Wer ein bequemes Bikepacking-Rad für abenteuerliche Reisen sucht, sollte sich bei anderen Marken umschauen – Factor bleibt auch mit dem Aluto den Schotterrennstrecken dieser Welt treu. Wettkampfgeometrie und die straffe Übersetzung dürften weniger trainierten Gravelbikern keine große Freude bereiten. Für gut trainierte Sportler, die auch mal mit leichtem Gepäck unterwegs sein wollen, kann das Bike dagegen die richtige Wahl sein, so lange sie auch die Preisgestaltung sportlich nehmen.
| Gewicht (kg) | 8.28 kg |
| Gabel | Factor Aluto |
| Schaltung | SRAM Force AXS |
| Bremsen vorne | SRAM Force |
| Bremsen hinten | SRAM Force |
| Reifen vorne / hinten | Continental Terra Adventure Trail Grip 45-622 / Continental Terra Adventure Trail Grip 45-622 |
Es hat den Anschein, als könne der Hersteller Factor fast nach Belieben austesten, welche Innovationen, Strömungen und Designs am Rennradmarkt funktionieren und welche nicht. Zuletzt erregte das taiwanisch-britische Unternehmen mit dem Aero-Rennrad ONE Aufsehen: Ein extrem avantgardistisch designtes Rad, das in vielerlei Hinsicht mit aktuellen Sehgewohnheiten und technischen Konventionen bricht. Seine Entwicklung dürfte für die Verhältnisse in der Fahrradbranche enorm aufwendig gewesen sein und viel Kapital verschlungen haben. Dass das Rad die Entwicklungskosten mit Verkäufen wieder einspielt, ist kaum denkbar, denn es ist mitnichten ein Produkt für die breite Masse.
Auch bei Gravelbikes setzte der Hersteller in den vergangenen Jahren eigene Akzente. Mit dem Ostro Gravel stellte man 2022 ein Race-Gravelbike vor, das als eines der ersten auch aerodynamische Performance zum Thema machte. Es ergänzte das ebenfalls sportlich ausgelegte LS, das seit 2020 im Programm ist. Im vergangenen Herbst kam nun das Modell Aluto hinzu, ebenfalls ein Gravelbike mit ausgesprochen sportlichem Charakter. In seiner Ausrichtung rangiert es irgendwo zwischen den beiden bekannten Modellen. So richtig klar wird auch aus der Unternehmenskommunikation nicht, wie Factor die jeweilige Zielgruppe für die mittlerweile drei unterschiedlichen Gravel-Modelle definiert. Auch das Aluto schlägt in die sportliche Kerbe, betont die Renneignung, will dabei aber, und das ist wohl der wesentliche Charakterunterschied, die Vielseitigkeit eines typischen Gravelbikes nicht aus dem Blick verlieren.
Das Erscheinungsbild des Aluto ist deutlich zurückhaltender als das des Ostro. Zwar trägt auch die Front des jüngsten Sprosses Anleihen aerodynamisch designter Straßenrenner. Das Steuerrohr und die Carbon-Lenkerkombi, die standardmäßig montiert ist, unterstreichen den Renncharakter. Der Mittelteil des Rades kommt eher klassisch daher, mit schlichter Linienführung und einem Sitzrohr mit runder Sattelstütze. Dadurch soll Platz für Rahmentaschen bleiben, die sich auch aerodynamisch günstig in das vordere Rahmendreieck einfügen. Die tief angesetzten Sitzstreben wiederum könnten mit ihrem Profil von einem typischen Aerorennrad stammen. Die Geometrie fällt minimal entspannter aus als beim Ostro; in unserer Testgröße besitzt das Rad nur fünf Millimeter mehr Stack als das messerscharfe Ostro.
Der Schnitt ist jedoch weit entfernt von einer komfortablen Sitzposition für lockeres Pedalieren. Das Aluto gibt sich schon bei der Sitzprobe als sportlich ausgerichtetes Gefährt zu erkennen. Die Reifenfreiheit ist nur minimal größer, 47 Millimeter breite Pneus lässt der Rahmen zu, da bieten Adventure-Gravelbikes anderer Hersteller deutlich mehr. Weitere Elemente mit Fokus auf Praxisnutzen sind am Aluto vergleichsweise rar. Ein recht kleines Staufach im Unterrohr reicht für das Notwendigste im Pannenfall. Gewindeösen für ein Täschchen gibt es auf dem Oberrohr, und ein dritter Flaschenhalter lässt sich vor dem Tretlager montieren; Gepäckaufnahmen an der Gabel oder Gewinde für Schutzbleche weist das Rad dagegen nicht auf. Dafür lässt sich das runde Sitzrohr mit einer versenkbaren Sattelstütze bestücken, die bei Bedarf in anspruchsvollen Steilabfahrten mehr Sicherheit vermittelt.
Auf dem Trail wirkt das Bike verspielt und erinnert auch beim Lenkverhalten eher an ein Straßenrennrad oder einen wendigen Crosser als an ein betont spurtreues Langstrecken-Gravelbike. Mit kurzem Hinterbau und steilem Steuerrohrwinkel lässt es sich ausnehmend flink um scharfe Ecken bewegen. Zusammen mit der kompakten Sitzposition, dem geringen Gewicht und leichtfüßig zu beschleunigenden Carbonfelgen vermittelt das Aluto viel Action und Fahrspaß im Gelände. Dass das Rahmen-Set nicht übermäßig steif ist, dürften nur schwere Piloten bemerken; unsere Tester konnten sich in engen Kehren nicht über mangelndes Feedback beklagen. Auf langen Geradeauspassagen wirkt das Aluto gleichzeitig nicht zu nervös, wenngleich das aerodynamische Ostro im Vergleich etwas stabiler auf der Piste liegt. Mit seinem ausgewogenen Fahrverhalten lässt sich das Aluto aber auf vielen Terrains einsetzen, während das Ostro lieber geradeaus Tempo bolzt. Zu ruppig sollte es nicht werden, denn die Reifen setzen am Aluto die Komfortgrenzen. Weder die Sattelstütze noch die Front geben komfortfördernd nach. Die Gabel ließe zwar einen bis zu 52 Millimeter breiten Reifen zu; weil aber am Hinterrad für höchstens 47 Millimeter Platz bleibt, ist das eher theoretischer Natur.
Wer ein bequemes Bikepacking-Rad für abenteuerliche Reisen sucht, sollte sich bei anderen Marken umschauen – Factor bleibt auch mit dem Aluto den Schotterrennstrecken dieser Welt treu. Wettkampfgeometrie und die straffe Übersetzung dürften weniger trainierten Gravelbikern keine große Freude bereiten. Für gut trainierte Sportler, die auch mal mit leichtem Gepäck unterwegs sein wollen, kann das Bike dagegen die richtige Wahl sein, so lange sie auch die Preisgestaltung sportlich nehmen: Das Testrad ist die günstigste Version und im Vergleich schon ziemlich ambitioniert. Die Top-Variante mit SRAM Red XPLR kostet 8.999 Euro, das Rahmen-Set zum Selbstaufbau ist für 4.099 Euro zu haben.

Redakteur