Chaos-Auftakt vor zehn JahrenAls Kittels Stern bei der Tour de France aufging

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 · 30.06.2023

Vor zehn Jahren: Die Tour de France 2013 startet auf Korsika
Foto: Getty Velo
Ein Bus, der im Zielbogen feststeckt, ein verwirrtes Fahrerfeld, ein folgenreicher Massensturz und ein “What-the-fuck-Moment” – Marcel Kittel erinnert sich an seinen turbulenten ersten Etappensieg bei der Tour de France 2013 vor zehn Jahren auf Korsika.

Die Aufmerksamkeit musste sich Marcel Kittel mit einem Bus teilen. Und im Prinzip lag der Bus in der Gunst des allgemeinen Interesses sogar leicht vorne, die Bilder waren schlicht zu absurd: Mit dem Dach war der Mannschaftsbus des Teams Orica-GreenEdge am Stahlbogen oberhalb der Ziellinie hängegeblieben, er steckte fest. Und das keine 20 Minuten vor der Zielankunft der 1. Etappe der Tour de France 2013 in Bastia, einem erwarteten Massensprint. Ein Szenario, das man sich nicht ausdenken kann – und das der Etappe seinen Eintrag in die Tour-Geschichtsbücher einbrachte.

Ein Bild, das man so noch nicht gesehen hat: Der Bus von Orica-GreenEdge steckt unter dem Zielbogen festFoto: Getty VeloEin Bild, das man so noch nicht gesehen hat: Der Bus von Orica-GreenEdge steckt unter dem Zielbogen fest

Es gab allerdings ein weiteres Bild, dass von diesem Tag prägend in Erinnerung blieb: Marcel Kittel, der auf dem Zielstrich beide Fäuste nach vorne reißt und sein pures Glücksgefühl über den Sieg herausschreit. Der Bus war kurz zuvor befreit worden, der Zielbereich gehörte nun Kittel. Der Schlusspunkt einer nervenaufreibenden Auftaktetappe der Tour de France 2013.

Besonderer Auftakt der Tour de France

Für die 100. Jubiläumsausgabe der Tour de France hatten sich die Organisatoren im Vorfeld etwas besonders einfallen lassen: Erstmals gastierte die Frankreich-Rundfahrt auf der Insel Korsika, und den Auftakt bildete eine Flachetappe für die Sprinter – mit der Chance auf das Gelbe Trikot. Inzwischen sind Sprintetappen zum Start der Tour fast Gewohnheit, 2013 war das jedoch etwas Neues.

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Kittel, für Argos-Shimano am Start, galt als Geheimtipp. Seine Saison lief bis dato mit elf Siegen herausragend, aber die Tour ist eben die Tour, eine andere Nummer. “Eigentlich war ich schon einer der Favoriten. Das Problem bei mir war allerdings, dass ich es auf diesem Niveau noch nicht bewiesen hatte – das war aber gleichzeitig die Motivation”, sagt Kittel heute. Im Vorjahr hatte sein Debüt bei der Tour nur fünf Tage gedauert, ehe Magenprobleme ihn zur Aufgabe zwangen. In den Sprintentscheidungen konnte er damals nicht eingreifen, das sollte sich nun ändern, so das Ziel.

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Argos-Shimano ging als Underdog ins Rennen

Im Mittelpunkt für die Etappe standen mit ihren Mannschaften jedoch Mark Cavendish, Andre Greipel und Peter Sagan, für Kittels Team blieb die Rolle des “Underdogs”, die man im Team dankbar annahm. “Das war ein großer Vorteil für uns, da wir im Rennen nicht übermäßig etwas zu beweisen hatten”, so Kittel.

Die Etappe folgte zunächst dem angedachten Drehbuch: Eine fünfköpfige Fluchtgruppe setzte sich ab, bekam ein paar Minuten an Vorsprung zugesprochen und wurde zeitig wieder eingeholt. Das war ebenso vorhersehbar wie ereignislos. Das Renngeschehen änderte sich allerdings mit einer TV-Einblendung zwölf Kilometer vor dem Ziel: ein Bus, ein Zielbogen, ein ungutes Gefühl.

Festgefahrene Situation: Nahaufnahme des verkeilten BussesFoto: Getty VeloFestgefahrene Situation: Nahaufnahme des verkeilten Busses

Warum der Orica-Bus kurz vor der Ankunft über die Zielgerade fuhr, blieb auch im Nachhinein ungeklärt. Der Busfahrer behauptete später, ein Mitarbeiter der Tour-Organisation hätte ihn dazu aufgefordert, die Tour widersprach dem. Keiner wollte Schuld tragen an diesen skurrilen Vorfall. Der Bus steckte jedoch fest, ein Zielsprint somit ausgeschlossen. Zahlreiche Leute, die wichtig wirkten, aber auch keine Lösung hatten, liefen um den Bus herum. Kurz fuhr ein Wagenheber vor, verschwand aber sogleich auch wieder. Der Bus bewegte sich keinen Meter. Chaos und Ratlosigkeit.

Unterschiedliche Informationen im Fahrerfeld

Die Informationslage im heranrasenden Fahrerfeld? “Das war alles dabei. Von: Schon gehört, das Rennen ist neutralisiert. Bis zu: Was für ein Bus? Das Ziel wird verändert? Wir haben eher zur letzten Kategorie gehört”, sagt Kittel. Irgendwann bekam er über Funk die Info seines Sportlichen Leiters Rudi Kemna, die Ziellinie sei am Ziel – wo auch sonst, fragte sich Kittel damals irritierend. “Wir hatten ja keine Ahnung, dass da ein Bus drinsteckt. Das war aber auch gut so, so mussten wir uns nicht damit beschäftigen.” Zwischenzeitlich entschied die Tour-Organisation aus der Not sogar, den Zielstrich an die Drei-Kilometer-Marke zu verlegen, die an einer Einfahrt zu einem Kreisverkehr lag.

