Gravelrouten, Rennen
  • Charakter: effizient, wartungsarm, komfortorientiert

Ausstattung/Preis

  • Rahmen: Topstone Carbon mit KingPin Suspension
  • Laufräder: HollowGram G-S 27 Carbon
  • Antrieb/Schaltung: SRAM Force eTap AXS (12fach)
  • Bremsen: SRAM Force eTap AXS Hydraulik (160 mm)
  • Preis: 5.499 Euro (aktuelle Preise; 5 Modelle von 3.499 bis 7.999 Euro)

Canyon Grizl CF Rift: Klassische Gabel, neu abgestimmt

Canyon verfolgt mit dem Grizl einen deutlich klassischeren, aber ebenfalls innovativen Ansatz. Statt den Rahmen selbst beweglich auszulegen, bleibt dieser bewusst steif und effizient. Kern der Canyon-Philosophie ist die speziell für Gravel entwickelte Gabel: Die DT Swiss F132 ONE RIFT bietet 40 mm Federweg und verfügt über einen Remote-Lockout am Lenker, mit dem sie sich für Sprints, Asphaltpassagen und Wiegetritt blitzschnell blockieren lässt. Für zusätzlich Komfort soll die flexende Canyon-Satellstütze sorgen.

Canyon Grizl CF 8 Rift, ab 3.499 Euro.Foto: CanyonCanyon Grizl CF 8 Rift, ab 3.499 Euro.

Das Innovative liegt hier weniger im Prinzip als in der Ausführung. Die DT-Gabel ist keine verkleinerte Mountainbike-Gabel, sondern in Dämpfungscharakteristik und Federkennlinie exakt auf die Anforderungen von Gravelrennen abgestimmt. In Verbindung mit der Grizl-Geometrie ergibt sich ein Fahrverhalten, das vor allem auf schnellen Abfahrten und langen Schotterpisten spürbare Vorteile bringen soll.

Canyon zeigt mit diesem Setup, dass sich echte Federung und Race-DNA nicht ausschließen müssen. Das Grizl bleibt ein schnelles, direktes Gravelbike – gewinnt durch die Frontfederung aber genau dort Kontrolle, wo starre Gabeln an ihre Grenzen stoßen.

Canyon Grizl - die wichtigsten Fakten

  • Canyon Grizl – die wichtigsten Fakten
  • Federweg: ca. 40 mm vorne, 20 mm hinten (Sattelstütze)
  • Fahrwerkskonzept: dedizierte Gravel-Federgabel
  • Reifenfreiheit: bis ca. 50 mm
  • Einsatzbereich: Gravelrennen, sportliche TourenCharakter: Race-orientiert, breiter Einsatzbereich

Ausstattung/Preis

  • Rahmen: Canyon Grizl CF Carbon mit integriertem LOAD-Staufach, 12x142 mm Steckachse und Montagepunkten für Schutzbleche/Gepäckträger
  • Laufräder: DT Swiss G1800 Spline, Tubeless Ready
  • Antrieb/Schaltung: SRAM Rival XPLR AXS mit 10-51T Kassette
  • Bremsen: SRAM Rival AXS Hydraulik-Scheibenbremsen (160 mm)
  • Preis: 3.499 Euro (CF 9 ESC für 5.999 Euro)

Lee Cougan Innova Super Gravel: Full Suspension ohne Kompromisse

Das Innova Super Gravel von Lee Cougan ist der radikalste Vertreter im Vergleich – und zugleich der deutlichste Beweis dafür, wie weit sich der Gravel-Begriff mittlerweile öffnen lässt. Hier handelt es sich im Kern um ein vollgefedertes Bike mit Dropbar, dessen Fahrwerk nicht an die Grenze des „Erlaubten“ stößt, sondern diese bewusst überschreitet. An der Front arbeitet eine Federgabel mit 100 Millimetern Federweg, am Heck ermöglichen konisch geformte Kettenstreben einen kontrollierten Flex von bis zu 30 Millimetern. Unterstützt wird dieser Flex laut Lee Cougan durch integrierte Öl-Kolben, die die Schwingungen kontrolliert dämpfen sollen. Der Rahmen selbst übernimmt dabei einen Großteil der Federarbeit – ein Ansatz, der Gewicht spart und dennoch echtes Fahrwerksverhalten ermöglicht. Dieses System stammt konzeptionell aus dem XC-MTB-Bereich und wird hier erstmals konsequent auf ein Gravel-orientiertes Dropbar-Bike übertragen.

Lee Cougan Innova Super Gravel Mullet, ab ca. 4800 Euro.Foto: Lee CouganLee Cougan Innova Super Gravel Mullet, ab ca. 4800 Euro.

Innovativ ist nicht nur die Technik, sondern der Mut zur klaren Positionierung. Das Super Gravel richtet sich an Fahrerinnen und Fahrer, die technisch anspruchsvolle Trails, grobes Geröll und lange Offroad-Abenteuer nicht mehr mit einem klassischen Gravelbike absolvieren wollen – sondern mit einem Rad, das Traktion, Sicherheit und Reserven eines Mountainbikes bietet, ohne auf die Effizienz der Rennlenker-Position zu verzichten.

Lee Cougan Innova Super Gravel - die wichtigsten Fakten

  • Federweg: 100 mm vorne, ca. 30 mm hinten
  • Fahrwerkskonzept: Innova Structural Suspension (ISS)
  • Reifenfreiheit: bis ca. 60 mm (2,4")
  • Einsatzbereich: technisches Terrain, Adventure, Ultra-Distanzen
    Charakter: maximal geländetauglich, kompromisslos, progressiv

Ausstattung/Preis

  • Rahmen: Carbon mit flexenden Kettenstreben
  • Antrieb/Schaltung: Sram GX Eagle
  • Bremsen: Sram Rival
  • Preis: ab ca. 4.800 Euro

Fazit

Die drei Modelle zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich Innovation im Gravel-Segment aussehen kann. Das Cannondale Topstone perfektioniert die Integration von Micro-Suspension, das Canyon Grizl bringt gezielte Federung in ein race-orientiertes Gesamtpaket, und das Lee Cougan Innova Super Gravel sprengt bewusst die klassische Definition des Gravelbikes. Gemeinsam machen sie deutlich: Federung am Gravelbike ist kein Trend mehr – sondern ein strategisches Werkzeug für mehr Geschwindigkeit, Kontrolle und Reichweite.

Josh Welz

Josh Welz

Chefredakteur

Josh Welz ist studierter Sportjournalist und prägt als Chefredakteur die publizistische Ausrichtung der BIKE. 2016 griff Welz den E-Trend auf und entwickelte den Titel EMTB. Entsprechend bewegt er sich gerne zwischen den Welten. Da seine Begeisterung für knackige Trails aber größer ist als sein Trainingsfleiß, schlägt das Pendel häufig in Richtung „E“ aus.

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