Ob 2022 Matej Mohorics Kniff mit absenkbarer Sattelstütze, 2018 Vincenzo Nibalis Überraschungsangriff am Poggio oder Gerald Cioleks Sieg bei Schnee und Eis 2013 - Mailand-San Remo lieferte in den letzten zehn Jahren fast immer Geschichten, die in jeden Jahresrückblick gehören. Das Jahr 2023 steht dem in nichts nach.
Mit Tadej Pogacar, Wout van Aert und Mathieu van der Poel trafen die drei prägenden Figuren der Klassikersaison 2023 hier erstmals aufeinander. Wie immer stand die Frage im Raum: Ausreißer oder Sprinter? Doch die war 2023 recht schnell beantwortet. UAE Team Emirates zerlegte das Peloton bereits früh am Poggio in seine Einzelteile. Als nach den ersten acht Fahrern ein kleines Loch zum Rest der Gruppe aufging, sorgte Pogacars Teamkollege Matteo Trentin mit einem schlitzohrigen Manöver dafür, dass die Fahrer hinter ihm den Anschluss zur Spitze nicht mehr herstellen konnten.
Vorne drückte Tim Wellens derweil unverdrossen aufs Tempo. 6,6 Kilometer vor dem Ziel erfolgte die Attacke von Pogacar. Filippo Ganna sprang sofort mit. Mathieu van der Poel befand sich zu diesem Zeitpunkt in den hinteren Positionen. Der Niederländer hielt sich dezent zurück, nutzte den Windschatten von Wout van Aert, um wieder zu Pogacar aufzuschließen. Als sich viele Zuschauer schon auf eine Pattsituation zwischen Pogacar, van Aert und van der Poel eingestellt hatten, butterte van der Poel nochmal eins obendrauf. Weder van Aert, noch Pogacar konnten der Attacke des Niederländers kurz vor der berühmten Telefonzelle am Poggio di San Remo folgen.
Mit drei Sekunden Vorsprung ging van der Poel in die Abfahrt, van Aert setzte nach, die beiden Ausnahmekönner auf dem Rad egalisierten sich in der Abfahrt, im Flachen ging die Lücke weiter auf, der Rückstand von van Aert, Pogacar und Ganna wuchs auf elf Sekunden an. Es war klar: Nur noch ein Sturz oder ein Defekt können van der Poel stoppen. 100 Meter vor dem Ziel richtete sich der Führende auf, klopfte sich auf den Helm und trat in die Fußstapfen seines Großvaters Raymond Poulidor, der 62 Jahre zuvor Mailand-San Remo gewann. Ganna holte Rang zwei, vor van Aert und Pogacar.
Für van der Poel, der sich zuvor schon den fünften Cyclocross-Weltmeistertitel gesichert hatte, war es der Startschuss für eine überragende Straßensaison 2023. Auch wenn er sich bei der Flandern-Rundfahrt mit Rang zwei hinter Pogacar begnügen musste, folgte eine Woche später der Triumph bei Paris-Roubaix und im August der WM-Titel im Straßenrennen.
Und während man in San Remo in den letzten Jahren den einen oder anderen Sieg gesehen hat, der sich erst auf den letzten Metern herauskristallisierte, war es diesmal ein Triumph mit der Brechstange. Van der Poel fuhr seinen Erfolg “a la pedale” heraus, wie es im Radsportjargon heißt, also ohne taktische Spielchen, mit schierer Kraft. Für die 3,7 Kilometer mit 3,9 Prozent mittlerer Steigung hinauf zum Poggio brauchte der Niederländer 5:40 Minuten - sechs Sekunden schneller als die bisherige Bestmarke von Maurizio Fondriest und Laurent Jalabert aus dem Jahr 1995 - obschon 2023 Rückenwindverhältnisse herrschten. Offizielle Daten der Fahrer gibt es nicht, aber laut Gazzetta dello Sport soll van der Poel dabei 564 Watt im Schnitt am Poggio aufs Pedal gebracht haben oder anders gesagt: 7,5 Watt pro Kilogramm über fast sechs Minuten.
Dass Mailand-San Remo ein langweiliges Rennen sein soll, kann ich somit nicht unterschreiben. Die letzten 15 Minuten der Classicissima mit dem Kampf der Rad-Giganten waren für mich die spannendste Viertelstunde im Profi-Radsport 2023 und somit mein Rennradmoment des Jahres.