Biniam GirmayZu Besuch bei einem Nationalhelden

Zu Hause bei Biniam Girmay
Foto: Witters

Ein Heimatbesuch mit Biniam Girmay, der Eritrea mit seinen Siegen bei Gent-­Wevelgem und Giro d’Italia auf die Landkarte des Weltradsports gesetzt hat. Umgekehrt öffnet der 23-jährige Radprofi, dessen Rennen im eritreischen Fernsehen gezeigt werden, seinen Landsleuten ein Fenster zur Welt.

Text: Philippe Le Gars / L’Equipe - deutsche Bearbeitung: Andreas Kublik

Hausbesuch bei Biniam Girmay

Das Sonnenlicht dringt sanft durch die kleinen Fenster der Boeing 737 – im Flieger sitzen Dutzende Reisende aus Eritrea, die Gepäck­fächer sind voll gepackt mit Plastiktüten in den Farben des Duty-free-Shops am Flug­hafen Dubai. Dort haben sich viele vor der Heimreise mit Dingen des täglichen Bedarfs eingedeckt.

Draußen sind von oben die ersten Hügel der Hochebene Eritreas zu sehen, die unendlich scheinende Wüstenlandschaft macht Platz für die ockerfarbenen Klippen an der Küste des Roten Meeres.

So sehen Radprofis aus Eritrea ihre Heimat bei der Rückkehr aus EuropaFoto: Witters
So sehen Radprofis aus Eritrea ihre Heimat bei der Rückkehr aus Europa

Während des Anflugs auf die Hauptstadt Asmara tauchen Felder auf, riesige Heuballen darauf, eingepackt in buntes Plastik. Noch ehe man die ersten großen Siedlungen erreicht, sieht man über Dutzende von Kilometern verstreut kleine, niedrige Hütten entlang von Pfaden, die sich durch die Hügel winden.

Champs-Elysees von Asmara

Dann, auf 2300 Meter Höhe, sticht die Landebahn des Flughafens ins Auge. Rundherum viele Militärposten und Wachtürme, die Reisende an die politische Lage im Land erinnern. Eritrea befindet sich im Kriegszustand, mal mehr, mal weniger in offener Auseinandersetzung mit den Nachbarn in Äthiopien und Dschibuti; regiert vom allmächtigen Präsidenten Isayas Afewerki, der bisher ein einziges Mal gewählt wurde: im Jahr 1993.

Die Legende wird verbreitet, dass man den volksnahen Führer in den Straßen von Asmara treffen könne, wenn er auf dem Weg zum Präsidentenpalast am Ende der Hauptstraße Harnet Avenue ist. Die Eritreer nennen die Straße in einem Anflug von Ironie die “Champs-Elysees von Asmara” – dort finden auch die meisten Radrennen im Land statt.

Beim Heimatbesuch bringt Girmay (links) Radklamotten für Freunde als Mitbringsel mitFoto: Witters
Beim Heimatbesuch bringt Girmay (links) Radklamotten für Freunde als Mitbringsel mit

Der Legende zum Trotz: Man findet niemanden, der den Präsidenten jemals wirklich persönlich getroffen hat – es sei denn, es handelt sich um einen der heimischen Radprofis. Fast alle von ihnen wurden bereits im Präsidentenpalast empfangen, wenn sie zurück aus Europa kamen. Die Radsportler gelten gleichsam als gern gezeigte Exportware des Landes.

Das Erbe der italienischen Kolonialherren

Los ging der internationale Aufstieg des eritreischen Radsports mit Merhawi Kudus und Daniel Teklehaimanot, die 2015 als erste Radprofis ihres Landes an der Tour de France teilnahmen. Teklehaimanot trug damals sogar für ein paar Tage das Gepunktete Trikot des besten Kletterers, der Präsident hatte ihm als Belohnung eine Wohnung in Asmara angeboten. Danach blieben herausragende Rad­sport­erfolge eine Weile lang aus – aber das lag auch daran, dass das Land aufgrund der Pandemie für mehr als ein Jahr abgeriegelt war.