Die Unsicherheit steckte im Feld, das spürte auch Kittel. Kurz darauf kam es fünf Kilometer vor dem Ziel zum Massensturz, bei dem unter anderem Tony Martin hart zu Boden ging, aber auch Cavendish und Sagan aufgehalten wurden. Wenige Augenblicke später stand Greipel mit Materialschaden am Straßenrand. “Es hat riesig gescheppert und das halbe Feld war gefühlt weg. Das war total unübersichtlich. Nach so einem Sturz orientiert man sich kurz, wer ist noch dabei, ich habe Cavendish nicht mehr gesehen, keinen mehr von Lotto Belisol – und auf einmal war klar, wir müssen das Rennen jetzt machen”, sagt Kittel. Zeitgleich kam im Ziel jemand auf die rettende Idee, Luft aus den Busreifen zu lassen, wodurch sich das Fahrzeug quasi in letzter Minute rückwärts befreien konnte. Freie Fahrt zum Zielstrich.

Tony Martin sitzt gezeichnet vom Sturz auf der Straße.Foto: Getty VeloTony Martin sitzt gezeichnet vom Sturz auf der Straße.

Vier Teamkollegen von Kittel waren nach dem Massensturz noch in der dezimierten Gruppe vertreten: John Degenkolb, Simon Geschke, Tom Dumoulin und Tom Veelers brachten ihn bis auf die letzten 500 Meter. “Für den Schlusssprint war ich nicht ganz vorne dran, habe mich dann nach links orientiert, da der Rest der Gruppe eher auf der rechten Seite unterwegs war. Ich wusste, da geht gleich eine Tür auf. Ich habe ziemlich lange gewartet, das ging alles automatisch, ich habe da gar nicht viel drüber nachgedacht”, sagt Kittel. Aus dem Windschatten des Lotto-Belisol-Fahrers Greg Henderson zog Kittel über links seinen Sprint an, während zeitgleich rechts Alexander Kristoff lossprinte – letztendlich aber machtlos gegen Kittels Power.

“Surrealer” Moment für Marcel Kittel

“Ich weiß noch, wie ich über den Zielstrich gerollt bin, das war ein What-the-fuck-Moment. Passiert das gerade wirklich? Meine erste Tour-Etappe – und dann auch noch Gelb. Das war alles surreal”, sagt Kittel. Ein Etappensieger bei der Tour de France wird im Anschluss von einem Protokollpunkt zum nächsten geschoben – vor allem nach der Auftaktetappe. Podiumsbesuch für den Etappensieg, für das Gelbe Trikot, das Grüne Trikot und das Weiße Trikot, Pressekonferenz und Dopingkontrolle, das Programm lässt kaum Zeit zum Nachdenken.

Zu begreifen, was er gerade geleistet hat, dazu kam für Kittel erst im Auto mit Teamchef Iwan Spekenbrink zurück zum Hotel. “Da habe ich es kurz realisiert”, sagt Kittel und fügt an: “Im Hotel war es dann ein richtiger schöner Teammoment, das Gelbe Trikot hing dort, wir haben Champagnerflaschen geköpft, es war eine ganz besondere Atmosphäre, die niemanden kalt gelassen hat, das hat man gemerkt.”

Marcel Kittel bekommt erstmals das Gelbe Trikot ausgehändigt.Foto: Getty VeloMarcel Kittel bekommt erstmals das Gelbe Trikot ausgehändigt.

Von der Bus-Blockade hörte er indes erstmals im Ziel. “Da kamen sofort Fragen, ob ich das mitbekommen hätte – und ich konnte nur sagen: keine Ahnung. Wie knapp das alles war, das wussten wir nicht. Im Nachhinein echt skurril”, sagt Kittel heute.

Marcel Kittel: Der richtige Sieger für Christian Prudhomme

Zwar verlor er das Gelbe Trikot bereits auf der hügeligen 2. Etappe, der Auftaktsieg war dennoch der Grundstein für eine erfolgreiche Tour, bei der er drei weitere Etappen gewann – inklusive der Schlussetappe auf der Champs Elysees. Im Nachhinein, so glaubt Kittel, war auch Tour-Chef Christian Prudhomme erfreut darüber, dass mit ihm ein deutscher Fahrer den Auftakt gewann. “Und dann ist das über die Jahre ein Standard geworden, dass oft eine Sprintetappe am Anfang steht. Auch, um den deutschen Radsport ein Stück weit zu pushen. Das hat die Tour schon sehr bewusst gemacht”, sagt Kittel. 2014 gewann er dann in England erneut die flache 1. Etappe und übernahm Gelb.

Der deutsche Radsport nahm in den Folgejahren eine bedeutsame Rolle bei der Tour ein, insbesondere durch die Sprinter Kittel und Greipel sowie Zeitfahrer Martin: Zwischen 2013 und 2017 gab es 26 deutsche Etappensiege. “Das waren goldene Jahre bis 2017 und Deutschland war eine feste Instanz bei der Tour. Ich glaube schon, dass 2013 der Anfang war, um wieder eine Liebe auf Seiten der Fans aufleben zu lassen”, sagt Kittel. Mit 14 Etappensieger ist er heute deutscher Rekordsieger bei der Tour de France.

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