Thomas Huber
· 19.05.2026
Ich befinde mich im Anstieg auf der Wand von Sand: Die Oberschenkel krampfen, ich bleibe stehen. Noch circa 30 Kilometer liegen vor mir. Ich steige vom Rad, dehne mich kurz und ein Zuschauer ruft: „Das sieht nicht gut aus. Du kannst dich gleich vom Besenwagen mitnehmen lassen.“ Die kraftraubende Fahrweise auf meinem Gravelbike, das auf den Abfahrten kaum Tempo machte und in den Anstiegen schwerer arbeitete als die schlanken Rennräder um mich herum, forderte ihren Tribut. Stoppen sollte mich das trotzdem nicht, auch wenn ich mich fühlte wie ein Elefant im Porzellanladen.
Der Reihe nach: Ein Jahr vor dem Rennen überraschte mich ein Freund mit der Frage, ob ich mit ihm gemeinsam bei Rund um Köln 2026 starten möchte. Ich sagte spontan zu und hatte die Devise: wenn, dann richtig. Also meldeten wir uns für das 120 Kilometer lange Jedermannrennen an. Das längste angebotene Rennen für Jedermänner. Bis dato gab es auf dem Fahrrad für mich nur Bikepackingurlaube und Sonntagsausfahrten, kein Rennen war in Sicht.
Anfang des Jahres 2026 tauchte die Idee wieder auf: mein Freund hatte sich ein nagelneues Rennrad gekauft, ich hatte nur ein komfortables Gravelbike. Kurz gesagt, ich würde mehr ackern müssen. Vorbereitung? Eher Pendelstrecken zur Arbeit und ein paar Ausfahrten. Mein Trainingsplan hieß also Hoffnung und gelegentliches Treten. Das Fazit in einem Wort: blauäugig. Aber wer braucht schon die perfekte Vorbereitung, wenn man das Ungewisse liebt?
Ohne konsequente Vorbereitung erwartete mich am 17. Mai bei Rund um Köln 2026 genau diese Fahrt ins Ungewisse. Als ich am Morgen mein Haus in der Kölner Innenstadt verließ, rollten sofort zahlreiche Rennräder an meiner Nase vorbei. Google Maps brauchte ich also nicht, ich ließ mich vom Fahrrad-Strom zum Rheinauhafen treiben. Köln schien an diesem Tag im Radsportfieber zu sein.
Anschließend wurde die Startnummer abgeholt, die Klamotten für Aktivitäten nach dem Rennen ins Schließfach gelegt, das für mich freundlicherweise bereitgestellt wurde. Dann ging es an den Start.
Um 9:50 Uhr ertönte das Startsignal fürs „Velodom 120“. In mir herrschte Aufregung wegen des Ungewissen, aber gleichzeitig auch große Lust, die als Schnappsidee begonnene Herausforderung zu meistern. Schnell fand ich mich in einer großen Gruppe wieder und schien zu fliegen. Die ersten 20 Kilometer im Windschatten einer großen Gruppe liefen vergleichsweise leicht. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 34 km/h auf größtenteils flachem Terrain übertraf ich meine Erwartungen um ein Vielfaches. Doch auch hier hieß es immer wieder: ordentlich in die Pedale treten, um in der Gruppe zu bleiben. Die ersten Körner wurden verbraucht.
Die folgenden 50 Kilometer entwickelten sich im Vergleich zum Start deutlich mehr zu einem Abnutzungskampf. Im Bergischen Land angekommen gab es kaum flache Passagen, es war ein ständiges Auf und Ab.
Zu Beginn des Abschnitts hatte ich noch Spaß an den Anstiegen. Ich konnte zunächst einige Fahrer überholen und hatte keine Probleme, die knackigen, aber nicht allzu langen Anstiege zu meistern und mein Tempo durchzudrücken. Später sollte sich das noch rächen.
Auf den Abfahrten hatte ich dagegen klare Nachteile im Vergleich zu meinen Mitstreitern: Die aufrechte Position des Gravelbikes sowie die breiten Reifen ließen keine allzu hohen Geschwindigkeiten entstehen, sodass ich trotz kräftigen Tretens im Vergleich zu den Rennradfahrern an Boden verlor. Auf meinem Gravelbike war ich unter den grazilen Rennrädern der Elefant im Porzellanladen.