Rom Afrikas

Bis vor einem Jahr Biniam Girmay auftauchte und die Welt wieder darauf aufmerksam machte, welche Bedeutung der Radsport hier am Horn von Afrika hat. Er war der erste Afrikaner, der den Kopfstein-Klassiker Gent-Wevelgem gewann, und wenige Wochen später feierte er als erster Radsportler aus Subsahara-Afrika einen Etappensieg beim Giro d’Italia – der Rundfahrt im Land der einstigen Kolonialherren.

Erinnerung an die Kolonialzeit: Die Kirche Santa Maria del Rosario in Asmara ist vom italienischen Baustil geprägtFoto: Witters
Erinnerung an die Kolonialzeit: Die Kirche Santa Maria del Rosario in Asmara ist vom italienischen Baustil geprägt

Asmara nennen sie auch das “Rom Afrikas”, weil die Überbleibsel der italienischen Kolonialzeit – vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1941 – nahezu unversehrt sind. Eritrea hat nicht alle Brücken zur Vergangenheit abgebrochen – es gibt immer noch Cafés oder Restaurants mit ­Namen wie Gianna, Piccolo oder Bologna oder ein altes Kino namens Roma, in dem italienische Filme aus den 1950er- und 60er-Jahren gezeigt werden. “Wir sind vielleicht das einzige Land in Afrika, das der italienischen Ära nachtrauert”, sagt einer der alten Eritreer, die man auf der Straße trifft.

Virtuelle Fernreisen

Die Menschen hier gehen in Bibliotheken und Archive wie die des französischen Kultur­instituts Alliance francaise, wenn sie sich ein Bild davon machen wollen, wie das Leben draußen aussieht – außerhalb der seit der Unabhängigkeit 1993 hermetisch abgeriegelten Landesgrenzen. Die Bewohner Eritreas reisen anders: “durch die Bilder von der Tour de France oder vom Giro d’Italia”, sagt der Kartograf Beyene Surafiel. Er ist ein Freund des Profi-Rennfahrers Merhawi Kudus. “Wenn ich im Juli fernsehe, liste ich alle Talsperren mit Wasserkraftwerken auf, die gezeigt werden, und zeichne sie nach”, erzählt er.

Im vielleicht einzigen Land der Welt, in dem Radsport die Sportart Nummer eins ist, kann man die Nationalhelden auf zwei Rädern live begleiten, mit ihnen auf Weltreise gehen. Aber auch nicht immer. In seiner Heimat blieb der Sieg von Biniam Girmay auf dem nassen Kopfsteinpflaster von Gent-Wevelgem im vergangenen März fast unbemerkt. “Die einzigen Klassiker, die man im eritreischen Fernsehen sehen kann, sind Mailand-San Remo und Paris-­Roubaix. Mein Etappensieg beim Giro hat deshalb viel mehr Aufmerksamkeit erregt”, erläutert der bisher beste Radsportler des Landes selbst. Doch die Geschichte von seinem Durchbruch hat sich längst mit allen Details verbreitet. “Mittlerweile weiß jeder, wie die Straßen Flanderns mit dem Kopfsteinpflaster und den Hellingen aussehen”, ergänzt Biniam. Er wird von allen nur beim Vor­namen genannt – das ist so Brauch in Eritrea. In seinem Pass stehen die Namen “Girmay” und “Hailu”.

Der erfolgreiche Radprofi Biniam Girmay wird auf der Straße erkanntFoto: Witters
Der erfolgreiche Radprofi Biniam Girmay wird auf der Straße erkannt

Dies sind nicht weitere Nachnamen, sondern die Vornamen seines Vaters und Großvaters, wie sie bei allen eritreischen Bürgern im Ausweis-Dokument stehen. “Ich erinnere mich an meine ersten offiziellen Rennen. Bei der UCI wussten sie nicht, wie ich richtig heiße, ich hatte zwischenzeitlich sogar drei Lizenznummern auf einmal, jede war auf einen anderen meiner Namen ausgestellt”, erzählt Biniam lächelnd.

