Jan Timmermann
· 26.06.2026
Seit Jahren erlebt die Eurobike einen Rückgang sportlicher Marken, der Trend setzt sich auch 2026 fort. Andere Messeformate passen Herstellern wie Specialized, Trek oder Scott besser; die Profi-Ausstatter nutzen ohnehin die in wenigen Tagen beginnende Tour de France als Schaufenster für neue Produkte. Von den Etablierten hält einzig Canyon an der Eurobike fest. Ansonsten nutzen kleinere Anbieter den Platz, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Zwischen E-MTB, Lastenrädern und Kinderanhängern suchte unser Messeteam nach Nachrichten mit Rennlenker, und fand immerhin manch interessantes Stück.
Über den Prototypen des neuen Gravelbikes von Canyon wurde bereits beim Gravelrennen Traka 2026 spekuliert. Auf der Eurobike war genau dieses Bike nun am Canyon-Stand ausgestellt. Bei dem bislang unveröffentlichten Race-Gravelbike handelt es sich um ein neu entwickeltes Canyon Grail CFR. Den Informationen am Messestand zufolge soll der Prototyp die aerodynamischen Erkenntnisse des World-Tour-Teams aufgreifen. Auffällig sind die großen Rohrdurchmesser sowie die Reifenfreiheit für 29 x 2,1 Zoll breite Schwalbe-Gravelreifen – trotz des aerodynamisch geformten Sitzrohrs. Das ausgestellte Modell ist das Racebike des Deutschen Juri Hollmann. Gewicht und Preis hält Canyon bisher noch geheim.
Ebenfalls am Canyon-Stand: Das Aeroad CFR, das am Donnerstag offiziell präsentiert wurde. Zwar erfährt das Race-Flaggschiff nur Veränderungen m Detail: Neuer Race-Lenker, UDH-Schaltauge, eine Ausstattungsvariante namens LTD ist mit Einfach-Antrieb und Aero-Reifen auf maximalen Speed getrimmt. Beworben wird die Rakete mit unserem Windkanaltest, bei dem es unter die 200-Watt-Marke kam. Wir konnten das Gerät auch schon fahren, zum Test geht’s hier:
Mit dem Predict stellt Canyon ein Konzept vor, das Sicherheitstechnologie aus der Autoindustrie auf den Radsport überträgt, ohne das Fahrgefühl eines High-End-Rennrads zu beeinträchtigen. Das System soll die fehlenden Sicherheitsgewinne für Radfahrer adressieren, da Todes- und Verletzungszahlen in vielen Ländern weiter steigen und sich viele Menschen daher unsicher fühlen.
Technisch setzt das Predict Bike auf multimodale 360°-Sensorik mit Kamera, Radar und einem mehrdimensionalen Bewegungssensor in der Radnabe von DT Swiss. Die KI-basierte On-Device-Verarbeitung analysiert Umgebung und Fahrdaten in Echtzeit, erkennt Gefahren, reduziert tote Winkel und funktioniert dabei auch ohne Internetverbindung datenschutzfreundlich.
Ein Display im Lenker und ein optionaler AR-Helm sollen frühzeitig vor Verkehr, Gruppendynamik und kritischem Terrain warnen – inklusive prädiktiver Risiko-Einschätzung und möglicher Eingriffe wie dem automatischen Absenken der Sattelstütze. Ob die Technologie den Sprung vom Konzept in ein serienreifes, alltagstaugliches System schafft, bleibt allerdings offen.
Passend dazu präsentiert Canyon einen vernetzten Helm mit integriertem Display, Sprachsteuerung und Audioausgabe. Er soll nicht nur Schutz bieten, sondern auch als Schnittstelle zum intelligenten Sicherheitssystem dienen. Laut Canyon kann der Helm zudem Daten anderer kompatibler Systeme verarbeiten, etwa von Leistungs- oder Herzfrequenzsensoren. Damit positioniert der Hersteller ihn sowohl als Trainingsgerät als auch als Bestandteil eines umfassenden Sicherheits-Ökosystems für Radfahrende.
