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Einzeltest: Pasculli Bagnolo

Unbekannt

 · 30.05.2010

Einzeltest: Pasculli BagnoloFoto: Daniel Kraus

Die junge Marke Pasculli aus Berlin-Friedenau erfüllt Rennradträume nach Maß. Wir sind den klassischen, modern ausgestatteten Stahlrenner ”Bagnolo” gefahren.

Christoph Hartmann, 45 Jahre alt, aus Landsberg am Lech, ist im Hauptberuf Oboist bei den Berliner Philharmonikern. Seine zweite große Leidenschaft aber gilt dem Rennrad. Gemeinsam mit einem Freund, dem Berliner Radladenbesitzer Maik Kresse entwickelte der rennradelnde Bläser die Idee, unter eigenem Namen Maßrahmen anzubieten. Hartmann erinnerte sich an einen Bericht über italienische Rahmenbauer in der Februar-Ausgabe 2004 von TOUR. Besonders ein Bild, das den japanischen Kontrabassisten und Rossini-Fan Takaaki Sano in der Werkstatt des Rahmenbauers Francesco Muraca zeigte, war ihm im Gedächtnis geblieben. Hartmann besuchte Muraca und seinen Kompagnon Sano in deren Rennrad-Manufaktur in Masate, einem kleinen Dorf in der Lombardei, zwischen Mailand und Bergamo. Hartmann und Kresse, Muraca und Sano wurden sich handelseinig: In Masate sollten die Maßrahmen entstehen und lackiert werden. Nun musste nur noch ein passender Markenname her.

Da erinnerte sich Hartmann an einen in Vergessenheit geratenen Virtuosen seines Instruments, dessen Kompositionen er selbst wieder zum Klingen gebracht hatte. Hartmann hatte in einer italienischen Bibliothek einst Manuskripte von Antonio Pasculli aufgestöbert, einem sizilianischen Oboisten des 19. Jahrhunderts. Pasculli arbeitete Themen aus Opern von Rossini und Verdi um in eigene Oboen-Stücke, die geprägt waren von schnellen Tonleitern und gebrochenen Akkorden, die dem Solisten kaum Zeit zum Atem holen lassen. Seit 2005 steht der Markenname “Pasculli” nun auch für italienisch geprägte Rennradrahmen. Inzwischen firmiert das Unternehmen als Holding und residiert in einer Villa mit großzügigem Ausstellungsraum auf einem historischen Industriegelände in Berlin-Friedenau.

Der Testrenner “Bagnolo” ist klassisch aus Stahl geschweißt; nicht gemufft, sondern im WIGSchweißverfahren, wie es Muraca schon seit den 1980er Jahren einsetzt. Mit dieser Methode lassen sich alle Maße und Winkel nach Kundenwunsch auf Millimeter und Grad genau umsetzen, ohne durch fertige Muffen eingeschränkt zu sein. Die Rahmenrohre stammen ausschließlich von Dedacciai; der Rohrsatz des “Bagnolo” nennt sich “Zero Replica”, die Rohrdurchmesser sind moderat vergrößert. Ein echtes Unikat ist die komplett aus Stahl gefertigte Gabel. Auch hier sind die vergleichsweise großen Durchmesser von Gabelschaft und -scheiden eine eher moderne Interpretation des klassischen Werkstoffs. Pasculli ist aber nicht auf Stahl beschränkt; individuelle Maßrahmen gibt es auch aus Aluminium und Carbon.

Die Farbgebung stammt vom Berliner Designer Andreas Töpfer. Er hat auch das Pasculli-Emblem entwickelt: ein stilisierter, aus fünf unterschiedlich großen Ellipsen zusammengesetzter Rennradler. Zwei Farben in klarer Abgrenzung sind typisch für Pasculli, fünf Grunddesigns stehen zur Auswahl, individuelle Wünsche können berücksichtigt werden. Die Typenbezeichnungen aller Pasculli-Räder leiten sich von Hügeln oder Pässen ab, die nahe der italienischen Stadt Bettola liegen.

