Sebastian Lindner
· 28.04.2026
Es sind die Quereinsteiger aus dem Wintersport, die zuletzt für positive Schlagzeilen im deutschen Radsport gesorgt haben. Ex-Biathlet Florian Lipowitz hat nach seinem Podiumsplatz bei der Tour de France 2025 auch in diesem Jahr bereits wieder gute Form an den Tag gelegt und die spanischen WorldTour-Rundfahrten in Katalonien und im Baskenland in den Top 3 beendet.
Der jüngste Erfolg stammt nun von einem früheren Eisschnellläufer, der in der vergangenen Saison damit begann, auf sich aufmerksam zu machen. Lennart Jasch aus Prien am Chiemsee hat die Königsetappe der Tour of the Alps gewonnen. Als Solist, verfolgt von einem gierigen Feld, das sich zu großen Teilen in den letzten Zügen der Vorbereitung auf den Giro d`Italia befindet, gewinnt der 25-Jährige nach 168 Kilometern über mehr als 4000 Höhenmeter und legt damit auch den Grundstein für das Bergtrikot, dass er am Tag darauf einheimst und so zusätzlich zu seinem ersten Sieg in einem Profirennen auch ein erstes Wertungstrikot mit nach Hause nimmt.
Dabei steckt Jasch, der für Tudor Pro Cycling aus der Schweiz im Development-Team an den Start geht, erst in seiner dritten Saison als Radsportler überhaupt. Anfang 2024 war er als Eisschnellläufer noch Teil der deutschen Nationalmannschaft. Vater Helge und Mutter Antje arbeiten für die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft (DESG), seine vier Jahre jüngere Schwester Maira war im Februar bei den Olympischen Winterspielen von Mailand-Cortina auf der Bahn.
Und auch Lennart Jasch würde heute noch seine Runden auf dem Eisoval drehen, wenn da nicht eine muskuläre Dysbalance gewesen wäre, die mit Kufen unter den Füßen immer wieder Probleme machte. Auf dem Rad, das einst nur im Training und bei der Reha zum Einsatz kam, war davon nichts zu spüren. Und so vollzog sich der Wechsel, denn die Werte, die er auf dem Ergometer trat, zeigten durchaus Potenzial.
Sein erstes UCI-Rennen fuhr Jasch für das deutsche Amateur-Team Max Solar. Jene Oberösterreich-Rundfahrt beendete er auf Anhieb als Zehnter. Über den Kontakt zu Dan Lorang, Trainer bei Red Bull – BORA – hansgrohe (zumindest noch bis zum Sommer), wechselte er 2025 in das Development-Team des deutschen WorldTour-Rennstalls und fuhr dort erste Erfolge ein. Im September gewann er den Giro della Regione Friuli Venezia Giulia. Das italienische Rennen mit dem sperrigen Namen gehört zur Kategorie 2.2, Profis aus der ersten Liga des Radsports sind damit vom Start ausgeschlossen.
Dass Jasch aber auch gegen die größeren Namen bestehen kann, bewies er nun bei der Tour of the Alps, einem Rennen der zweithöchsten Kategorie im Radsport. Auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner noch jungen Karriere sprach er bei TOUR über die zurückliegende Tour of the Alps, seinen Wechsel vom Eisschnelllauf zum Radsport und seine zukünftige Entwicklung.
TOUR: Ein Video auf Ihrem Instagram-Profil zeigt Sie auf der Bühne der Tour of the Alps beim Champagner-Jubel über das im Rennen nie getragene, aber am Ende doch gewonnene Bergtrikot. Das sah schon recht routiniert aus. Wo haben Sie gelernt, wie man mit diesen Flaschen umgeht? Das sowas auch mal schiefgehen kann, hat Biniam Girmay eindrucksvoll bewiesen, als er 2022 Gent-Wevelegem und damit sein erstes großes Rennen gewann.
Lennart Jasch: Das habe ich tatsächlich 2024 im Teamcamp von Red Bull gelernt (lacht). Fürs Teambuilding haben wir da ein Seifenkistenrennen veranstaltet, ich war Fahrer. Hinterher bekamen wir auch alle eine Champagnerflasche. Ich hatte das noch nie gemacht. Und bis ich sie aufhatte und rumspritzen konnte, waren alle anderen schon lange fertig. Das hat mich gewurmt und dann hatte ich mir vorgenommen, mir mal genauer anzuschauen, wie das funktioniert, weil ich mich nicht komplett blamieren wollte, falls ich doch mal irgendwann etwas gewinne. Und bei Friuli hatte ich dann ja auch nochmal die Chance, ein bisschen zu üben.
