EinzeltestRadon Road Titanium 7.0

Unbekannt

 · 30.08.2008

Einzeltest: Radon Road Titanium 7.0

Rennräder aus Titan sind teuer – normalerweise. Das ”Road Titanium 7.0” der Bonner Marke Radon dagegen kostet als Komplettrad lediglich 2.000 Euro

Für einen Titanrenner muss man in der Regel tief in die Tasche greifen. Sehr tief. Einige Hersteller liefern für 5.000 Euro gerade mal das Rahmen-Set. Da kommt einem das Angebot vom Versandhändler Radon – 2.000 Euro für ein komplettes Rad – schon fast unmoralisch vor. Die Kalkulation beginnt in Nischni Nowgorod. In der russischen Industriemetropole wurden zu Zeiten des Kalten Krieges noch massenweise Atom-UBoote und MiG-Kampfflugzeuge gebaut. Die Firma, in der heute ehemalige Rüstungsarbeiter Titan-Rahmen schweißen, heißt schlicht “Titan”. Dort bezieht Radon die Rahmen über den deutschen Importeur “Kocmo”, der unter diesem Namen selbst Titanrahmen vertreibt. Dabei ist Radons “Road Titanium” eine eigenständige Konstruktion, die sich in Details wie Steuerrohr, Ausfallenden oder Zuganschlägen sowie einer eigenständigen Geometrie von den Kocmo-Modellen unterscheidet.

Verarbeitet wird der Werkstoff Titan als Legierung mit Aluminium und Vanadium, die gängigste Legierung heißt TiAl3V2,5, aus der sich nahtlos endverstärk te Rohren ziehen lassen. Titan ist korrosionsbeständig und im Vergleich zu Alu weniger empfindlich gegen Beulen, die Verarbeitung allerdings aufwendig. Das Schweißen beispielsweise muss unter einer Schutzgasatmosphäre geschehen, weil das Material bei Kontakt mit Sauerstoff versprödet. Zudem verlangt der harte Werkstoff nach teuren Spezialwerkzeugen und aufwendiger Handarbeit, was die Produktionskosten in die Höhe treibt. Ein Grund dafür, warum das Radon an der Wolga hergestellt wird und nicht am Rhein.

Im Labortest erzielt das Rad durchschnittliche Werte für die Steifigkeit von Tretlager und Lenkkopf. Mit knapp 1.400 Gramm Gewicht rangiert der Rahmen mit klassischem Lenklager auf dem Niveau von Mittelklasse-Alu-Rahmen. Das Finish der satinierten Titanoberfläche ist sehr gut, die Schweißnähte liegen offen und fein geschuppt vor dem Auge des Betrachters. Erfreulich: Radon gewährt fünf Jahre Garantie auf das Rahmen- Set ohne Rennausschluss.

Bemerkenswert ist die Ausstattungsliste des Rades, die von Shimanos “Ultegra SL” angeführt wird, lediglich bei Innenlager und Kurbelgarnitur weicht Radon auf preisgünstigere Teile von FSA aus. Da die Räder aber nach dem Baukastenprinzip aufbaut werden, lässt sich der Titan problemlos um- oder aufrüsten.

Doch auch mit dem günstigen Ausstattungspaket sind Fahrten mit dem “Road Titanium” die reinste Freude. Der Renner schnurrt tadellos über die Straßen, Schaltung und Bremsen arbeiten perfekt. Wegen seines kurzen Radstandes von 975 Millimetern in Kombination mit einem kurzen Nachlauf fährt sich das Rad agil, bleibt auch auf rasanten und kurvigen Abfahrten beherrschbar und spurstabil. Allerdings kann es angesichts des kurzen Radstandes, je nach Schuhgröße und Position der Pedalplatten unter der Sohle, zu Problemen mit der Fußfreiheit kommen: Dann stößt die Schuhspitze beim Lenkeinschlag ans Vorderrad.

Die gute Komfortnote resultiert beim Radon aus den inzwischen üblichen Parametern: Der geslopte Rahmen hat ein leicht ab fallendes Oberrohr, sodass man die schlanke Sattelstütze (27,2 Millimeter Durchmesser) relativ weit herausziehen kann. Die Gabel ist nur durchschnittlich nachgiebig, unterstreicht aber insgesamt die komfortable Auslegung des Rahmens – viele Mitbewerber verbauen mittlerweile ohne Not deutlich härtere Gabeln.

Das “Road Titanium” verbindet die edle Anmutung und robuste Natur des Werkstoffs Titan mit einer hochwertigen Ausstattung – voll alltagstauglich, mit exklusivem Touch. Radon will davon in diesem Jahr etwa 50 bis 60 Stück anbieten. Aus Nischni Nowgorod heißt es allerdings, dass die russische Rüstungsindustrie wieder verstärkt Titan ordert, der Rohstoffpreis steigt bereits. Könnte sein, dass die Schnäppchen-Zeit für Titan bald wieder vorbei ist.

PLUS: Preis/Leistung, Ausstattung

MINUS: Größe 60 lediglich für Fahrer bis 1,80 Meter geeignet

*Testrad-Rahmengröße gefettet; **projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/Sattel-Steuerrohrüberhöhung bei 75 cm Sitzhöhe (Mitte Sattelgestell–Oberkante Steuerrohr); ***bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ****in die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken.

Fotos: Matthias Borchers

  Sogenannte Breeze-Ausfallenden passen zum Material.
Sogenannte Breeze-Ausfallenden passen zum Material.
  Typische feinschuppige Schweißnähte
Typische feinschuppige Schweißnähte