Kurz vor dem höchsten Punkt des Rennens nahe der Ortschaft Wipperfeld machte sich dann meine kraftaufwendige Fahrweise bemerkbar: Meine Oberschenkel machten nach nicht einmal 70 gefahrenen Kilometern erstmals Probleme. Als ich kurz vor der Bergkuppe aus dem Sattel ging, krampfte mein Oberschenkel kurz. Also setzte ich mich wieder hin und fuhr langsam weiter. Von nun an gab es sowieso nur noch zwei ernsthafte Anstiege: Die Wand von Sand und der Anstieg zum Schloss Bensberg. Ich dachte mir: Ab jetzt muss ich fast nur noch ins Ziel rollen. Das wird schon.
10 Kilometer nach der Bergkuppe in Wipperfeld war es dann so weit. Ich musste vom Rad steigen und mich dehnen. Die Krampfandeutungen wurden mehr und mehr zum Problem. Und es waren noch 40 Kilometer zu fahren. Nach kurzer Dehn-Session ging es erstmal für mich weiter. Ich merkte aber, dass meine Muskulatur bei starken Tritten immer wieder kurz vor Krämpfen war.
An der Wand von Sand setzten dann heftigere Krämpfe ein, die mich einige Minuten plagten und ich nicht in den Griff zu bekommen schien. Als das Problem wieder halbwegs unter Kontrolle war, konnte ich das Rennen fortsetzen. Der Haken nur: Der Besenwagen war mir aufgrund des hügeligen Terrains und den Krämpfen mittlerweile dicht auf den Fersen, der die Fahrer bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von unter 25 km/h einsammelte. Noch soeben konnte ich mich die nächste Abfahrt retten – mit gespannter Erwartung, wie meine Beine auf den finalen Anstieg zum Schloss Bensberg reagieren sollten.
Und auch dort setzten Krämpfe ein. Ich ging den finalen Anstieg also zu Fuß zügig hoch und wusste dann: Ab jetzt muss ich mich nur noch 25 Kilometer größtenteils bergab ins Ziel rollen lassen. Anstiege gab es keine mehr. Auch dank der zahlreichen Zuschauer und Volunteers, die uns immer wieder zujubelten und die Anstrengungen für einen Moment vergessen ließen, schleppte ich mich in Richtung Ziellinie. Auf den finalen Kilometern hatte ich weiterhin mit meinen krampfenden Oberschenkeln zu kämpfen. Doch am Ende schaffte ich es: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von genau 25,1 km/h kam ich quasi mit dem Besenwagen ins Ziel.
Es war ein wilder Ritt: Vom Traumstart hin zu den finalen 40 Kilometern, auf denen bei jedem Höhenmeter meine Oberschenkel zu streiken versuchten. Am Ende siegte die Willenskraft. Und eine besondere Erwähnung gilt dem Veranstalter: ein Anstieg mehr im Rennen und wahrscheinlich wäre ich nicht ins Ziel gekommen. Ein perfektes Design, in dem ich exakt an meine Grenze kam.
Doch hier war der Tag für mich noch nicht vorbei. Ein weiteres Highlight wartete auf mich als Profi-Radsport-Liebhaber: Der Zieleinlauf des Profirennens. Überraschender und spannender hätte es kaum sein können. Die drei Ausreißer Laurance Pithie (Red Bull – BORA - hansgrohe), Fred Wight und Aimee De Gent (beide Pinarello Q36.5 Pro Cycling Team) retteten ihren Vorsprung hauchzart vor den Hauptfeld samt der Sprinter ins Ziel. Am Ende gab es einen Heimerfolg des deutschen World-Tour-Teams Red Bull in Person von Pithie.
In Summe waren es zahlreiche Erfahrungen, die ich an diesem Tag sammelte: ein Wechselbad der Gefühle im Rennen sowie den Zieleinlauf des Profirennens in meiner Heimatstadt. Und wer weiß, vielleicht versuche ich es nächstes Jahr mit Plan B: einer ordentlichen Vorbereitung und ein bisschen mehr Oberschenkeltraining, damit ich mit einem lockeren Lächeln statt mit Oberschenkeln am Anschlag ins Ziel fahre.