Visionär, spektakulär, progressivVan Rysel überrascht mit Konzeptbike FTP²

Julian Schultz

 · 16.01.2026

Zurück in die Zukunft: Mit dem FTP² präsentiert Van Rysel eines der spektakulärsten Konzepte der jüngeren Vergangenheit.
Foto: Van Rysel
Auf die Straße wird es das FTP² nie schaffen, trotzdem ist Van Rysel mit dem Konzeptbike eine der spektakulärsten Studien in jüngerer Vergangenheit geglückt. Der radikale Zwitter aus Aero-Bolide und E-Bike soll künftige Entwicklungen inspirieren - ist nach aktuellem Stand aber illegal. Mit Mahle und Swiss Side waren zwei weitere bekannte Hersteller an dem Pilotprojekt beteiligt.

Das nennt man wohl einen Coup! Zu Beginn der Velofollies im belgischen Kortrjik/Belgien (16. bis 18. Januar) zog der Messestand von Van Rysel zahlreiche Blicke mit einer Mischung aus Neugierde und Unglauben auf sich. Schließlich inszenierte die High-End-Marke des Sportartikelgiganten Decathlon mit dem sogenannten FTP² ein Konzeptbike, das angestammte Bahnen verlässt und “die Grenzen von Geschwindigkeit, Aerodynamik und integrierter Performance” neu definiere. Rahmendesign, Integration oder Komponenten - man weiß gar nicht, wo man bei der Zukunftsvision auf zwei Reifen zuerst hinschauen soll.



Ausgangspunkt für das laut eigener Aussage “bislang komplexeste Projekt” für Van Rysel sei gewesen, eine Rennmaschine zu entwickeln, die ambitionierten Hobbysportlern das Speed-Gefühl eines Profi-Rennfahrers vermittelt. Durch die extreme Fokussierung auf Aerodynamik und Systemintegration gepaart mit einem leistungsstarken Motor soll das Konzeptbike die Leistungsfähigkeit eines Amateurfahrers verdoppeln können. Damit lässt sich auch das Akronym für die Modellbezeichnung erklären: Die aus der Trainingswissenschaft bekannte Abkürzung FTP steht für Function Threshold Power (dt.: funktionelle Schwellenleistung) und definiert die Höchstleistung eines Ausdauersportlers über eine Stunde.

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Fast schon furchteinflößend wirkt das FTP² an der Front.Foto: Van RyselFast schon furchteinflößend wirkt das FTP² an der Front.

Laut Van Rysel soll also ein trainierter Hobbyfahrer mit einem FTP-Wert von 3,5 Watt/Kilogramm mit dem Konzeptbike das Niveau der absoluten Top-Stars à la Tadej Pogačar (UAE Team Emirates-XRG) erreichen können. Berechnungen einer norwegischen Universität ergaben zuletzt, dass die funktionelle Schwellenleistung des viermaligen Tour-Champions bei rund 6,7 Watt/Kilogramm liegt.

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​​Van Rysel FTP²: Die wichtigsten Fakten

  • Material Rahmen-Set: Carbon
  • Gewicht Komplettrad: keine Angabe
  • Motor: Mahle M40 (850 Watt, 105 Newtonmeter)
  • Antrieb/Schaltung: SRAM Red AXS | Praxis
  • Laufräder: Swiss Side Hadron³ 850
  • Cockpit: Van Rysel (inkl. integrierten Tasten für Schaltung & Co.)
  • Sattel: Fizik Argo Vento 00 Adaptive

Das Herzstück bildet das Rahmen-Set in fulminantem Aero-Design. Die Grenzen des Erlaubten, festgeschrieben vom Radsport-Weltverband UCI, wurden dabei laut Projektleiter Wim Van Hoecke bewusst verlassen und neu definiert. Am meisten sticht ein Bauteil hervor, das schlicht fehlt: Wie das Baldiso One kommt auch das Van Rysel FTP² ohne Sitzrohr aus. Dadurch wirkt das Oberrohr wie ein Hebelarm, der am exorbitant flächigen Steuerrohr aufgehängt ist. Die Sattelstütze wird am freien Ende in einer voluminösen Verdickung gehalten. Die Gabel, ebenfalls in XXL-Dimensionen, definiert sich durch weit ausgestellte Gabelscheiden. Die Konstruktion erinnert an das Bahnrad der britischen Nationalmannschaft von Hope und Lotus. Auch zum neuen Factor One, das im Gegensatz zum Van Rysel auf einem UCI-konformen Chassis basiert, lassen sich an der Front Ähnlichkeiten erkennen.

