AktuellesEinzeltest: Simplon Nexio

Unbekannt

 · 19.10.2012

Einzeltest: Simplon NexioFoto: Philipp Schieder

Pavo, Pride, Serum, Kiaro – nur wenige Hersteller bieten derzeit eine ähnlich breite Palette an Carbon-Rennrädern wie Simplon. Mit dem Nexio ergänzt der österreichische Hersteller sein Sortiment nun noch um ein aerodynamisches Straßenrennrad.

Sie reizen mit dem Versprechen, besonders schnell zu sein: Aero-Renner, seit rund zwei Jahren der jüngste Hype auf dem Rennradmarkt. Dass die meisten Hobbyfahrer wenig bis keine Vorteile von den meist eher unkomfortablen Speed-Maschinen haben – geschenkt! Die windschnittigen Rahmen sehen erfrischend neu und gut aus, und klar ist auch, dass Aerodynamik im Spitzensport ein rennentscheidender Faktor sein kann. Für einen ehrgeizigen Hersteller wie Simplon ist es deshalb keine Frage, sein Sortiment um ein Aero-Modell zu erweitern – und als Sponsor des deutschen Team NetApp, das zunehmend im internationalen Sport mitmischen soll, ist es beinahe eine Notwendigkeit.

Am Rahmen des Nexio fallen die scharfen Abrisskanten an Sitzrohr, Unterrohr und Sitzstreben auf – in der Aerodynamik ist dieses Design als Kamm-Tail bekannt. Es geht zurück auf den deutschen Aerodynamiker Wunibald Kamm, der vor mehr als 80 Jahren entdeckte, dass ein Aeroprofil nicht zwingend bis zum Ende ausgeformt sein muss. Wenn man das Ende abschneidet, bleibt der aerodynamische Vorteil erhalten, zudem lässt sich Gewicht sparen. Scott, BMC und Trek haben bei ihren Aero- Modellen die Idee von Kamm auch schon aufgegriffen; ein weiteres Detail am Nexio kommt einem ebenfalls bekannt vor: Das Copyright für die drei Flaschenhaltergewinde am Unterrohr liegt beim kanadischen Hersteller Cervélo, der diesen Einfall am Aero-Modell S5 verwirklicht. Damit sind zwei Halterpositionen möglich: eine höhere, wenn zwei Flaschen transportiert werden sollen, und eine tiefere, die aerodynamisch vermutlich etwas günstiger ist.

Neben diesen augenfälligen Merkmalen sind es vor allem kleine durchdachte Details, die das Nexio auszeichnen. Clever: Der Klemmbereich der Aero-Sattelstütze ist hinten aufgeraut. So bedarf es keiner hohen Anzugsmomente auf den Klemmschrauben, um die Stütze sicher zu fixieren. Auch gut: das schon von anderen Simplon-Modellen bekannte Lenklager von Acros. Das Lagerspiel lässt sich über eine kleine Stellschraube von außen einstellen; die sonst übliche Kralle im Gabelschaft ist nicht erforderlich.

  Dank aufgerauter Stütze muss man die Klemmschrauben weniger fest anziehen.Foto: Philipp Schieder
Dank aufgerauter Stütze muss man die Klemmschrauben weniger fest anziehen.

Aero mit Komfort?

Die Labordaten lassen aufhorchen: 1.473 Gramm Rahmen-Set-Gewicht und ein Komfortwert von 266 Newton pro Millimeter am Sattel sind für ein Aero-Rennrad gute Werte. Sie weisen darauf hin, dass das Nexio noch andere Qualitäten hat als nur schnell zu sein. Unterm Sattel gefällt das Rad vom Start weg mit sehr direktem Ansprechverhalten – ein rassiges Renngerät. Was das Laborergebnis vermuten lässt, bestätigt die Praxis: Das Rad fährt sich keineswegs so ruppig wie manch andere Aero-Renner, die wegen der windschnittigen Rohrprofile vertikal kaum nachgeben. Am Sattel spürt man Federkomfort, was teils der noch passabel flexenden Sattelstütze, teils der angenehm flexiblen Decke des SLR-Sattels geschuldet ist. Paradedisziplin des Nexio sind aber schnelle, kurvenreiche Abfahrten, die das Rad mit bemerkenswerter Souveränität ohne das leiseste Anzeichen von Unruhe meistert.

