EinzeltestArgon 18 Gallium Pro

Unbekannt

 · 15.04.2010

Einzeltest: Argon 18 Gallium ProFoto: Matthias Borchers

Die Rennrad-Marke Argon 18 aus Kanada ist hierzulande fast unbekannt, ebenso wie der Gründer der Marke, Gervais Rioux. Vielleicht ändert sich das bald mit dem neuen Top-Carbon-renner ”Gallium Pro”.

Gervais Rioux war in den 1980er-Jahren ein erfolgreicher Radprofi in Kanada. In seinem Palmares stehen 150 Profisiege, bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul vertrat er sein Heimatland Kanada im Straßen-Rennen, einmal konnte er die Luxemburg-Rundfahrt gewinnen. Nach seinem Karriereende 1990 kaufte sich Rioux einen Fahrradladen in Montreal und gründete, wie manch anderer Radrennfahrer auch, seine eigene Rennradmarke – jedoch nicht unter seinem eigenem Namen. Der Kanadier wählte als Firmennamen Argon 18, nach dem Edelgas Argon, dem 18. Element im Periodensystem der Elemente.

In den Anfängen der jungen Radmarke konzentrierte der Kanadier sich auf den Bau puristischer Stahl-Rennmaschinen aus Columbus-Rohren, wobei Rioux sich zunächst aufs Design konzentierte. Das Schweißen und Lackieren besorgten ausgesuchte Handwerker. Neben Alu-Rahmen gestaltet Rioux seit 2001 auch Carbonrahmen und -gabeln, hauptsächlich für die nordamerikanische Triathlon-Szene.

Der Straßenrenner “Gallium Pro” markiert derzeit die höchste Entwicklungsstufe im Portfolio der Marke. Markant an dem Rahmen-Set in weißschwarz-roter Lackierung ist vor allem das extrem querovalisierte Oberrohr, das beidseitig ums Sitzrohr herumführt und fließend in die geteilten, nach hinten gebogenen Sitzstreben übergeht. Eine smarte Idee am “Gallium Pro” ist das sogenannte “3D-Headtube”. Dabei handelt es sich um ein Steuerrohr mit einem im oberen Bereich integrierten Alu-Gewinde. Per Alu-Einschraubhülse mit einer Gewindelänge von 30 Millimetern lässt sich das Steuerrohr mittels Spacer um 10 oder 20 Millimeter nach oben schrauben. Je nach Wunsch kann man also das Cockpit auf dem niedrigen Standardniveau belassen und erreicht somit eine sportliche Sitzpostion; in Komfortstellung dagegen sitzt man etwas entspannter, da der Lenker insgesamt angehoben wird. Diese Idee des flexiblen Steuerrohrs macht aufgetürmte Zwischenringe weitgehend überflüssig, und weil das Steuerlager bei der Verlängerung mit nach oben wandert, vergrößert sich der Lagerabstand am Gabelschaft, wodurch auftretende Biegekräfte besser abgestützt werden.

Eigene Wege beschreitet Rioux auch bei der Sattelstütze des “Gallium Pro”. Mit der Sattelklemmung lassen sich Neigung und Längsposition unabhängig voneinander einstellen – eine technisch gute Lösung, der optisch jedoch noch der Feinschliff fehlt. Unpraktisch hingegen ist die Idee von Lenker- und Vorbau-Hersteller Oval, die Vorbaugewinde zur Lenkerbefestigung in die vordere Klemmplatte zu integrieren. Dadurch wird die Montage und Einstellung unnötig umständlich. Mit einem gekröpften Innensechskant erreicht man die Schrauben noch, mit einer Standardnuss am Drehmomentschlüssel jedoch nicht.

Fürs Schalten und Bremsen ist Shimanos Top-Gruppe “Dura-Ace” montiert, im Tretlager arbeitet eine “SLK-Pro”-Kurbel von FSA, gelagert in einem “Mega Exo”-Innenlager. Hinter dem Kürzel “F2R-130” verbirgt sich ein Carbonlaufradsatz holländischer Herkunft von Fast Foward: Er besteht aus einem extrem niedrigen Felgenprofil, zarten “190er Ceramic”-Naben, zusammen gehalten von wenigen zierlichen “Aerolite”- Messerspeichen, beides von DT-Swiss. Die Pneus: Vittorias “Corsa Evo CX” in 21 Millimetern Breite. Erster Eindruck auf der Testrunde am Gardasee: Es macht einfach Spaß, ein leichtes Rad bergauf zu fahren. Lediglich 6,4 Kilo wiegt der Renner in Racing-Optik, willig folgt er jedem Tritt, schießt im Wiegetritt geradezu unter dem Piloten aufwärts. Der extreme Leichtbau der Laufräder macht sich jedoch durch wechselseitig an der Hinterradfelge schleifende Bremsbeläge bemerkbar. In Zahlen ausgedrückt: Das Hinterrad erzielt eine Seitensteifigkeit von lediglich 29 Newton pro Millimeter, das Vorderrad immerhin 42. Für trittstarke und schwergewichtige Athleten ist das aber zu wenig.