Biniam Girmay gewinnt die 10. Etappe des Giro ´d Italia 2022Foto: Getty Velo
Biniam Girmay gewinnt die 10. Etappe des Giro ´d Italia 2022

Jetzt kennt man ihn. Mit nur 23 Jahren sticht Biniam heraus – wegen seiner Erfolge und wegen des Interesses, das er in seinem Heimatland überall auf sich zieht. In Asmara vermeidet er es, auf die Straße zu gehen – aus Angst, angesprochen zu werden. “Ich mag keine Menschenmassen, oder wenn sich alle auf mich stürzen”, rechtfertigt er sich und lehnt es ab, rund um die Kirche Santa Maria del Rosario Fotos zu machen.

Denn dieser Mittwoch Ende November 2022 ist ein Kirchen-­Feiertag, große Festlichkeiten sind rund um das Kirchengebäude geplant, Menschenaufläufe zu erwarten. Er lässt sich lieber auf der Terrasse eines abgelegenen Cafés nieder. Am Abend wird er zurückkehren und möglichst inkognito mit Merhawi Kudus in die zur Kirche gehörende Schule gehen, wo sie am Religionsunterricht teilnehmen.

Biniam Girmay - Der Traum wird Realität

Miriam Habte, junge Radsport-Kommissärin und im Direktionskomitee des Verbandes zuständig für den Frauen-­Radsport, nennt Biniam “einen großen Weisen – trotz seines geringen Alters”. Sie betont: “Selbst wenn er Englisch spricht, spürt man eine natürliche Kraft in seinen Worten. Er ist ein Vorbild für viele Junge, durch ihn haben wir beim Verband viele neue Mitgliedschaften von Burschen. Er hat einen Trend ausgelöst wie damals Daniel (Teklehaimanot; Anm. d. Red.).”

Die Wachablösungen gehen schnell in Eri­trea. Die Generation um Teklehaimanot stieß vor sieben Jahren an die Spitze, Biniam war damals 15 Jahre alt: “Ich stand am Straßenrand, als der Korso mit Daniel nach seiner Rückkehr von der Tour de France im Juli 2015 vorbeikam. Das war ein unglaub­liches Fest. Wie alle Jungs um mich herum träumte ich damals davon, an seiner Stelle zu sein – aber ich konnte mir nicht vorstellen, das wirklich einmal zu erleben.”



Bei seiner eigenen Rückkehr vom Giro im vergangenen Juni bekam Biniam Girmay einen vergleichbaren Empfang. Daniel Teklehaimanot war auch dabei – am Steuer eines der Autos im Korso. Das Auto, in dem Biniam saß, steuerte Zersenay Tadese, der erste Olym­pia-­Medaillengewinner in der Geschichte Eritreas: Er gewann 2004 in Athen Bronze im 10000-Meter-Lauf.

Der junge Radsportler Biniam Girmay ist nun unter den Besten angekommen. Aber das war keineswegs immer gewiss. “Ich hätte mir 2015 niemals vorstellen können, dass Bini einmal ein erfolgreicher Radprofi wird”, erinnert sich Samson Solomon, der Nationalcoach und einst Biniams erster Trainer im Vor­zeige-Radclub des Landes. “Er war damals 16 Jahre alt, und wie bei allen Jungs in diesem Alter konnte man nicht wissen, wie es ihm gelingen würde, sich an das Leben in Europa anzupassen.”

