Am 15. April jährt sich zum 90. Mal der Geburtstag von Raymond Poulidor – einem der besten und berühmtesten Radrennfahrer des vergangenen Jahrhunderts und ein Sportidol der Grand Nation.
Auf kaum etwas wartet die Sportnation Frankreich sehnsüchtiger als auf einen neuen französischen Sieger der Tour de France. 41 Jahre ist es jetzt her, seit Bernard Hinault dieses sporthistorische Kulturgut als bislang letzter Franzose für die Grande Nation gewinnen konnte – und er wie alle französischen Tour-Sieger vor ihm werden als Säulenheilige des französischen Radsports verehrt. Die tiefe und sentimentale Zuneigung Frankreichs aber gilt einem anderen Rennfahrer: Raymond Poulidor belegte bei 14 Teilnahmen an der „Grand Boucle“ fünfmal den dritten Platz und dreimal den zweiten Platz, er gewann sieben Etappen, aber nie die Tour und trug niemals das Gelbe Trikot des Führenden. Und dennoch lieben ihn die Franzosen mehr als alle anderen Helden ihrer Radsportgeschichte.
Poulidor, keine Frage, war ein verwegener, mutiger, kraftvoller Rennfahrer, stets auf Sieg programmiert. Er stammte als Sohn einer einfachen Bauernfamilie aus dem Ort Masbaraud-Mérignat im Department Creuse, gelegen im geographischen Zentrum der französischen Republik. Bescheidene Verhältnisse zwangen ihn dazu, mit 14 Jahren die Schule zu verlassen, um im elterlichen Betrieb mitzuarbeiten. Als er 1956 zum Militärdienst einberufen wurde, hatte er das Rennrad bereits für sich entdeckt und nutzte jede Gelegenheit, sich in Amateurrennen zu messen.
Das erkannten früh auch die Talentsucher der Profi-Mannschaften – und es spricht für seine Klasse, dass er als Neuling Ende 1959 gleich einen Vertrag bei der legendären Mannschaft Mercier ergattern konnte. 1961 feierte er einen Einstand nach Maß und gewann mit dem Ungestüm des Jungprofis den Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo. Mit dieser Dynamik ging es weiter, Poulidor wurde Französischer Meister und bei der WM in Bern Dritter.
Die Hoffnungen, die Frankreichs Radsport-Anhänger in den jungen Mann setzten, wuchsen 1962 weiter, als Poulidor bei seiner ersten Tour-de-France-Teilnahme eine Etappe gewann und hinter dem großen Jacques Anquetil Dritter wurde. Es war Anquetils dritter Tour-Sieg – und nun schien sich der Generationswechsel anzubahnen. Doch Jahr für Jahr wiederholte sich nun, was zu Beginn von Poulidors Karriere zu den schönsten Hoffnungen berechtigte und nun seine Fans immer öfter verzweifeln und manche auch ungläubig den Kopf schütteln ließ.
„Poupou“, wie ihn die Franzosen bald nannten, fuhr stark – und konstant. 1964 gewann er die Spanien-Rundfahrt, zweimal das Criterium du Daupiné Libéré (1966 und 1969), zweimal die Fernfahrt Paris-Nizza (1972 und 1973), den Frühjahrsklassiker Flèche Wallone (1963), dazu viele Etappen bei kleineren Rundfahrten und weitere namhafte Rennen. Im Verlauf seiner Karriere nahm er im französischen Nationaltrikot 18-mal an Straßenweltmeisterschaften teil. 17-mal kam er ins Ziel, gewann einmal Silber (1974 in Montreal hinter Eddy Merckx) und dreimal Bronze (1961, 1964 und 1966). 1977 beendete er seine Karriere, nachdem er im Jahr zuvor im Alter von 40 Jahren noch einmal Rang zwei bei der Tour de France belegt hatte.
Verwehrt blieb ihm indes der Sieg bei der Tour. Warum? Ein Mosaikstein im Bild von Poulidors Karriere ist sicherlich auch sein „historisches Pech”, während seiner Laufbahn gleich zwei überragenden Rennfahrern und Rundfahrt-Assen begegnet zu sein. Als er auf dem Weg an die Spitze war, dachte ein Jacques Anquetil noch längst nicht ans Aufhören, sondern gewann seine vierte und seine fünfte Tour. Und als der „Maître" schließlich den Platz räumte, begann die Regentschaft des Eddy Merckx.
Zur Wahrheit gehört indes auch: Die Beispiele sind zahlreich, die Poulidor als Zauderer und Zögerer erscheinen lassen, der sich von taktisch versierteren Gegnern den Schneid abkaufen ließ, obwohl er sie hätte besiegen können. Legendär geworden ist diesbezüglich die Tour des Jahres 1964. Das Drama nimmt seinen Lauf, als sich Poulidor beim Sprint auf der Rennbahn in Monaco um eine Runde verzählt – Anquetil gewinnt und nimmt ihm wertvolle Sekunden Zeitgutschrift weg. Auf der 20. Etappe von Brive auf den Puy de Dome merkt Poulidor nicht, dass Anquetil am Ende seiner Kräfte ist. Er greift seinen Landsmann nicht mit Nachdruck an und verliert am Ende die Tour. Beobachter sind im Nachhinein der Ansicht, dass es besonders jene des Jahres 1964 war, die er mit Leichtigkeit hätte gewinnen können – und müssen.
Raymond Poulidor blieb der Tour de France auch nach seiner aktiven Karriere verbunden. Seine Popularität erhielt neuen Schub, seit er zu Beginn der 2000er-Jahre von einem der Hauptsponsoren der Tour de France, der Bank Credit Lyonnais, als Botschafter engagiert wurde. Im „Village d'Etape" der Tour de France, dem wichtigsten Treffpunkt für Gäste, Sponsoren und Rennfahrer in den Stunden vor dem Start, war Poulidor in seinem leuchtend gelben Polo-Shirt stets von Fans und Kameras umringt und plauderte in freundlicher Gelassenheit mit allen Menschen.
Als Poulidor am 13. November 2019 im Alter von 83 Jahren starb, hatte er die vielversprechenden Anfänge der Radsportkarriere seines Enkels Mathieu van der Poel noch miterleben können. Der Sohn seiner Tochter Corinne und des früheren Radprofis Adrie van der Poel hatte in jenem Jahr seinen ersten Titel als Weltmeister im Cross errungen. Seit 2024 existiert auch ein Denkmal für Raymond Poulidor. Es steht an der Strecke zum Pla d’Adet – Poulidor war der erste Sieger an dieser Bergankunft, die 1974 erstmals befahren wurde.
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