Geringe Steifigkeitswerte sind auch an anderer Stelle Kennzeichen des Renners. Auf schnellen, kurvenreichen Abfahrten mischt sich immer wieder ein etwas indirektes Gefühl in das ansonsten sehr agile Lenkverhalten, teilweise überlagert von Bremsstottern. Auf dem Prüfstand erzielt der mit 1.100 Gramm nicht außergewöhnlich leichte Rahmen lediglich 67 Newtonmeter pro Grad. Das ist insgesamt wenig (flattersicher können im allgemeinen Rahmen mit 80 Nm/Grad und mehr gelten) und im Vergleich zu anderen Carbonrahmen, die mit 200 Gramm weniger Gewicht sichere 80 bis 90 Newtonmeter pro Grad schaffen, deutlich unter Standard. Auch die seitensteife Gabel war dann doch nicht stark genug, das Fahrgefühl zu verbessern. Für das Bremsstottern sind die nicht exakt planparallelen Bremsflanken am Vorderrad von Fast Forward verantwortlich: Deren Breite schwankt über den Umfang um drei Zehntel Millimeter. Gut ist die einfache Verstellung der Sitzposition. Montage und Demontage von Gewindehülse und Spacern gelingen per mitgeliefertem Spezialschlüssel schnell und sicher, die Idee des “3D-Headtube” funktioniert.

Das “Gallium Pro” gefällt mit durchdachten und schönen Details, vor allem zur schnellen und einfachen Anpassung der Sitzposition. Die Lenkkopfsteifigkeit des Carbon-Kanadiers ist allerdings weder zeitgemäß noch dem Werkstoff angemessen. Zum Preis von 2.100 Euro bietet der Markt wesentlich leichtere und fahrstabilere Rahmen-Sets. Aufgrund der unpräzise gefertigten Laufräder muss sich der Renner zusätzliche Kritik gefallen lassen. Tipp: Ein steifer Hochprofil-Laufradsatz mit Alu-Bremsflanke verbessert die Fahreigenschaften des “Gallium Pro” deutlich.

Preis Rahmen-Set/Komplettrad: 2.100/6.350 Euro

Bezug/Info: Advanced Bicycle Group, Telefon: 08381/80723-23; www.argon18bike.com

Rahmengrößen*: XXS, XS, S, M, L, XL

Sitz-/Lenkwinkel: 73,5/73°

Sitz-/Ober-/Steuerrohr: 520/555/186 mm

Radstand/Nachlauf: 985/59 mm

TOUR-Rahmenhöhe/STR**: 600 mm/1,53

AUSSTATTUNG:

Gabel: Argon 18 GA 31; Lenklager: FSA 1-1/4; Bremsen: Shimano Dura-Ace; Schaltung: Shimano Dura-Ace; Tretlager: FSA SL-K Pro/Mega Exo; Laufräder/Reifen: FFWD F2R/Vittoria Corsa Evo CX, 21 mm; Lenker/Vorbau: Oval R900/R900; Sattel/-stütze: Fizik Pavé Sport CX/Argon 18 ASP 6500

MESSWERTE & EINZELNOTEN

Gewicht Komplettrad: 6,4 Kilo (ohne Pedale)

Gewicht Rahmen/Gabel/Steuerlager: 1.097/388/85 g

Normiertes Gewicht Rahmen-Set***: 1.602 g – 2,7 Lenkkopfsteifigkeit: 67 Nm/° – 4,0

Seitensteifigkeit Gabel: 45 N/mm – 2,3

Tretlagersteifigkeit: 45 N/mm – 3,7

Komfort Rahmen: 253 N/mm – 2,0

Komfort Gabel: 86 N/mm – 3,7

*Herstellerangaben, Testrad-Rahmengröße gefettet; **projiziertes Maß von Mitte Tretlager bis Oberkante Steuerrohr/STR (Stack to Reach) – Erklärung im Beiheft “Radtest Spezial” in dieser Ausgabe; Werte zwischen 1,45 und 1,55 bezeichnen eine sportliche Sitzposition, Werte darunter rennmäßig, darüber komfortabel; ***bereinigtes Gewicht für Rahmengröße 57 und Gabelschaftlänge 225 mm; ****in die Note fließen weitere Einzelnoten ein, die wir aus Platzgründen nicht abdrucken können. Die Ausstattung geht bei Kompletträdern mit 60 Prozent in die Endnote ein.

  Vorm Sitzrohr teilt sich das Oberrohr und mündet in die Sitzstreben. Schön: die Sattelschelle aus poliertem Alu
Vorm Sitzrohr teilt sich das Oberrohr und mündet in die Sitzstreben. Schön: die Sattelschelle aus poliertem Alu
  Schlecht erreichbar sind die Schrauben für die Lenkerklemmung am Vorbau. Gut funktioniert die Idee mit dem per Gewindehülse verstellbaren Steuerrohr
Schlecht erreichbar sind die Schrauben für die Lenkerklemmung am Vorbau. Gut funktioniert die Idee mit dem per Gewindehülse verstellbaren Steuerrohr