Einzeltest: Dbikes Disc RaceFoto: Markus Greber

AktuellesEinzeltest: Dbikes Disc Race

Unbekannt

 11/10/2010, Lesezeit: 5 Minuten

Scheibenbremsen sind am Mountainbike längst Standard, während am Rennrad immer noch die traditionelle Felgenbremse dominiert. Der schweizerische Anbieter DBikes wagt mit seinem Rennradmodell ”Disc Race” einen neuen Vorstoß.

Dietmar Putzas ist begeisterter Rennradfahrer – aber in einem Punkt ließen ihm die aktuellen Mountainbikes keine Ruhe: “Diese tollen Scheibenbremsen wie am Mountainbike”, sagte sich Putzas, “die will ich auch am Rennrad.” Und zwar an einem zeitgemäßen, leichten Carbonrenner mit leichten Carbonlaufrädern. Sieben Kilo Gesamtgewicht, so dachte sich der gebürtige Schwabe und Wahl-Schweizer, müssten doch zu unterbieten sein für mehr Spaß am Bremsen.

  Vorne misst die „R1“-Scheibe von Formula 160 Millimeter im DurchmesserFoto: Markus Greber
Vorne misst die „R1“-Scheibe von Formula 160 Millimeter im Durchmesser

Mit seiner Idee vom leichten Carbonrenner mit Scheibenbremse stößt Putzas – jedenfalls derzeit noch – in eine Marktnische vor. Komponentenriesen wie SRAM oder Shimano bieten hydraulische Scheibenbremsen nur für Mountainbikes an. Hardtail-Carbonrahmen wie Meridas “O.Nine” oder Scotts “Scale”, die inklusive Befestigungssockel für die Bremsen weniger als 1.000 Gramm wiegen, zeigen, dass die Technik an leichten Carbonrahmen funktioniert. Bisher bietet aber kein Großserien-Hersteller Rennradrahmen mit dieser Technik an – und daher treiben auch die Komponentenhersteller die Entwicklung passender Brems- und Schalthebel nicht wirklich voran. Dass die UCI jüngst Scheibenbremsen im Cross-Sport erlaubt hat, mag endlich Bewegung in den Markt bringen – aber sicher nicht von heute auf morgen.

Dietmar Putzas ließ sich von solchen Widrigkeiten nicht beirren. Der promovierte Chemiker und Quereinsteiger ins Radbusiness suchte auf der Eurobike 2009 nach einem Carbon-Rahmenbauer, der exklusiv für ihn einen leichten Rahmen plus Gabel mit Scheibenbrems-Aufnahme fertigen sollte. Abgelehnt von den Großen der Branche, wurde er schließlich fündig bei der Firma Conbow, an einem Ministand in einer Hallenecke, zwischen Anbietern bonbonfarbener Klingeln und Zahnkränze. Das taiwanische Unternehmen stellt eigentlich Tennisschläger her. Das Gespräch verlief freundlich, die Taiwaner waren bereit, weniger als 50 Rahmen zu bauen, in die Schweiz nach Zofingen zu liefern, und Carbonfelgen für Laufräder gleich dazu.

  Per Bremszug werden die hydraulischen Bremshebel betätigt.Foto: Markus Greber
Per Bremszug werden die hydraulischen Bremshebel betätigt.

Das Projekt “Disc Race”, wie das fertige Rennrad nun heißt, konnte also beginnen. Als Basis für seine Hydraulik- Bremsanlage wählte Putzas die “R1” von Formula, eine leichte Bremse mit für Mountainbikes eher kleinen Scheibendurchmessern von 140 und 160 Millimetern. Für deren Betätigung mit mechanischen Bremshebeln erfand Putzas eine simple Konverter-Lösung, bei der die üblichen Schaltbremshebel durch zusätzliche hydraulische Bremshebel am Oberlenker ergänzt werden. Die werden entweder direkt oder vom Seilzug der Schaltbremsgriffe betätigt. Das Prinzip hat den Vorteil, dass es mit allen am Markt befindlichen Bremshebeln funktioniert.

Ebenfalls ein Eigenbau von Putzas sind die leichten Carbonlaufräder. Die Naben stammen von Tune und heißen “King Kong”. An unserem Testrad übertragen je 28 Speichen die Bremskräfte von der Nabe auf die 50 Millimeter hohen “Conbow”-Schlauchreifen-Felgen. Komplettiert wird das Disc Race mit einem bunten aber erlesenen Komponenten- Mix von Fulcrum, SRAM und Shimano. Sattel, Sattelstütze und Vorbau stammen von Procraft, der Lenker von Ritchey. Komplett bringt das Rad exakt 6,95 Kilo auf die Waage – und Putzas hat seinen Traum vom sehr leichten Rennrad inklusive Scheibenbremsen wahr gemacht.

