Eine aktuelle Studie der Universität Gustave Eiffel in Frankreich beleuchtet die komplexen sozialen Dynamiken zwischen verschiedenen Verkehrsteilnehmern und deren Auswirkungen auf das Verhalten im Straßenverkehr. Die Forschung unter der Leitung von Clement F.A. Andrieu untersucht, wie Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger sich gegenseitig wahrnehmen und welche Verhaltensabsichten sie gegenüber den anderen Gruppen hegen. Die Ergebnisse zeigen, dass das gewählte Transportmittel als wichtiger sozialer Marker fungiert, der die Gruppenidentität formt und das Verhalten im Verkehr beeinflusst. "Diese Studie untersucht die sozialen Urteile unter Verkehrsteilnehmern, indem sie sich darauf konzentriert, wie Autofahrer, Radfahrer und Fußgänger sowohl ihre eigene Gruppe als auch andere basierend auf ihrem Transportmittel wahrnehmen", erklären die Forscher in ihrer Veröffentlichung. Die Untersuchung stützt sich auf das Stereotype Content Model (SCM) und die Behavior from Intergroup Affect and Stereotype (BIAS) Map, zwei etablierte sozialpsychologische Modelle, die bisher noch nicht in der Verkehrspsychologie angewendet wurden.
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Die Studie mit insgesamt 375 Teilnehmern (124 Autofahrer, 114 Radfahrer und 137 Fußgänger) offenbart deutliche Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den verschiedenen Gruppen. Besonders auffällig ist, dass verletzliche Verkehrsteilnehmer – Radfahrer und Fußgänger – eine starke Eigengruppenfavorisierung zeigen. Sie bewerten Mitglieder ihrer eigenen Gruppe positiver hinsichtlich Wärme und Kompetenz, empfinden mehr Bewunderung für sie und zeigen stärkere Absichten, ihnen zu helfen. "Verletzliche Straßennutzer (Radfahrer und Fußgänger) demonstrieren eine starke Eigengruppenfavorisierung, im Gegensatz zu Autofahrern", so die Forscher. Diese Ergebnisse stützen frühere Forschungen, die darauf hindeuten, dass Radfahrer eine zusammenhängende soziale Gruppe bilden, oft getrieben von gemeinsamen Werten bezüglich der Umwelt- und Gesundheitsvorteile des Radfahrens sowie einem kollektiven Gefühl der Verletzlichkeit, das aus Interaktionen mit Autofahrern resultiert.
Entgegen den Erwartungen der Forscher zeigten Autofahrer keine Eigengruppenfavorisierung. Stattdessen bewerteten sie ihre eigene Gruppe kritischer als andere Verkehrsteilnehmer. "Autofahrer nahmen ihre eigene Gruppe negativer wahr als andere, sowohl hinsichtlich des Stereotypinhalts, der Emotionen als auch der Verhaltensabsichten", berichten die Wissenschaftler. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass Autofahrer eine breitere und diversere soziale Gruppe darstellen, die verschiedene Untergruppen umfasst, was zu einem schwächeren Gruppenzugehörigkeitsgefühl führt.