Einzeltest: Winterrad Focus Mares AX 4.0Foto: Matthias Borchers

AktuellesEinzeltest: Winterrad Focus Mares AX 4.0

Unbekannt

 12/10/2011, Lesezeit: 5 Minuten

Rennräder für den Winter entstehen häufig aus altem Gerät im Eigenbau. Das Focus Mares AX 4.0 für nur 999 Euro ist eine Versuchung, eventuell doch zum Radhändler zu gehen. Hier finden Sie die Testergebnisse und ein Video.

Ein Winterrad muss vor allem eines sein: robust. Die Reifen brauchen bei Nässe oder Schneematsch maximalen Grip und sollen scharfkantigem Splitt auf der Straße die schnittfeste Gummischulter zeigen. Schutzbleche gehören zur Grundausstattung, wenn man sich bei Sport oder Arbeitsweg nicht komplett einsauen will. Und gut zupackende Bremsen sind ebenso wichtig wie gutes Licht auf nächtlichen Feldwegen und im Dschungel der Stadt.

Schon im Stand und auf den ersten Blick signalisiert das Konzept-Rad aus Cloppenburg, dass es diese Anforderungen ernst nimmt. Auf Basis eines Crossrahmens rollt das Mares mit kompletter Ausstattung heran, so dass man direkt aus dem Radladen ins Wintertraining starten könnte: Cyclocross-Reifen von Continental, fest montierte Schutzbleche, ein Antriebsstrang auf Basis von Shimanos neuer Tiagra-Gruppe im Mix mit einer Gossamer-Kurbel von FSA; und als Schmankerl gibt’s sogar mechanische Scheibenbremsen von Tektro. Da muss man sich fast die Augen reiben, wenn man auf das Preisschild schaut: 999 Euro will Focus für diesen Matsch- und Schnee-Renner haben. Bei dem Kampfpreis bliebe im Budget sogar noch etwas Geld für eine ordentliche Lichtanlage übrig.

Präzise unter Last

Die anfängliche Skepsis der TOUR-Tester, ob der Economy-Renner auch für die harte Praxis taugt, zerstreut schon die erste Testfahrt. So schaltet die neue Tiagra-Gruppe, die jetzt wie die höherwertigen Shimano-Gruppen ebenfalls über zehn statt wie bisher neun Gänge verfügt, auch unter Last sauber und präzise. Lediglich beim Schalten auf kleinere Ritzel wirkt das Getriebe etwas weniger knackig. Am Tretlager wandert die Kette ohne Murren vom kleinen aufs große FSA-Kettenblatt, den Unterschied zur Originalkurbel merkt man kaum.

  Auch Shimanos preiswerte Tiagra-Gruppe bedient inzwischen ein Zehnfach-GetriebeFoto: Matthias Borchers
Auch Shimanos preiswerte Tiagra-Gruppe bedient inzwischen ein Zehnfach-Getriebe

Die Conti-Reifen auf den seitensteifen Laufrädern mit Hochprofil-Felgen vermitteln dem Piloten immer sicheren Kontakt zur Straße, eignen sich aber auch für kleine Abstecher auf Schotterpisten oder ins Gelände. Zu grob sollte das Grobe allerdings nicht sein, sonst verklemmen sich zwischen Reifen und Schutzblech gerne mal Laub oder kleine Steinchen. Auf nassen Straßen und Wegen lernt man die Schutzbleche aber schon bald als beinahe wichtigstes Winterrad-Utensil zu schätzen. Sie bekämen noch mehr Lob, wenn sie weiter um die Reifen herumgezogen wären und dadurch sowohl die eigenen Füße als auch – beim Fahren in der Gruppe – nachfolgende Radler besser vor Spritzwasser schützen würden.

Das Highlight der Ausstattung markieren die mechanischen Scheibenbremsen namens Lyra von Tektro. Sie versprechen bessere Bremsleistung als herkömmliche Felgenbremsen, benötigen aber zumindest im Neuzustand ordentlich Handkraft, um akzeptabel zu verzögern. Richtig gut funktionierten sie lediglich aus der Unterlenkerhaltung. Will man längere Abfahrten vom Oberlenker aus bremsen, braucht man sehr kräftige Hände, um jede Kurve sicher anzubremsen. Nervig war das Kreischen der Vorderradbremse. Erfahrungsgemäß werden solche Geräusche aber leiser, je länger die Bremse eingefahren wird. sportliche wurzeln Die Fahrstabilität des Focus ist untadelig; das knapp drei Kilogramm schwere Rahmen- Set aus Aluminium ist sowohl im Lenkkopf wie im Tretlager unnachgiebig und somit auch für schwere Athleten eine Empfehlung. Allerdings summieren sich der solide Rahmen und die übrigen Komponenten zu rund zwölf Kilogramm Gesamtgewicht – das macht sich bei Anstiegen und kleinen Ausritten ins Gelände dann schon bemerkbar, auch weil langer Radstand und Nachlauf dem Rad ein eher träges Lenkverhalten mitgeben. Dennoch merkt man dem Rahmen seine Abstammung als Cross-Renner an: Das Oberrohr ist vergleichsweise lang, das Steuerrohr kurz, die Sitzposition sportlich. Die Sattelstütze mit Versatz rückt den Sitzplatz noch weiter vom Lenker weg, man muss sich ganz schön strecken; mit einem schnell ausgetauschten, kürzeren Vorbau und einer geraden Sattelstütze lässt sich das jedoch leicht ändern.

  Bremst gut, verlangt aber nach viel Handkraft: mechanische Scheibenbremse von TektroFoto: Matthias Borchers
Bremst gut, verlangt aber nach viel Handkraft: mechanische Scheibenbremse von Tektro

Fazit nach Labor- und Praxistest: Das Mares erweist sich als passender Begleiter für die kalte Jahreszeit. Das kleine Manko der kurzen Schutzbleche kann man mit etwas handwerklichem Geschick und selbstgefertigten Spitzlappen beheben (eine Anleitung finden Sie zum Beispiel auf www.tour-magazin.de, Webcode #260). Was Focus noch beisteuern könnte, wäre die Option auf ein Vorderrad mit Nabendynamo – dann wäre das Mares wirklich das perfekte Winterrad.

Preis 999 Euro
Gewicht 11,9 Kilo
Bezug/Info www.focus-bikes.de

Rahmengrößen** XS bis XXL; XL
Sitz-/Lenkwinkel 74/71,5°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 560/570/140 mm plus 16 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 1.035/67 mm
Stack/Reach/STR*** 577/403 mm/1,43

AUSSTATTUNG
Gabel Mares Cyclecross Alloy Disc
Lenklager FSA, 1-1/8 Zoll
Bremsen/Schaltung/Tretlager Shimano Tiagr a, Tektro Lyra/Shimano Tiagra, 10-fach/FSA Gossamer (50/34 Z., BS A)
Laufräder/Reifen Focus Concept/Continental Cyclocross Speed 35 mm
Lenker/Vorbau FSA Compact Vero/FSA OS 190
Sattel/-stütze Concept EX/FSA SL 280

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad 11,9 Kilo (ohne Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager 1.812/867/74 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set**** 2.765 g – 5 , 0
Lenkkopfsteifigkeit 99 Nm/° – 1 , 0
Seitensteifigkeit Gabel 74 N/mm – 1 , 0
Tretlagersteifigkeit 60 N/mm – 1 , 0
Komfort Rahmen 303 N/mm – 2 , 7
Komfort Gabel 99 N/mm – 5 , 0

Foto: TOUR Magazin
Foto: TOUR Magazin

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese beiden Be wertungen fließen Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nachkommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.