  Die schwarzen Spezialbeläge für Mavics Exalith-Felgen quietschen mitunter durchdringend.Foto: Philipp Schieder
Die schwarzen Spezialbeläge für Mavics Exalith-Felgen quietschen mitunter durchdringend.

Aufgebaut ist das Testrad mit einem Ausstattungspaket aus dem Baukastenangebot von Simplon. Zur leichten Force-Gruppe von SRAM gesellen sich Cosmic-Carbone-SLE-Laufräder von Mavic mit Exalith-Beschichtung auf den Alu-Bremsflanken. Die tiefgraue angeraute Oberfläche soll extrem abriebfest sein und in Verbindung mit speziellen Belägen besonders gut bremsen. Da bisherige Exalith-Laufräder vor allem während der Einfahrphase gelegentlich durch unangenehmes Bremsquietschen aufgefallen waren, hat Mavic mit dem Spezialisten Swissstop neue Beläge entwickelt, die das Problem lösen sollen. Bei ersten Testfahrten schien dieses Kalkül aufgegangen, doch nach einigen Hundert Kilometern erzeugte zumindest die hintere Bremse wieder das bekannte, durchdringende Kreischen der Beläge auf der Felge. Einen positiven Eindruck hinterließen dagegen die neuen, leicht profilierten Yksion-Pro-Reifen von Mavic, die subjektiv leicht rollen und gut haften. Wie pannensicher und haltbar die optisch perfekt mit den Felgen harmonierenden Mäntel sind, muss sich aber noch zeigen.

Fazit: Das Nexio ist ein gutes Beispiel dafür, dass es sich für einen Hersteller auszahlen kann, einen Trend erst mal eine Weile zu beobachten, ehe man darauf reagiert. Das Rad bietet überzeugendere Fahreigenschaften als manch anderer Aero-Renner und begeistert mit guter Verarbeitung und stimmigem Aussehen. Preislich rangiert das Nexio auf dem Niveau des Wettbewerbs. Die Palette beginnt bei 3.949 Euro für die Version mit Ultegra-Gruppe, die getestete Variante mit SRAM Force liegt bei 4.349 Euro. Ob es tatsächlich schneller durch den Wind schneidet als andere Renner, klären wir im nächsten Aerodynamiktest.

Preis Komplettrad 4.349 Euro
Gewicht 6,8 Kilo

Bezug/Info www.simplon.com
Rahmengrößen** 50, 5 3, 55, 57, 60 cm
Sitz-/Lenkwinkel 74,5°/73,5°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 530/555/146 mm plus 18 mm Steuersatzkappe
Radstand/Nachlauf 990/51 mm
Stack/Reach/STR*** 555/397 mm/1,40

AUSSTATTUNG
Lenklager Acros, oben 1-1/8, unten 1-1/4 Zoll
Bremsen/Schaltung/Tretlager SRAM Force (50/34 Z., Press-Fit)
Laufräder/Reifen Mavic Cosmic Carbone SLE/Mavic Yksion Pro
Lenker/Vorbau Simplon ERG/Simplon ERO
Sattel/-stütze Selle Italia SLR Monolink/Simplon Aero

MESSWERTE & EINZELNOTEN
Gewicht Komplettrad (ohne Pedale) 6,8 kg
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager**** 1.025/322/90 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set 1.473 g: 2 , 0
Lenkkopfsteifigkeit 97 Nm/°: 1 , 3
Seitensteifigkeit Gabel 50 N/mm: 1 , 7
Tretlagersteifigkeit 65 N/mm: 1 , 0
Komfort Rahmen 266 N/mm: 2 , 3
Komfort Gabel 96 N/mm: 5 , 0

Foto: TOUR Magazin
Foto: TOUR Magazin

* In die Gesamtnote gehen das Rahmen-Set mit 40 Prozent, die Ausstattung mit 60 Prozent ein. In diese Be wertungen fließen Einzelnoten ein, die wir aus Pla tzgründen nur zum Teil abdrucken. Die Noten werden bis zur Endnote mit allen Nach kommastellen gerechnet; zur besseren Übersichtlichkeit geben wir aber alle Noten mit gerundeter Nachkommastelle an.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.