Wo kommt die aktuelle Topform her? Zumindest die Ergebnisse in den bisherigen Rennen haben die nicht unbedingt angedeutet.
Ich würde gar nicht unbedingt sagen, dass es eine Topform ist. Sondern vielmehr ein kontinuierlicher Aufbau, eine grundsätzliche Steigerung meines Leistungsniveaus. Ich bin im ersten Teil der Saison viele Rennen gefahren, hatte ab März dann aber auch Zeit für zwei sehr gute Trainingsblöcke zu Hause. Das kommt nicht von einem Höhentrainingslager oder so. Ich denke, es ist einfach eine natürliche Weiterentwicklung.
Weiterentwicklung ist ohnehin ein gutes Stichwort. Wo sehen Sie den größten Unterschied zwischen dem Lennart Jasch aus 2025 und dem von jetzt?
Der Elefant im Raum ist natürlich dieses Ergebnis. Aber wenn man ein bisschen hinter die Fassade schaut, um zu sehen, wo das herkommt, landet man wahrscheinlich schnell bei dem Punkt, dass ich einfach noch selbstsicherer geworden bin und die Skills, die ich mir über die letzten Jahre erarbeitet habe, noch weiter gefestigt habe. So kann ich mit mehr Selbstvertrauen in die Rennen starten. Das hat sich dann zum Beispiel auch bei meinem Sieg gezeigt, als ich in der Ausreißergruppe war. Da habe ich eben direkt an mich geglaubt und nicht gesagt: ‘Mal sehen, was jetzt hier wird, so wie es in der Vergangenheit wahrscheinlich der Fall gewesen wäre.‘ Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, dass der Anteil von Beinen und Kopf bei 50:50 liegt, der mentale Faktor also wirklich sehr groß ist.
Ein Faktor, der ebenfalls groß ist, ist die Gesundheit. Sie mussten sich vom Eisschnelllaufen, das Sie seit Ihrer Jugend betrieben, aufgrund von muskulären Dysbalancen zurückziehen. Mittlerweile betreiben Sie den Radsport intensiv. Die Probleme sind nicht zurückgekehrt?
Nein, zum Glück bin ich nach wie vor beschwerdefrei. Und ich habe mittlerweile auch ein paar andere Eisschnellläufer-Wehwehchen raustrainieren können. Wenn man immer nur in eine Richtung fährt – es geht ja immer gegen den Uhrzeiger, also links herum – dann gewöhnt sich der Körper daran und man wird irgendwie auch ein bisschen schief. Aber das hat sich wieder gegeben, ich bin jetzt wieder gerade wie ein normaler Mensch (lacht). Aber es wäre ja auch so: Wenn man irgendwelche größeren Probleme hat, dann kann man es eigentlich ohnehin vergessen, auf so einem Niveau zu fahren. Wenn da irgendetwas nicht zu 100 Prozent mit dem Körper stimmt, dann fällt das sehr schnell auf.
Es passt aber gerade alles bei Lennart Jasch. Und das spiegelt sich dann auch in den Ergebnissen wider. In welche Richtung soll es für Sie weitergehen, worauf wollen Sie sich spezialisieren?
Weil ich vom Eislaufen komme, liegen mir die kürzeren Sachen noch sehr gut. Durch das intensive Krafttraining habe ich daher für einen Bergfahrer jetzt noch relativ viel Explosivität. Aber die klassischen Bergfahrer-Sachen, 45 Minuten berghoch, die konnte ich bisher noch nie so wirklich ausprobieren. Zumindest nicht im Rennen. Von den Powerdaten im Training könnte das vielleicht gehen. Aber so richtig haben wir uns da mit dem auch noch nicht festgelegt. Das ist auch eines der Ziele für dieses Jahr, abzustecken, was mir am besten liegt. Auch ein Profil wie jetzt zum Beispiel bei Lüttich-Bastogne-Lüttich bin ich noch nie gefahren. Tendenziell wird es aber wahrscheinlich schon Richtung Klassement- oder Bergfahrer gehen. Das zeigt sich ja auch darin, dass ich meine Ergebnisse bisher eher auf profiliertem Terrain geholt habe.