Samson Solomon war einst der erste Trainer von Biniam GirmayFoto: Witters
Samson Solomon war einst der erste Trainer von Biniam Girmay

Gemeinsamer Urlaub, getrenntes Training

In Eritrea bereitete sich Biniam Girmay im vergangenen Herbst und Winter auf die neue Saison vor, nachdem er sich ein paar Tage Urlaub in Massaua am Roten Meer gegönnt hatte – gemeinsam mit den befreundeten Radprofis Henok Mulubrhan von der italienischen Mannschaft Green Project-Bardiani, Natnael Tesfatsion und Amanuel Ghebreigzabhier von Trek-Segafredo und Kudus, der bei EF Education EasyPost unter Vertrag steht.

Die Hafenstadt Massaua, im Zweiten Weltkrieg wichtigster Schauplatz der Militäroperation der Alliierten gegen die Italiener, später in den 1970er-Jahren Schlachtfeld im Unabhängigkeitskrieg gegen Äthiopien, ist normalerweise eines der Ziele bei den Trainingsfahrten der Radprofis, rund drei Stunden von Asmara entfernt und 2400 Meter tiefer gelegen. Kein leichtes Terrain: Auf dem Rückweg in die Hauptstadt geht es 70 Kilometer weit bergauf.

Doch die Freunde schaffen es nicht mehr, gemeinsam Rad zu fahren, so wie vor ihrer Zeit als Profis. Jetzt hat jeder seinen eigenen Trainingsplan vom Team. “Manchmal begegnen wir uns auf dem Rad, aber jeder von uns führt ein eigenes Leben”, erzählt Biniam, der weiß, dass er in eine andere Welt eingetreten ist: “Ich führe ein anderes Leben als zuvor, aber ich vergesse nie meine Wurzeln. Die liegen hier in Asmara.”

Trainingsfahrt gemeinsam mit Freunden auf den Straßen EritreasFoto: Witters
Trainingsfahrt gemeinsam mit Freunden auf den Straßen Eritreas

Und er pflegt die Verbindungen in die Heimat. Biniam hat alle überrascht am Abend nach seinem Sieg in We­vel­gem, am 27. März vergangenen Jahres. Da kündigte er an, dass er nicht an der Flandern-Rundfahrt am darauf folgenden Sonntag antreten werde, weil er lieber heim nach Eri­trea reisen wolle.

Biniam Girmay - Ein Rennfahrer, wie jeder andere

“Damals hatte ich meine Frau und meine Tochter drei Monate lang nicht gesehen. Deshalb stand es nicht zur Debatte, dass ich mein Programm ändere. Danach hätte man mich gebeten, auch noch bis Paris-Roubaix zu bleiben – es hätte nie aufgehört”, begründet Girmay den Schritt und beweist: Er denkt und handelt schon wie ein Chef.

Biniam Girmay gewinnt Gent-Wevelgem im März 2022Foto: Getty Velo
Biniam Girmay gewinnt Gent-Wevelgem im März 2022

Während der Foto­sessions in Asmara in der Woche zuvor hatte er sich geweigert, mit der Flagge seines Landes zu posieren. “Würde man das von van Aert verlangen?”, rechtfertigte er sich. “Ich denke, es ist unnötig, mich mit meinem Land in Verbindung zu bringen. Jeder weiß, woher ich komme. Ich möchte nicht mehr auf meine Herkunft reduziert werden. Ich will jetzt ein Rennfahrer sein wie jeder andere.”

Wissbegierig und anpassungsfähig

Dann teilt er sich mit Kudus und Berhane ein Injera, ein landestypisches riesiges Fladenbrot – die beiden sieht er als seine großen Brüder im Radsport an. “Mich interessiert es nicht, dass ich in den sozialen Medien im Mittelpunkt stehe, nur weil mir ein Sektkorken ins Auge gesprungen ist”, betont er. Direkt nach seinem Giro-Etappensieg in Jesi war das Malheur während der Siegerehrung passiert, die Bilder gingen viral. “Ich hatte zehn Tage lang Angst, ich könnte mein Augenlicht verlieren. Aber die Leute haben sich über diese Situation im Netz lustig gemacht – und dabei vergessen, dass ich eine Etappe gewonnen hatte”, sagt er. Auf seinem Smartphone hat er viele Karikaturen gespeichert, darunter eine, auf der er als Jack Sparrow zu sehen ist, als Titelfigur aus dem Piraten-­Film “Fluch der Karibik”. Auch Monate später ringt ihm das Bild nur ein gequältes Lächeln ab.