Die Ausstattung des Testrades dient als Beispiel für den individuellen Aufbau und ist eher international als italienisch. Nur Vorbau, Lenker, Sattelstütze und Sattel stammen von italienischen Herstellern: Deda und Fizik; Schalten und Bremsen übernimmt SRAMs “Force”. Citecs Laufräder “3000 S Aero Carbon” und Contis Top-Reifen “GP 4000 S” komplettieren das 8,4 Kilogramm schwere Rad. Auf der Straße gefällt das Pasculli mit neutralem Fahrverhalten, die Sitzposition ist sportlich bis komfortabel, bezogen auf die Rahmengröße von 56 Zentimetern. Auch bei rasanter Abfahrt bleibt der Renner stets gut beherrschbar; die für einen Stahlrahmen sehr gute Lenkkopfsteifigkeit (78 Newtonmeter pro Grad) sowie die seitensteife Gabel (71 Newton pro Millimeter) halten das Rad auf Kurs – wofür es beim Gewicht zwangsläufig Tribut zollen muss. Knapp 2.800 Gramm für Rahmen und Gabel sind rund doppelt so viel wie bei aktu ellen Top-Carbonrahmen. Der viel zitierte Federkomfort bei Stahlrennern beschränkt sich auf den Sattel, hier liegt das Bagnolo gleichauf mit guten Carbonrahmen. Die Stahlgabel, die eher massiv als filigran auftritt, federt auch nicht nennenswert besser als die zeitgenössischen Modelle aus Faser verbundwerkstoff.

Tadellos und sauber verarbeitet präsentieren sich die Schweißnähte aus der Produktion Muracas, der Lack glänzt wunderbar seidig. Umso ärgerlicher, dass die Farbe beim korrekten Anziehen der SattelschellenSchraube am Ende des Sattelrohrs großflächig abplatzte. Das Einstellen der Sitzposition blieb ebenfalls nicht spurenlos: Das Sattelrohr war nicht sauber ausgerieben – ungeglättete Riefen und Metallspäne zerkratzten den schwarzen Sattelstützen-Schaft.

Der Auftritt des “Bagnolo” gelingt. Den meisten Applaus ernten der sehr sauber gefügte Rahmen und das eigenständige Design. Auch die technischen Werte sind für einen Stahlrenner dieser Bauart in Ordnung. Zur Virtuosität des Namens gebers fehlen lediglich ein besser haltbarer Lack und die Perfektion im Detail wie etwa ein spanfrei ausgeriebenes Sattelrohr. Dann würde das “Bagnolo” sicher auch Antonio Pasculli zu neuen, virtuosen OboenSoli inspirieren.

Plus: eigenständiges Design; nur sechs Wochen Lieferzeit; für Stahlrahmen hohe Fahrsicherheit

Minus: handwerklich kleine Schwächen

Preis Rahmen-Set/Komplettrad: 1.500/4.250 Euro

Bezug/Info: Pasculli, Telefon: 030/85401289, www.pasculli.de Rahmengrößen: Maßrahmen

Sitz-/Lenkwinkel: 73/73,5°

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 530/560/151 mm plus 18 mm Steuersatzkappe

Radstand/Nachlauf: 980/52 mm

TOUR-Rahmenhöhe/STR*: 583 mm/1,54

AUSSTATTUNG

Gabel: Pasculli, Stahl

Lenklager: Chris King

Bremsen, Schaltung, Tretlager: SRAM Force (53/39 Z.)

Laufräder/Reifen: Citec 3000 S Aero Carbon/Continental GP 4000 S

Lenker/Vorbau: Deda Newton/Deda Zero 100

Sattel/-stütze: Fizik Antares/Deda Zero 100

*projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/STR (Stack to Reach); Werte zwischen 1,45 und 1,55 bezeichnen eine ausgewogene Sitzposition, Werte darunter sportlich, darüber komfortabel; **bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ***in die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können. Die Ausstattung geht bei Kompletträdern mit 60 Prozent in die Endnote ein.