Auf unserer Standard-Teststrecke, gespickt mit steilen Abfahrten und engen Kurven, schlägt sich das Disc Race ausgezeichnet. Besonders die Fahrt im Regen beschert ein Aha-Erlebnis: Die Bremsbeläge greifen nach einer Radumdrehung kraftvoll zu und verzögern berechenbar. Die Dosierbarkeit ist gut, plötzliches Blockieren der Räder, wie es mit Felgenbremsen auf Carbon schnell passiert, kein Thema. Auf trockenem Untergrund wird der Vorteil nicht mehr ganz so deutlich; mehr als 6 m/s2 Bremsleistung schaffen aufgrund der ungünstigen Schwerpunktlage beim Rennrad nur sehr versierte Fahrer – das gelingt auch mit einer guten Felgenbremse auf trockener und zum Bremsbelag passender Alu-Felge. Dennoch: Die Bedienkräfte sind etwas geringer, die Dosierbarkeit überzeugt – nicht nur auf langen Passabfahrten durchaus ein Vorteil.

Die Fahrsicherheit des Rahmen-Sets ist hoch, speziell die Gabel ist seitlich und vor allem in Bremsrichtung enorm steif. Eine geringe Neigung zum Bremsstottern bei Vollbremsungen bleibt aber bemerkbar. Im Gegenzug ist die Gabel allerdings spürbar unkomfortabel. Mehr als das nerven jedoch die klimpernden Speichen der seitenweichen Laufräder und schleifende Bremsbeläge im Wiegetritt. Verstärkt wird der Effekt durch die filigranen Heylight-Titan-Schnellspanner, deren Anpresskraft nicht ausreicht, die Laufräder abolut fest in den Ausfallenden zu fixieren. Die Folge ist, dass sich die Laufräder um wenige Zehntelmillimeter bewegen – das reicht, damit die Bremsbeläge an den Scheiben schleifen. Mit einem Schnellspanner mit Stahlachse konnten wir das Problem mindern, die Zukunft gehört hier, ähnlich wie beim Mountainbike, sicherlich einem System mit Steckachse.

Fazit: Dietmar Putzas’ Mut sollte belohnt werden. Mit dem Disc Race beweist er, dass Scheibenbremsen dem Rennrad-Leichtbau nicht im Wege stehen und gegenüber Felgenbremsen deutlich besser bremsen – ein Sicherheitsplus bei schnellen Bergabfahrten und auf regennasser Fahrbahn; und mit Scheibenbremsen bekommen endlich auch Carbonfelgen ihre uneingeschränkte Daseinsberechtigung. Wenn es gelingt, Kinderkrankheiten abzustellen und die Bremsscheiben in steifere Laufräder zu integrieren, könnte man wie Putzas uneingeschränkt sagen: “Ich bremse manchmal einfach, weil es Spaß macht!”

Preis Rahmen-Set/Komplettrad: 1.499/5.999 Euro

Bezug/Info: DBikes, Tel. 0041/62/7515408, www.dbikes.ch

Rahmengrößen*: 50 bis 58 cm, je 2 cm; 56

Sitz-/Lenkwinkel: 73,5/73,5 °

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 525/560/149 mm plus 8 mm Steuersatzkappe

Radstand/Nachlauf: 980/54 mm

Stack/Reach/STR **: 560 mm/390 mm/1,44

AUSSTATTUNG

Gabel: Conbow RFR 15-B

Lenklager: FSA ZS 3

Bremsen: Formula R1

Schaltung: SRAM-Campagnolo-Shimano-Mix

Tretlager: Fulcrum Racing RRS

Laufräder/Reifen: Conbow- Tune/Continental GP 4000 Tubular

Lenker/Vorbau: Ritchey/ Procraft

Sattel/-stütze: Procraft PRC/Procraft

MESSWERTE & EINZELNOTEN

Gewicht Komplettrad: 6,9 Kilo (ohne Pedale)

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager: 1.098/478/71 g

Normiertes Gewicht Rahmen-Set***: 1.675 g – 2,7 Lenkkopfsteifigkeit: 100 Nm/° – 1,0

Seitensteifigkeit Gabel: 60 N/mm – 1,0

Tretlagersteifigkeit: 61 N/mm – 1,0

Komfort Rahmen: 276 N/mm – 2,3

Komfort Gabel: 115 N/mm – 5,0

*Herstellerangabe; getestete Rahmengröße gefettet; **Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach); Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel; ***bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ****In die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können. Die Ausstattung geht bei Kompletträdern mit 60 Prozent in die Endnote ein.