AktuellesEinzeltest: Casati Hinox T99

Unbekannt

 · 05.07.2011

Einzeltest: Casati Hinox T99Foto: Daniel Kraus

Rennräder mit Edelstahlrahmen wirken wie für die Ewigkeit gemacht. Das Hinox T99 der italienischen Rahmenbauschmiede Casati ist so ein treuer Lebensgefährte alter Schule.

Die Geschichte der Firma Casati ist typisch für italienische Rahmenbauer. Firmengründer Pietro Casati war Radrennfahrer und errang 1921 mit 30 Jahren den Titel des lombardischen Meisters. Im gleichen Jahr noch gründete er seine eigene kleine Radmanufaktur, weshalb das Familienunternehmen mit Sitz in Monza, unweit der berühmten Autorennstrecke, in diesem Jahr sein neunzigjähriges Bestehen feiern kann. Inzwischen führen die Enkel Massimo und Luca die Familientradition weiter und bauen zusammen mit sechs weiteren Mitarbeitern exklusive Rennrad-Rahmen. Pietro Casati wäre heute sicher stolz auf sein Werk. Der Name Casati hat unter den italienischen Rahmenbauern vielleicht nicht den Klang wie Colnago, Pinarello oder Bianchi. Dafür schätzen es die Kunden, dass bis heute nur handgefertigte Rahmen die kleine Schmiede in der Via Prampolini 7 verlassen. Rahmen aus Aluminium, Carbon und klassische Stahlrahmen – viele als Maßrahmen und individuell lackiert.

Schlank und edel

  Klassisch aufgelötete Zuganschläge zeigen Liebe zum DetailFoto: Daniel Kraus
Klassisch aufgelötete Zuganschläge zeigen Liebe zum Detail

Das Hinox T99 ist muffenlos gelötet („fillet brazed“) aus nahtlos gezogenen Edelstahlrohren des Typs XCr von Columbus, die sich in der Mitte des Oberrohrs bis auf hauchzarte 0,4 Millimeter verdünnen. Der Namenszusatz T99 bezeichnet das Silberlot, mit dem der Rahmen bei materialschonenden 750 Grad Celsius gefügt wird. Nach dieser Methode lötet die Casati-Mannschaft all ihre Stahlrenner.

Der Auftritt des Hinox T99 mit runden, schlanken Rohren ist klassisch und schnörkellos, die Teillackierung lässt dem Edelstahl ausreichend Gelegenheit, betörend in der Sonne zu blitzen. Die Lötstellen an den Rohrknoten sind sehr sauber ausgeführt und geradezu dezent im Vergleich zu den groben Schweißnähten, wie man sie an vielen Alu-Rahmen findet. Die klassischen Zuganschläge am Unterrohr lassen die Herzen der Fans traditioneller Stahlrahmen höher schlagen. Typische Casati-Merkmale, wie die ins Sitzrohr integrierte Stützenklemmung oder innenverlegte Züge wie beim Modell Laser sind – leider nur gegen Aufpreis – auch für das Hinox T99 erhältlich. Eine individuelle Lackwahl ist kein Problem, die Casatis erfüllen jeden Farbwunsch. Im Steuerrohr dreht sich eine 360 Gramm leichte Carbongabel in einem klassischen, eingepressten Steuersatz. In dieser Zusammenstellung bringt die Edelstahl-Carbon-Fusion 2.200 Gramm auf die Waage, was für ein Rahmen-Set dieser Bauart ein akzeptabler Wert ist.

  Saubere Verarbeitung und dezente Rohrübergänge zeugen von italienischer HandwerkskunstFoto: Daniel Kraus
Saubere Verarbeitung und dezente Rohrübergänge zeugen von italienischer Handwerkskunst

Schlank und steif

Auf der Straße überzeugt der Edel-Italiener mit neutralem Lenkverhalten, die Sitzposition ist sportlich bis rennmäßig. Rasante, kurvenreiche Abfahrten meistert der schwarz-silberne Renner aufgrund seiner für Stahlrahmen sehr hohen Lenkkopfsteifigkeit (85 Nm pro Grad) problemlos. Die Seitensteifigkeit der Gabel bleibt dahinter etwas zurück, schwere und große Piloten mögen bei Top-Speed das letzte Quäntchen Lenkpräzision vermissen. Der Komfort an Sattel und Lenker ist passabel – eben so, wie man es von einem klassischen Stahlrahmen erwarten kann; ausgefeilte Carbonrahmen können in dieser Disziplin inzwischen deutlich mehr.

Die Ausstattung unseres Testrades stammt – bis auf die Vredestein-Reifen aus den Niederlanden – ausschließlich von italienischen Herstellern. Antriebsstrang und Laufräder liefert Campagnolo, die übrigen Komponenten wie Vorbau, Lenker und Sattelstütze stammen von Deda Elementi, der Sattel von Selle Italia. Die Teile bilden ein harmonisches, gut funktionierendes Ganzes, nur das leichte Bremsrubbeln der Beläge auf der Eurus-Felge störte den Fahreindruck etwas.

Die schlanke Silhouette des Edelstahlrenners ist ein Schmankerl für Fans klassischer Rahmenbaukunst, denen aktuelle Rennräder aus Carbon oder Alu zu klobig sind, und denen es nicht auf das letzte Gramm ankommt. Der Preis von 5.450 Euro (für das Rahmen-Set 2.900 Euro) ist kein Schnäppchen – aber in eine Beziehung, die ein Leben lang halten soll, muss man eben etwas mehr investieren ...

Preis Komplettrad 5.450 Euro
Gewicht 7,5 Kilo

Rahmengrößen** 50 bis 61; je 1 cm, 55; Sloping: 45, 47, 51, 54; Maßrahmen
Sitz-/Lenkwinkel 74°/73°
Sitz-/Ober-/Steuerrohr 590/560/171 mm (klass. Steuersatz)
Radstand/Nachlauf 990/55 mm
Stack/Reach/STR*** 567/399 mm/1,42

AUSSTATTUNG
Gabel Casati Carbon, 1-1/8 Zoll
Lenklager FSA, klassisch
Schaltung/Bremsen/Kurbel Campagnolo Chorus (50/34 Z., BSA)
Laufräder Campagnolo Eurus Reifen Vredestein Fortezza UltraLite
Lenker/Vorbau Deda Zero 100
Sattel/-stütze Selle Italia SLR Carbonio/ Deda Zero 100

MESSWERTE & EINZELNOTEN*
Gewicht Komplettrad 7,5 Kilo (ohne Pedale)
Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager 1.720/368/113 g
Normiertes Gewicht Rahmen-Set**** 2.220 g – 4 , 3
Lenkkopfsteifigkeit 85 Nm/° – 2 , 3
Seitensteifigkeit Gabel 35 N/mm – 4 , 0
Tretlagersteifigkeit 50 N/mm – 2 , 7
Komfort Rahmen 315 N/mm – 2 , 7
Komfort Gabel 77 N/mm – 2 , 7

Foto: Jeanette Kühn
Foto: Jeanette Kühn

* In die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken.
** Getestete Rahmengröße gefettet.
*** Stack/Reach: projiziertes senkrechtes/waagerechtes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerkappe; STR (Stack to Reach): Werte zwischen 1,45 und 1,55 bedeuten eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel.
**** Bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 cm und Gabelschaftlänge 225 mm.