Wie sieht es denn mit Zeitfahren aus? Das kommt dem Eisschnelllaufen ja noch am nächsten.
Vom Mentalen her schon. Aber Zeitfahren ist eine schwierige Sache. Ich habe bislang erst ein richtiges Zeitfahren gemacht, das war bei den Deutschen Meisterschaften im letzten Jahr. Ich glaube, wer im Zeitfahren Weltklasse werden will, muss dafür auch bezahlen. Also, wenn du nicht im Windtunnel warst und kein Custom Cockpit hast und nicht dies und das machst und sehr viel Zeit investiert, dann ist man da chancenlos. Aktuell habe ich vom Team sozusagen ein Zeitfahrrad von der Stange bekommen und trainiere alle zwei Wochen mal darauf. Ich denke, wenn man mal anfängt, die notwendigen Investitionen zu tätigen und das Projekt angeht, würde man auch relativ schnell sehen, was sich herausholen lässt. Wenn man dann vom CdA-Wert (Coefficent of Drag Area, die wichtigste Metrik zur Quantifizierung der aerodynamischen Effizienz eines Radsportlers) noch meilenweilt hinterherhinkt, weiß man auch schnell, dass man vielleicht nicht der geborene Zeitfahrer ist. Irgendwann wird das auch bei mir anstehen.
Sie haben im Winter das Team gewechselt, sind vom Development-Team von Red Bull – BORA – hansgrohe in das von Tudor gewechselt.
Und ich bin zufrieden damit. Ich wurde super aufgenommen im Devo-Team, aber auch bei den Profis. Und ich denke, ich habe mir meinen Platz und auch den Respekt schon erarbeitet.
Bisher waren Sie fast ausschließlich mit den Profis unterwegs. Ist das ein Zeichen?
Es ist vor allem ein Zeichen für mein Alter (lacht). Das Devo-Team ist ja in erster Linie eine U23. Und da gehöre ich nicht mehr dazu. Im bisherigen Teil der Saison standen da aber die großen und wichtigen Rennen dieser Altersklasse auf dem Programm. Und es hätte keiner etwas davon gehabt, wenn ich da überhaupt keine Rennen gefahren wäre. Das war letztes Jahr schon dasselbe. Ich habe die Phase jetzt einfach genutzt, um zu schauen, wie es ist, bei den Profis mitzufahren, Erfahrungen zu sammeln. Im zweiten Teil der Saison wird es dann ein Mix aus Rennen mit dem Pro- und dem Devo-Team. Dort soll es dann noch mehr darum darum gehen, zu lernen, wie man im Finale fährt und hoffentlich auch gewinnt.
Aber das hat jetzt auch schon bei den Profis geklappt.
Ja, aber auch aus einer Situation heraus, in der ich eigentlich Helfer für unseren Kapitän Michael Storer war. Ich bin ursprünglich in die Ausreißergruppe gegangen, um für uns abzusichern, dass wir hinten nicht arbeiten müssen. Dass es sich dann so entwickelt, wie es passiert ist, das war nicht absehbar gewesen.
War der Angriff auf das Bergtrikot am Schlusstag, nachdem Sie zuvor die 4. Etappe gewonnen hatten, ebenfalls so etwas wie ein Zufallsprodukt?
Ich würde sagen, es war ein netter Beifang (lacht). Genau wie der Umstand, dass es dann ja neben dem Blauen Trikot auch noch für das Schwarze gereicht hat, dass der Fahrer mit den meisten Kilometern in der Ausreißergruppe bekommt. Eigentlich war es aber wie am Vortag. Wir wollten keine große Gruppe gehen lassen. Als attackiert wurde, war ich wieder vorn mit dabei. Und dann war ich in der Gruppe mit den zwölf Fahrern. Als wir weg waren, hatte ich Kontakt zum Auto. Und da hat sich dann herausgestellt, wenn ich diese eine Bergwertung gewinne, dann bin ich Erster in der Wertung und es müsste schon verrückt kommen, dass ich die am letzten Berg noch verliere. Als es so weit war, habe ich dann zum Sprint angesetzt und bin als Erster über den Berg. Und nun habe ich eine Medaille (für den Tagessieg) und zwei besondere Trikots zu Hause. Eingerahmt sind sie schon. Aber ich weiß noch nicht genau, wo ich sie hinhängen werde.