Girmay mit den Berufs­kollegen Merhawi Kudus (links) und Natnael Berhane (rechts) beim EssenFoto: Witters
Girmay mit den Berufs­kollegen Merhawi Kudus (links) und Natnael Berhane (rechts) beim Essen

Während er später im Auto durch die Straßen Asmaras steuert, um den Besuchern die Stadt zu zeigen, läuft Musik des Rappers Jul aus Marseille in Endlosschleife. “Das ist Marseille, Baby!”, murmelt er auf Französisch. Er hat seine Anfänge als Profi in Marseille beim dortigen Team Delko-­Marseille nicht vergessen.

Der 23-jährige Binaim GirmayFoto: Witters
Der 23-jährige Binaim Girmay

Damals lebte er in Aix-en-Provence. Als er das erste Mal von dort nach Eritrea zurückkehrte, schrieb er sich gleich am französischen Institut für einen Sprachkurs ein. “Ich hatte in der Schule Englisch, mein Vater bestand darauf. Er meinte, das würde mir später im Leben helfen. Aber ich wollte auch die Sprache des Landes lernen, in dem ich lebte. Jetzt verstehe ich Französisch gut und spreche es ein bisschen”, erzählt er.

Mit 22 hat er bereits eine eigene Familie, wie die meisten seiner Kumpel, die früh geheiratet haben. Wer verheiratet ist, wird nicht an die Front geschickt, wo die Armee Eri­treas die gegnerischen Truppen aus Äthiopien bekämpft. Die Generalmobilmachung, die der Präsident am 14. September 2022 für alle Bürger unter 55 Jahren verfügt hat, hat alle noch mal daran erinnert, dass sich das Land im Kriegszustand befindet – eigentlich durchgehend seit der Unabhängigkeit.

Ein Leben in zwei Welten

Biniam Girmay führt ein privilegiertes Leben – er hat nicht die gleichen Dinge durchgemacht wie die meisten seiner Landsleute. Doch auch für ihn ist es schwierig, sich mit Leuten im Ausland auszutauschen, weil es in Eritrea keinen freien Zugang zum Internet gibt. So brauchte er die Hilfe von Muriel Soret, seit zwei Jahren französische Botschafterin in Asmara. Aus den zwei Büroräumen heraus, die sich Soret mit ihrer Stellvertreterin Clara Barroso teilt, hat Biniam seinen neuen Vertrag mit der belgischen Mannschaft Intermarche-Wanty ausgehandelt.

Tor zur Welt: Der Sitz des Radsportverbandes in AsmaraFoto: Witters
Tor zur Welt: Der Sitz des Radsportverbandes in Asmara

Bald wird er nach Monaco umziehen und dann viele große Radsport-Champions als Nachbarn haben. Sein Agent Alex Carera kümmert sich auch um die Geschäftsangelegenheiten von Tadej Pogacar. “Es wird ein anderes Leben werden”, glaubt Girmay, “aber ich werde dort nicht zu viel Zeit verbringen. Wenn ich nicht gerade Rennen fahre, werde ich hierher nach Asmara zurückkehren.” Wegen des Heimatbesuchs zwischen den Radsport­jahren ließ er auch das erste Trainingslager seines Teams in Spanien aus, stieß erst im Januar zu den Mannschaftskameraden.