Viel Informationen gibt es noch nicht, aber eine Markteinführung dürfte angesichts der ausgereiften Optik kurz bevorstehen: Ridley zeigte auf der Messe ein neues Gravelbike mit aerodynamisch geformtem Rahmen. Mit dem Kanzo Fast begründete Ridley vor einigen Jahren diesen Trend mit, inzwischen wirkt das Modell vor allem wegen seiner schmalen zulässigen Reifenbreite etwas aus der Zeit gefallen. Das neue Bike folgt dem aktuellen Trend zu deutlich breiteren Reifen, hier ist es mit 55 Millimeter breiten Schwalbe-Pellen bestückt. Auch ein Staufach ist im Unterrohr integriert. Aufgebaut ist das Rad mit einer SRAM Force 1x13-Schaltung, ein Umwerfer ist offenbar trotzdem noch vorgesehen. Wann’s das gibt und was es kostet: Bisher noch unbekannt.
TOOT ist Spezialist für Aero-optimierte Bahnrad-Racer. Das Entwicklungsbüro am Gardasee setzt aber auch hochspannende Custom-Projekte, wie dieses Titan-Rennrad namens Eris um. Dabei wird das Bike vollständig um die individuellen Bedürfnisse des Fahrers herum entwickelt. Die Ergonomie von Kunde Stefan zeichnete sich durch einen langen Oberkörper aus. Ziel war es ein Titan-Bike zu bauen, das sowohl bei hohen Geschwindigkeiten als auch bei langen Touren Freude bereitet. 3D-gedruckte Teile ermöglichen die präzise Optimierung der Wandstärken. Dabei wird Titanpulver punktgenau per Laser verschmolzen. Kostenpunkt für Stefans TOOT Eris: rund 9000 Euro. Lediglich 60 bis 70 TOOT Bikes werden jährlich produziert.
Rohloff kehrt mit der E14 Solo zurück zu den eigenen Stärken. Die Nabenschaltung wird zwar elektronisch gesteuert, verzichtet jedoch vollständig auf App-Anbindung, Cloud-Daten und Anmelde-Zwang. Stattdessen steht die wartungsarme Getriebe-Schaltfunktion im Mittelpunkt. Gangwechsel sollen auch im Stand blitzschnell von der Hand gehen und können sowohl über Flatbar-Trigger als auch über Rennlenker-Schalthebel kontrolliert werden. Gespeist wird das System aus einer länglichen Batterie, welche entweder intern oder extern am Rahmen montiert werden kann. Beim Messe-Bike handelt es sich um ein superleichtes Bike Ahead The Superfast Gravelbike aus Carbon. Typisch Rohloff lassen sich die E14 Solo Einzel-Komponenten an allen jemals produzierten Speedhub Naben nachrüsten. Für die E14 Solo gewann Rohloff gleich mal einen Eurobike-Award in Gold.
Sieht nicht aus, wie ein E-Bike, ist aber eines: Das Leichtbau-Rennrad Origine Newton(e) baut auf einen Mahle X20 Nabenmotor. Bis zu 65 Newtonmeter und 275 Watt liefert der Mini-Antrieb. Das komplette Antriebssystem wiegt nur 1,4 Kilo und ermöglicht dem E-Rennrad ein Traumgewicht von 9,83 Kilo. Das soll dem Bike ein natürliches Fahrverhalten und authentisches Tretgefühl bewahren. Auch andere Rennräder, wie das Ponomarets Eidolon (9,9 kg) oder das Wilier Filante Hybrid (10,3 kg) belegen den Branchentrend zu integrierten Leichtbau-Systemen.
Die Eurobike mag als Messe geschrumpft sein, die verbleibenden Hersteller zeigen jedoch keine Anzeichen von Entschleunigung. Stattdessen spannende neue Bikes und Parts wohin das Auge blickt. Der technische Fortschritt beschränkt sich dabei nicht auf einen Bereich. Ob E-, Gravel- oder Mountainbike, elektronisch, mechanisch oder hydraulisch: Die Eurobike 2026 zeigt, dass Fahrräder noch besser werden können. - Jan Timmermann, BIKE-Redakteur

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