Sie sehen, dass Sie nichts sehen: Das Konzeptbike von Van Rysel kommt ohne Sitzrohr aus.Foto: Van RyselSie sehen, dass Sie nichts sehen: Das Konzeptbike von Van Rysel kommt ohne Sitzrohr aus.

Mahle M40: Mittelmotor mit Dampf

Das Unterrohr mit klarer Aero-Handschrift trägt einen integrierten Mittelmotor von Mahle. Wie einer der bekanntesten Hersteller für E-Bike-Systeme mitteilt, steckt eine modifizierte Version des M40 im Inneren des Rahmens. Zu den genauen Leistungsdaten des Motors im FTP² machte Mahle keine Angaben. Serienmäßig ist der kompakte Kraftwürfel mit einer Spitzenleistung von 850 Watt ausgestattet. Der M40 hat dadurch mehr Dampf als vergleichbare Bestseller von Bosch oder Shimano, an die bärenstarken 1000 Watt von DJI kommt er jedoch nicht ganz heran. Das Gewicht des M40 soll bei rund 2,6 Kilogramm liegen.

Wie viel das Konzeptbike insgesamt auf die Waage bringt, ist nicht bekannt. Auch zur aerodynamischen Performance wurden vorab in der Pressemitteilung keine Angaben gemacht. So ist lediglich bekannt, dass mit Swiss Side eines der führendsten Unternehmen in der Entwicklung von schnellen Kompletträdern und Laufrädern involviert war. Folglich stecken mit den Hadron³ 850 auch die aktuell höchsten Aero-Laufräder der Schweizer in Gabel und Rahmen. Vorne ist außerdem der strömungsgünstige Continental Aero 111 aufgezogen, der aus einer Kooperation von Swiss Side, DT Swiss und dem Korbacher Reifenhersteller entstand.

Im wuchtigen Unterrohr ist der M40 von Mahle versteckt. Der Mittelmotor sei für das Konzeptbike modifiziert worden, wie einer der größten Hersteller von E-Bike-Systemen mitteilte.Foto: Van RyselIm wuchtigen Unterrohr ist der M40 von Mahle versteckt. Der Mittelmotor sei für das Konzeptbike modifiziert worden, wie einer der größten Hersteller von E-Bike-Systemen mitteilte.

Schalten wie an der Konsole

Während Laufräder und Reifen genau wie Antrieb (SRAM Red AXS) und 3-D-Sattel (Fizik Argo) in der Gegenwart angekommen und bereits an Serienräder montiert sind, gibt die futuristische Lenker-Vorbau-Einheit wieder den Blick auf eine mögliche Zukunft im Rennradbereich preis. Schließlich ähnelt die Steuerzentrale aus Eigenentwicklung einem Gaming Controller, der mittels integrierter Tasten die Bedienung für Gangwechsel und Motorsteuerung beinhaltet. Indoor-Fahrer dürfte die Anordnung der Knöpfe an die Bedienelemente des Zwift Play für das Rollentraining erinnern. Die Bremsanlage basiert auf der Aero-Version von SRAM.

​Als ob das visionäre Komplettrad noch nicht genug Aufmerksamkeit erzielen würde, stellte Van Rysel dem FTP² zudem eigens entwickeltes High-Tech-Zubehör in Form von Schuhen, Helm und Race-Kit an die Seite. Das unbestrittene Highlight sind die Schuhe, indem sie komplett auf Verschluss- und Klicksystem verzichten. Van Rysel bleibt zwar etwas vage, wie die aerodynamisch optimierte Schuhkonstruktion “geschnürt” werden kann. Offenbar soll dies aber ebenfalls per drahtloser Steuerung über das Cockpit möglich sein. An der Fersenkappe ist ein kleiner AXS-Akku platziert, den SRAM ansonsten an Umwerfer oder Schaltwerk einsetzt. Per integrierter Pedalachse werden die “Stiefel” direkt mit dem FTP² verbunden.

Kann man das noch als Schuhe bezeichnen? Die aero-optimierte Konstruktion soll direkt mit der Pedalachse verbunden sein, geschnürt wird offenbar per Funksteuerung.Foto: Van RyselKann man das noch als Schuhe bezeichnen? Die aero-optimierte Konstruktion soll direkt mit der Pedalachse verbunden sein, geschnürt wird offenbar per Funksteuerung.

Fahrbar, aber nicht käuflich

Und was kostet so ein potentiell wegweisendes Fahrrad aus der Zukunft? Nichts! Denn wie Van Rysel mehrfach betont, wird das Konzeptbike von der Velofollies seiner Bedeutung gerecht und nicht in den Verkauf gehen. Gleichwohl betont die Decathlon-Marke, dass das Bike trotz seiner gewagten Konstruktion fahrbar sei.

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