Biniam Girmay - Populär über Landesgrenzen

In den Straßen der Hauptstadt bleibt derweil das Auftauchen zweier Radsport-Journalisten nicht unbemerkt – denn in Eritrea bekommen Vertreter ausländischer Medien nur sehr selten ein Visum. Die Menschen sehen auch daran, dass Biniam längst über die Landesgrenzen hinweg populär ist. Bei der Spuren- und Stimmensuche landen wir im alten Stadtkern von Asmara, wo sich bei der Architektur Art déco mit Gebäuden aus der italienischen Kolonialzeit mischt.

Typisch: Fruchtig ist das Angebot auf dem Markt in AsmaraFoto: Witters
Typisch: Fruchtig ist das Angebot auf dem Markt in Asmara

Der Markt für die Metall­händler hier wirkt wie ein buntes Allerlei. Alles Mögliche an Material wird hier abgeladen, von leeren Motoröldosen bis zu Auto­wracks, um wiederverwertet zu werden von Arbeitskräften jeden Alters, vom kaum Sechsjährigen bis hin zum vom Leben gezeichneten Senior.

Hier arbeitet auch Musie Goitom als Schmied – früher ein erfolgreicher Radsportler, bis er seine Karriere Anfang der 2000er-­Jahre beendete. “Ich hatte nicht die Möglichkeit, in alle Welt zu reisen”, erzählt Musie und schiebt dabei seine Schweißerbrille hoch. Dann sagt er: “Bini muss wissen, dass jetzt alle noch mehr von ihm erwarten. Er muss seriös bleiben und sich nicht zu sehr vom Scheinwerferlicht blenden lassen.”

Das Fahrrad ist in Asmara ein weit verbreitetes FortbewegungsmittelFoto: Witters
Das Fahrrad ist in Asmara ein weit verbreitetes Fortbewegungsmittel

Biniam Girmay - Bruch mit der Tradition?

Biniam hat sich dagegen entschieden, von den Altvorderen zu lernen – so wie es lange Tradition im Radsport Eritreas war. Anfangs hat er sich ans Hinterrad von Meron Teshome geheftet, der damals Profi beim deutschen Team Bike Aid war, und von diesem eher Rat geholt als von Daniel Teklehaimanot, dem ersten großen Radsportidol Eritreas.

Vielleicht spricht Letzterer auch deshalb eher reserviert über den aufstrebenden Landsmann: “Biniam muss seine Karriere selbst gestalten. Er muss wissen, wo es hingehen soll. Sobald es nicht mehr so gut für ihn läuft, wird er daran erinnert werden, dass er Afrikaner ist. Man vergisst uns schneller als die anderen.”

Biniam Girmay hat diese und ähnliche Ratschläge schon oft gehört – das ist auch der Grund, warum er sich möglichst von der älteren Generation fernhält, ihren Vertretern ausweicht – dank einiger Tricks wie dem, regelmäßig seine Telefonnummer zu wechseln. Er möchte seine ganz eigene Geschichte schreiben, die ihn in der neuen Saison erstmals zu Flandern-Rundfahrt, Paris-Roubaix und natürlich zur Tour de France führen soll.

Biniam Girmay bevorzugt Fotoaufnahmen in ruhigen Seitenstraßen – er will keinen Menschenauflauf 
verursachenFoto: Witters
Biniam Girmay bevorzugt Fotoaufnahmen in ruhigen Seitenstraßen – er will keinen Menschenauflauf verursachen

Bei seinem Tour-Debüt weiß Biniam ein ganzes Land hinter sich – sowohl die Vertreter der mächtigen Diaspora, die sich bei jedem Radrennen sichtbar und hörbar am Streckenrand einfinden, als auch die Menschen in der Heimat: Die werden im kommenden Juli jeden Nachmittag früh mit der Arbeit aufhören, sich in Kinosälen oder in Bars vor den Bildschirmen mit den Live-Übertragungen von der Tour de France versammeln – um dann mit ihrem neuen Idol zu träumen und mit ihm durch Frankreich zu reisen.